Nachlese

Um den Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu fördern, sind alle interessierten Besucher jederzeit herzlich zu Veranstaltungen des Heidelberg Center for American Studies eingeladen.

Falls es Ihnen einmal nicht möglich war, eine Veranstaltung zu besuchen, können Sie sich hier über die Kernaussagen der Vorträge und Ergebnisse der Diskussionsrunden informieren.

Auf den folgenden Seiten finden Sie einen Rückblick auf ausgewählte Veranstaltungen des Heidelberg Center for American Studies.

Anthony Marra: A Reading from The Czar of Love and Techno

2015.05.21 Parker

10. Dezember 2015

Die letzte Veranstaltung des Baden-Württemberg Seminars im Jahr 2015 war ein Abend mit dem amerikanischen Autor Anthony Marra, der aus seiner Neuerscheinung The Czar of Love and Techno las (auf Deutsch als Letztes Lied einer vergangenen Welt erschienen). Anthony Marra ist Absolvent der University of Southern California und besuchte anschließend die Autorenwerkstatt an der University of Iowa. Von 2011 bis 2013 war er als Stegner Fellow an der Stanford University.

Anthony Marra hat den Whiting Award, einen Pushcart Prize und den Narrative Prize gewonnen; seine Arbeit wurde außerdem in Best American Nonrequired Reading 2012 aufgenommen. Sein erster Roman, A Constellation of Vital Phenomena, wurde im Mai 2013 veröffentlicht, erhielt den John Leonard Prize of the National Book Critics Circle und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Auch die deutsche Übersetzung Die niedrigen Himmel, begeisterte die Kritiker. Aktuell ist Anthony Marra als Dozent für Literaturwissenschaften an der Stanford Universität.

Der Abend begann mit einigen humorvollen Anekdoten über die Zeit, in der Anthony Marra in Osteuropa gelebt und studiert hat. Die Personen, die er dort kennenlernte, und die Situationen, die er dort erlebte, inspirierten die Kurzgeschichten in „The Czar of Love and Techno“.

In der Eröffnungsgeschichte des Buches trifft der Leser einen sowjetischen Kunstzensor der 1930er Jahre, der Personen, die unter Stalin in Ungnade gefallen waren, aus Bildern herausretuschiert, darunter eine Ballerina und seinen eigenen Bruder auf einem Familienfoto. Die nächste Geschichte springt nach Sibirien in das Jahr 2013 zur Enkeltochter dieser Ballerina und ihren Freundinnen. Jede Kurzgeschichte in The Czar of Love and Techno steht für sich, aber das Gesamtbild ergibt sich dadurch, dass alle Charaktere – manchmal ein wenig verändert – wieder in anderen Geschichten auftauchen. Die Geschichten beschreiben die politische und soziale Landschaft von der UdSSR der 1930er Jahre bis zu den chaotischen Nachwirkungen ihrer Auflösung. In der abschließenden Diskussion charakterisierte der Autor sein Werk nicht in erster Linie als ein bestimmtes Genre, sondern als eine lange Geschichte über Verlust, Beziehungen, Liebe und Familie, und über Kunst und Freiheit.

 

Martha Davis: "Small Places, Close to Home: U.S. Cities and Human Rights"

2015.05.21 Parker

3. Dezember 2015

Das HCA setzte sein Baden-Württemberg Seminar am 3. Dezember fort und begrüßte Martha Davis zu ihrem Vortrag „Small Places, Close to Home: U.S. Cities and Human Rights“. Martha Davis ist Professorin der Rechtswissenschaften an der Northeastern University School of Law und hält in diesem Semester den Fulbright-Lehrstuhl für Menschenrechte am Raoul Wallenberg Institut der Lund Universität in Schweden. An der Northeastern University ist Martha Davis zudem Direktorin des Programms „Human Rights and the Global Economy“ und des NuLawLab. Sie unterrichtet hauptsächlich Verfassungsrecht und professionelle Verantwortung. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf den Bürgerrechten, dem Verfassungsrecht, häuslicher Gewalt, den Menschenrechten, internationalem Recht und juristischer Ethik.

Professor Davis wies zunächst darauf hin, dass der Großteil der Diskussion über Gesundheit als ein Menschenrecht sich auf globale Gesundheitsinitiativen beschränkt und die Anwendung von Menschenrechtsprinzipien auf bedeutsame sozioökonomisch und ethnisch bedingte Ungleichheiten in den Vereinigten Staaten im Wesentlichen ignoriert. Betrachtet man die großen Lücken im Versicherungssystems und den Zugang zu qualitativ hochwertiger Vorsorge in den USA, so wird deutlich, dass die Bemühungen sich zunächst darauf gerichtet haben, ein universales Gesundheitssystem zu entwickeln. Da sich, wie das Institute of Medicine kürzlich berichtete, die Gesundheit der Amerikaner fortlaufend verschlechtert, könnten Menschenrechtsstrategien auch hier eine Wirkung entfalten. Professor Davis bewertete dann die Anwendung von internationalen Menschenrechtsprinzipien einschließlich des „Rechts auf Gesundheit“ im US-Kontext und analysierte, wie bereits existierende Gesetzte genutzt werden können, um Gesundheit als ein Menschenrecht für Amerikas benachteiligte Bevölkerungsgruppen umzusetzen. Die USA haben bis jetzt internationale Menschenrechtsprinzipien nicht national angewendet, besonders nicht jene, die soziale und ökonomische Rechte fördern. Dennoch lassen neue Entwicklungen hoffen, dass eine breitere Gesundheits- und Menschenrechtsbewegung auf den Weg gekommen ist. Neue Studien dokumentieren, dass sich der Gesundheitsstatus von Amerikanern im internationalen Vergleich verschlechtert und dass soziale Faktoren dabei eine ausschlaggebende Rolle spielen.

Um den gerechten Zugang zu Krankenversicherungen und Gesundheitsversorgung zu gewährleisten, bedarf es einer Menschrechtsagenda. Diese sollte Maßnahmen beinhalten, die negative soziale Faktoren bekämpfen und Umwelt-, ökonomische und soziale Bedingungen, die der Gesundheit nützlich sind, fördern. Um jedoch eine wirksame Menschenrechtsstrategie zu entwickeln, müssen die betroffenen Personen und Gemeinden eine Stimme erhalten. Nur dann kann man die sozialen Bedingungen, die sich in den USA auf die Gesundheit benachteiligter Gruppen auswirken, identifizieren, ein größeres Engagement ermutigen und entschieden dazu beitragen, die Situation zu verbessern. Professor Davis hob abschließend hervor, dass eine wirksame Strategie für Gesundheit und Menschenrechte „health care providers“, Rechtsanwälten und das öffentliches Gesundheitssystem miteinbeziehen muss, um die Bevölkerung vor Ort für eine andere Politik zu mobilisieren.

 

Heather Love: "Practices of Description: Reading the Social in the Post-War Period"

2015.05.21 Parker

24. November 2015

Am 24. November begrüßte das HCA zusammen mit dem Anglistischen Seminar der Universität Heidelberg Heather Love im Baden-Württemberg Seminar. Sie sprach über „Practices of Description: Reading the Social in the Post-War Period“, und damit vor allem über ihr gleichnamiges Buchprojekt.

Heather Love ist die R. Jean Browlee Term Associate Professorin am Anglistischen Seminar der University of Pennsylvania. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Vergleichsstudien zu sozialem Stigma, obligatorischem Glück, Transgender-Fiction, Lesemethoden in den Literaturwissenschaften, sowie die Geschichte der Genderstudien und Literatur und Kultur des 20. Jahrhunderts. Sie erhielt 2014 den „Lindback Award for Distinguished Teaching”.

In der Soziologie gelten die 1950er und 1960er Jahre als das „goldene Zeitalter der Mikroanalyse“. In diesen Jahrzehnten wurden neue Aufnahmetechniken und Forschungsmethoden entwickelt, und die Forschung konzentrierte sich zunehmend auf konkrete Kommunikationsübungen, um so detaillierte Portraits von kleineren sozialen Gesellschaften zu erstellen.

Diese Forschung fand über die Grenzen von Disziplinen hinweg statt, und multidisziplinäre Teams arbeiteten daran, Portraits sozialer Interaktion anhand von Mikro-Skalen zu erstellen, um sie umfassender und konkreter zu machen. Das geplante Buchprojekt wird mehrere dieser Projekte vorstellen, die in der Anthropologie, Biologie, Linguistik, Psychologie, Soziologie bzw. Kommunikation angesiedelt sind, um so die Herausforderungen der damaligen Zeit nachzuempfinden.

Professor Love vergleicht diese Projekte der Sozialwissenschaften mit gleichzeitig verlaufenden kulturellen Entwicklungen, beispielsweise dem Realismus im Roman der Nachkriegszeit, und der Performanz des Observational Cinema.

Den Realismus im Roman der Nachkriegszeit betrachtet Heather Love im Kontext von zeitgenössischen methodologischen Debatten. Professor Love führte aus, dass die Wende zur Post-Hermeneutik und beschreibenden Art des Lesens sowie die Zunahme empirischer Humanwissenschaften vor allem ein Resultat quantitativer Methoden und Einblicke der Neurowissenschaften war. Sie hob hervor, dass die meisten Kritiker den Wert dieser neuen Form empirischer Forschung diskreditieren. Im Gegensatz dazu ist sie der Ansicht, dass die älteren Formen der empirischen Forschung ein großes Angebot an Ressourcen für die heutigen Humanwissenschaften bieten, nicht nur epistemologisch, sondern auch methodologische und ethisch.

 

Edward Goetz: "Ruins of the New Deal: Dismantling Social Housing in the U.S."

2015.05.21 Parker

12. November 2015

Das HCA setzte sein Baden-Württemberg Seminar am 12. November mit einem Vortrag von Prof. Edward Goetz vom der Humphrey School of Public Affairs an der University of Minnesota fort. Prof. Goetz sprach über die Gründe für die schleichende Abschaffung des öffentlichen Wohnungsbaus in den Vereinigten Staaten. Seit den großen Wohnungsprojekten des New Deal hat man sich dort zunehmend von der Idee des staatlich finanzierten Wohnungsbaus abgewandt und große Wohnprojekte privatisiert.

Bei seiner Einführung wurde der öffentliche Wohnungsbau, anders als heute, nicht als Wohlfahrtsprogramm gesehen. Prof. Goetz wies auf vier Faktoren hin, die zum Ansehensverlust dieser Programme geführt haben. Der erste ist der sogenannte “Nachbarschaftseffekt”, den die Soziologie in den 1980er und 1990er Jahren ausgemacht hat. Danach kann das Wohnumfeld positive und negative Auswirkungen auf seine Bewohner haben, und dem sozialen Wohnungsbau wurden negative Auswirkungen auf dort aufwachsende Kinder attestiert. Diese Studien wirkten sich negativ auf den gesellschaftlichen und politischen Diskurs aus und beeinflussten viele politische Entscheidungen über die Fortführung der Wohnungsbauprogramme. Dazu kamen neoliberale Theorien über “gemischte” Wohnviertel – man versuchte, unterprivilegierte Bevölkerungsgruppen in “gemischten” Wohnprojekten anzusiedeln, wo nicht alle Bewohner von staatlicher Unterstützung lebten. Diese sogenannten “Opportunity Neighborhoods” sollten vor allem dazu führen, dass arme Familien sich nicht länger in gefährlichen Ghettos gefangen fühlten und ihre Kinder bessere Bildungschancen hatten.

Darüber hinaus führte die Gentrifizierung vieler Stadtviertel dazu, dass die Immobilienwerte gestiegen sind und einkommensschwache Familien verdrängt wurden. Dieser Prozess wird oft von Investoren vorangetrieben, die vor allem Profit erzielen wollen. Auch den Städten kommt die Gentrifizierung in Vierteln mit sozialem Wohnungsbau nicht ungelegen, weil die neuen Objekte oft höhere Steuern abwerfen. So vernachlässigt man öffentliche Wohnblöcke, bis sie am Ende abgerissen werden müssen. Dieser Prozess vertreibt viele einkommensschwache Familien, die auf preiswerten Wohnraum angewiesen sind. Schließlich wies Prof. Goetz darauf hin, dass auch die ethnische Zugehörigkeit der Bewohner etwas damit zu tun hat, dass und wann Sozialwohnungen abgerissen werden. Es fallen überdurchschnittlich viele Bauten, die mehrheitlich von Afroamerikanern bewohnt werden, der Abrissbirne zum Opfer. Oft machen Bewohner gegen solche Entwicklungen mobil, aber nur die wenigsten dieser Proteste sind stark genug, um gegen private Investoren (und die Regierung) anzugehen. Dieser sehr informative und interessante Vortrag resultierte in einer animierten Diskussion, die nicht zuletzt davon bestimmt war, dass etliche Teilnehmer die von Prof. Goetz beschriebenen Entwicklungen in oder nahe ihren eigenen Wohnvierteln erlebt haben.

 

Tobias Endler und Martin Thunert: "Entzauberung: Skizzen und Ansichten zu den USA in der Ära Obama" (HCA Book Launch)

2015.05.21 Parker

10. November 2015

Am 10. November stellten Tobias Endler und Martin Thunert, wissenschaftlicher Mitarbeiter beziehungsweise Senior Lecturer für Politikwissenschaft am HCA, ihre neue Publikation vor. „Entzauberung: Skizzen und Ansichten zu den USA in der Ära Obama“ beschäftigt sich mit der Lage der Nation nach acht Jahren Obama, insbesondere mit dem wirtschaftlichen Wandel innerhalb des Landes. „Entzauberung“ ist auch eine kritische Betrachtung des Supermachtstatus der USA, der weltpolitischen Rolle des Landes und deren globale Auswirkungen für andere Staaten, insbesondere für das Verhältnis zu Deutschland. In ihren Ausführungen beleuchteten die beiden Wissenschaftler außerdem das bevorstehende Ende der Amtszeit Obamas und den anstehenden Präsidentschaftswahlkampf. Als Grundlage ihrer umfangreichenden Analyse der innen- und außenpolitischen Entwicklungen dienten den Autoren vor allem Interviews mit Amerikaexperten an Universitäten und Think Tanks, darunter John Mearsheimer, Dali Yang, Deborah Larson, Robert O. Keohane und Fay Hartog Levin. Der Band setzt sich kritisch mit den Interviewergebnissen auseinander und vermittelt so ein umfassendes Bild davon, wie Amerikas führende Denker während Obamas zweiter Amtszeit die Lage der USA betrachten und welche Prognosen sie für die Zukunft der USA sowohl national als auch international abgeben.

Dabei gehen die Autoren sowohl auf nationale Faktoren wie die aktuell polarisierte politische Landschaft und zentrale Politikfelder wie Energie, Bildung oder Einwanderung ein, als auch auf die Rolle der USA als globale Macht. Die Meinungen der Experten sind ähnlich divers wie die Anzahl der Interviewpartner für das vorliegende Werk. Signifikant ist jedoch der breite Konsens darüber, dass keiner der Experten die USA vor einem Niedergang sieht. Vielmehr ginge es um die Zusammenstellung eines neuen internationalen Portfolios der USA, das entgegen der Erwartungen nicht mit einem Rückgang der globalen Bedeutung der USA einhergehen wird. Hierbei heben Martin Thunert und Tobias Endler die beträchtliche Widerstandsfähigkeit der Weltmacht hervor. Auch wenn sich die Rahmenbedingungen der aktuellen Weltlage verändert haben, so bleiben die Auswirkungen dieses neuen Portfolios auch für andere Staaten relevant.

Als größte Herausforderung für den neuen Präsident oder die neue Präsidentin der USA sieht Martin Thunert, die Aufgabe das Regierungssystem der USA auf Bundesebene wieder funktionstüchtig zu machen und darauf zu achten, dass nicht nur die obere Gesellschaftsschicht von den Fortschritten der Globalisierung und der Digitalisierung profitiert. Auf der internationalen Ebene unterstreichen die Autoren die Rolle Chinas als großer finanzieller Unterstützer der USA und geben die geopolitischen Verschiebungen insbesondere im asiatischen Raum zu bedenken. Bezüglich des stark polarisierenden republikanischen Präsidentschaftskandidaten und Multi-Milliardärs Donald Trump hebt Tobias Endler hervor, dass Trumps augenblicklich führende Rolle in nationalen Umfragen daher rührt, dass es aktuell eine gewisse populistische Grundstimmung bei einem Teil der amerikanischen Wähler gibt.

Als Präsidentschaftskandidat stellt sich Trump auf die Seite der Mittel- und Unterschicht und wendet sich konkret gegen die politischen und medialen Eliten des Landes. Als Gegenpol zu Trump sieht Tobias Endler den selbsterklärten demokratischen Sozialisten Bernie Sanders, der wiederum die Eliten der Wirtschaft und Finanzwelt als Gegner skizziert und sich vom politischen Establishment abwendet, indem er seinen potentiellen Wählern Unabhängigkeit und Authentizität vermittelt. Beide Kandidaten profitieren davon, dass sie die Ängste der jeweiligen Bevölkerungsschicht, die sie adressieren, schüren. Mit dem Beginn der Debatten und der Vorwahlen ab Anfang 2016 wird auch eine Verlagerung der Inhalte einhergehen. Dann wird es verstärkt um konkrete politische Sachfragen und Probleme gehen. Die Autoren prognostizieren eine Schwächung der Kandidaten Trump und Sanders. Das Augenmerk der Medien werde sich dann verstärkt auf Hillary Clinton und Jeb Bush richten.

Tobias Endler betonte diesbezüglich die starke Tradition von politischen Familiendynastien innerhalb der USA und nennt als weitere Beispiele die Familien Kennedy und Roosevelt. Solche politischen Dynastien stellen jedoch keine konkrete Gefahr für die amerikanische Demokratie dar. Anders sieht es mit der starken ideologischen Polarisierung und dem massiven Einfluss von Geld auf die U.S.-Politik aus, da mittlerweile bekannt ist, dass ohne großzügige Spenden kaum noch Ämter zu bekommen sind. Für die Präsidentschaftswahl sehen die Autoren die größte Chance der Republikaner darin, dass es bisher kaum einmal einer Partei gelungen ist, drei Mal in Folge das Weiße Haus zu halten; jedoch muss ein republikanischer Kandidat einige wichtige Bundesstaaten von den Demokraten zurückgewinnen um eine reelle Chance zu haben. Hillary Clinton dagegen muss vermeiden, dass ihre Kandidatur als Selbstläufer gesehen wird.

 

Verleihung des Rolf-Kentner-Dissertationspreises 2015

2015.05.21 Parker

15. Oktober 2015

Am 15. Oktober 2015 fand am HCA die nunmehr sechste Verleihung des Rolf Kentner Dissertationspreises statt. Das Institut stellte außerdem die neuen Mitglieder des MAS und des Ph.D. Programmes einer breiteren Öffentlichkeit vor. Der größte Teil des Abends aber war der Preisverleihung gewidmet. Der Stifter ist einer der ältesten und aktivsten Förderer des HCA und Vorsitzender der Schurmann Gesellschaft. Der Preis wird an eine herausragende noch unveröffentlichte Doktorarbeit in den Amerikastudien verliehen, die an einer deutschen Universität eingereicht wurde.

Preisträger war in diesem Jahr Tom Kaden von der Universität Leipzig. Tom Kaden studierte Germanistik und Soziologie an der Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt/Main und an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau. Zudem ist er Mitglied des DFG-Graduiertenkollegs "Religiöser Nonkonformismus und kulturelle Dynamik" an der Universität Leipzig.

Nach einer kurzen Einführung durch Prof. Günter Leypoldt vom Anglisitischen Seminar der Universität Heidelberg erklärte Tom Kaden in seinem Festvortrag mit dem Titel „Die Entwicklung des amerikanischen Kreationismus seit 1960 bis in die Gegenwart. Eine soziologische Analyse“ dem zahlreich erschienenen Publikum, wie er sich in seiner Dissertation mit dem amerikanischen Kreationismus, den er als eine Form der religiösen Devianz sieht, beschäftigte. Konkret liegt der Fokus der Arbeit auf der soziologischen Erforschung des amerikanischen Kreationismus seit den späten 1950er Jahren. Der amerikanische Kreationismus hat sich danach als Reaktion eine Erwartungshaltung entwickelt, die ihm, meist in Form rechtlicher Entscheidungen, entgegengebracht wurde. Fundament des Streits sind die Weltanschauungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. In seinem Vortrag zeigt Tom Kaden die verschiedenen Varianten des Kreationismus auf und deren weitere Bedeutungen für den Forschungszweig, wie beispielsweise die Einschränkungen des Naturalismus, die ebenfalls erheblich variieren.

Tom Kaden folgert daraus, dass Kreationisten sich nicht unbedingt auf eine bestimmte Position festzulegen und diese gegenüber anderen verteidigen, sondern das jeder Kreationist einen die gesamte Gesellschaft betreffenden inneren Antrieb zur Veränderung hat. Die konfliktreiche Beziehung des Kreationismus zu seiner sozialen Umwelt begründet sich nicht zuletzt durch seinen Einfluss auf Teile des u.s.-amerikanischen Bildungssystems der USA. Zudem wirkt sich der rechtliche, vor allem aber massenmediale Erfolg des Kreationismus negativ auf diesen Konflikt aus. Tom Kadens Dissertation beschäftigt sich aber nicht primär mit der historischen Entwicklung des Kreationismus, sondern betrachtet zusätzlich die damit einhergehende gesellschaftliche Dynamik innerhalb der Wissenschaft. Die Ergebnisse dieses Transformationsprozesses werden als „science education“ und „Neuer Atheismus“ bezeichnet. Diese soziologischen Phänomene wirken sich wiederum auf die Entwicklung des Kreationismus aus. Sowohl der Kreationismus als auch dessen Gegenspieler bilden somit eine dynamische Einheit mit wechselseitiger Abhängigkeit. Dr. Kaden konnte als Folge dieser eben skizzierten Einheit strategische, ideologische und institutionelle Innovationen feststellen und nachweisen, dass das Verhalten der jeweiligen Konfliktseiten einen Einfluss auf das jeweils eigene Verhalten hat. Dieser aufschlussreiche, unterhaltsame und interessant illustrierte Vortrag erhielt viel Beifall. Der anschließende Empfang in der Bel Etage des HCA gab dem Publikum Gelegenheit, bei einem Drink die Ausführungen weiter zu debattieren.

 

Joan D. Hedrick: "Harriet Beecher Stowe and the Holiness Movement"

2015.05.21 Parker

13. Oktober 2015

Das achtzehnte Semester des Baden-Württemberg-Seminars des HCA eröffnete am 13. Oktober mit einem Vortrag von Joan D. Hedrick, der Charles A. Dana Professorin für Geschichte am Trinity College in Hartford, Connecticut, und Pulitzer Preisträgerin 1995. Professor Hedrick begann ihre Ausführungen mit einer kurzen Anekdote über den Ehemann der berühmten Autorin: Calvin Stowe, ein Pädagoge und Wissenschaftler, der zudem als literarischer Agent für seine Frau tätig war, reiste nach Europa, um Bücher für die Bibliothek des Lane Theological Seminary zu kaufen. Er schwärmte von der romantischen Ausstrahlung Heidelbergs, und Prof. Hedrick konnte sich dem nur anschließen. In den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts waren sowohl die Vereinigten Staaten als auch die Kirchen des Landes tief über die Frage der Sklaverei gespalten. Zur selben Zeit gab es eine Reihe von Frauen, die als Seherinnen, Prophetinnen und Schriftstellerinnen bekannt wurden. Prof. Hedrick konzentrierte sich auf zwei dieser Frauen, Ellen White und Harriet Beecher Stowe, die Autorin, deren Anti-Sklaverei-Roman „Onkel Toms Hütte“ zu einem der meistverkauften Werke des neunzehnten Jahrhunderts wurde.

Der Roman basiert auf einer Vision, die Stowe bei einem Kirchenbesuch hatte. Statt des gekreuzigten Jesus Christus sah sie plötzlich einen ausgepeitschten Sklaven vor sich. Diese Vision wurde später zum am meisten diskutierte Kapitel ihres Romans. Indem sie Christus als Sklaven beschrieb, hatte Stowe einen Weg gefunden, ihre prophetische Kraft in ihrem Buch zu bündeln und bei ihren Leser sehr emotionale Reaktionen hervorzurufen. Viele der Visionen, die Stowe in ihrem Buch verarbeitet hatte, verbanden religiöse Traditionen mit amerikanischer Folklore.

Harriet Beecher Stowes Ideen hatten eine enorme Wirkung auf die amerikanische Kultur und die Politik des neunzehnten Jahrhunderts. Sie war eine äußerst konservative Frau, die tief im traditionellen Glauben verwurzelt war. Sie betonte oft, dass nicht sie „Onkel Toms Hütte“ geschrieben habe, „sondern Gott“. Prof. Hedrick führte aus, dass Stowes religiöse Prägung nicht aus dem Calvinismus ihrer Jugend herrührte, sondern aus dem „Holiness movement“ des neunzehnten Jahrhunderts. Diese Bewegung basierte auf klassischen christlichen Prinzipien und manifestierte sich bei kleinen Treffen in Privathäusern, wo sich die Teilnehmer über Religion und ihre Visionen austauschten, Gedichte vorlasen oder sich religiöse Geschichten erzählten. Prof. Hedrick wandte sich dann Ellen White zu, einer Prophetin und Mitbegründerin der „Seventh-day-Adventist-Church“. Im Vergleich zu Stowe war White in der Zeit des radikalen Adventismus weniger bekannt, ist aber für seine Geschichte nicht weniger wichtig.

Ellen White und ihre Familie waren Methodisten gewesen, bevor sie sich dem Baptistenprediger William Millers zuwandten, der verkündete, dass Jesus Christus am 22. Oktober 1844 auf die Erde zurückkehren würde. Dass dies weder an diesem noch an einen neu angesetzten Termin geschah, wurde später als die „große Enttäuschung“ bekannt. Ellen White war danach stets darüber besorgt, dass Jesus auf die Erde zurückkehren, jedoch nicht erkannt werden würde. White war kein Fan von „Onkel Toms Hütte“; sie hielt Literatur für Teufelswerk, aber sie erkannte, dass sie und Stowe viel gemeinsam hatten, wie beispielsweise ihre religiöse Erfahrung und das Problem, sich als Frauen in einer Männerwelt Gehör zu verschaffen. Für die Geschichte des amerikanischen Christentums waren beide von Bedeutung. Beide inspirierte ihre Kritik an der Komplizenschaft zwischen Kirchen und Sklavenhaltern. Beide sind Beispiele dafür, dass der Bürgerkrieg Frauen dazu ermächtigte, über die Themen Sklaverei und Freiheit zu sprechen, auch wenn Prophetin im neunzehnten Jahrhundert nicht als eine angemessene Rolle für eine Frau angesehen wurde. Insbesondere Stowe wies darauf hin, dass sie die Hoffnung hegte, dass jede Frau, die schreiben konnte, nicht über die Sklaverei schweigen würde. Sie war der Meinung, dass die Zeit gekommen sei, in der Frauen sich dazu ermächtigt fühlten zu sprechen. Abschließend lässt sich sagen, dass Stowes Roman „Onkel Toms Hütte“, ähnlich wie die Reden von White, dazu beitrugen, ihre Visionen und Vorstellungen zu popularisieren.

 

Podiumsdiskussion: "Der Adler, der Stier und der Bär: Die USA, Europa und Russland auf Konfrontationskurs?"

2015.05.21 Parker

14. Juli 2015

Am 14. Juli lud das HCA zu einer Podiumsdiskussion über aktuelle außenpolitische Fragen ein. Zu Gast waren John Deni vom Strategic Studies Institute (USA); Inna Melnykovska von der Freien Universität Berlin; Martin Thunert vom Heidelberg Center for American Studies; und Simon Weiß vom Institut für Politische Wissenschaft der Universität Heidelberg. Im Zentrum der Diskussion stand der Konflikt in der Ukraine. Tobias Endler vom HCA moderierte die Diskussion und leitete in die Thematik ein, indem er eine aktuelle Aussage des ehemaligen Sicherheitsberaters des US-amerikanischen Präsidenten Carter, Zbigniew Brzezinski, zitierte: „Wir sind längst im Kalten Krieg“. Doch was genau bedeutet die Ukrainekrise heute? Wie konnte es soweit kommen? Und ist eine Lösung überhaupt in Sicht?

Inna Melnykovska begann ihre Ausführungen mit einem Blick auf die angespannte Situation in der Ukraine und die seit neuestem wieder eskalierenden Gefechte. Sie wandte sich dann dem Problem der Binnenflüchtlinge zu. Ihre tatsächliche Zahl ist nur schwer abzuschätzen, da nur wenige offiziell registriert sind; die ukrainische Bevölkerung engagiert sich jedoch sehr für diese Menschen. Schwierig steht es zudem noch um die politischen und wirtschaftlichen Reformen, so dass sich in der Ukraine nebenbei noch eine weitere Krise entwickelt. Das BIP ist im letzten Jahr um acht Prozent gesunken, was viele Menschen vor zusätzliche Schwierigkeiten stellt.

Doch wie sieht die Ukraine die Rolle Russlands? Simon Weiß hob hervor, dass die aktuelle Situation für beide Seiten neu ist. Der Bruch geht auch durch viele russische Familien, von denen nicht alle Putin favorisieren. Jedoch ist diese Stimmung nicht vergleichbar mit der zu Zeiten der Maidan-Bewegung. Russland baut auf den Minsk II Prozess, der auf einem Abkommen vom Februar zur Deeskalation des Krieges in der Ost-Ukraine basiert. Bereits nach der Unterzeichnung wurde angezweifelt, ob die Waffenruhe eingehalten und der Abzug schwerer Waffen erfolgen würde.

John Deni bezweifelte, dass der Ukrainekonflikt für die USA eine außenpolitische Priorität hat. Für das State Department ist die Ukraine eher im europäischen Kontext relevant. Es geht primär um Souveränität, Schutz der Grenzen und Allianzen innerhalb Europas, weniger um wirtschaftliche Hilfe aus den USA. Die Amerikaner sind davon ausgegangen, dass die Grenzen in Europa festgelegt sind; Putin hat gezeigt, dass dem nicht so ist. In der Ukrainekrise ist wieder deutlich geworden, was Unsicherheit eigentlich bedeutet.

Martin Thunert hob hervor, dass es in den USA keine einheitliche Meinung zum Thema gibt. Der offiziellen Meinung der Obama-Administration steht oft die öffentliche Meinung gegenüber. Putins Politik bezeichnete er als expansiv; die Unterstützung der Separatisten hat nicht die Vorbereitung eines Einmarsches zum Ziel, sondern das Kippen des europäischen Projekts in der Ukraine und eine permanente Destabilisierung. Nur so kann Russland eine Annäherung der Ukraine an die EU verhindern.

Wie geht es also weiter? Gegen einen allgemeinen Expansionismusvorwurf setzte Simon Weiß das Konzept des sogenannten „neuen Auslands“, eine Zone privilegierter Interessensgebiete aus der Sicht Russlands. Die Ukraine ist das wichtigste Land in dieser Zone. Es gibt keine Versuche einer oder Andeutungen über eine Invasion. Die Kernstaaten der NATO ziehen eine rote Linie, und ihre jeweilige Bevölkerung steht hinter ihnen; sie wollen keine NATO-Ost-Erweiterung. Es gibt eine gewisse Bereitschaft der USA, Raketen in Osteuropa zu stationieren. Russland ist deswegen alarmiert und sieht die NATO als Hauptproblem.

Inna Melnykovska sagte, die Ukraine ist verwundert, dass die NATO das Hauptproblem sein soll; vielmehr geht es um die Legitimation des Regimes und darum, dass Russland plötzlich gegen westliches Recht verstößt. Mit dem Budapest Memorandum sicherte Russland unter anderem der Ukraine zu, ihre Souveränität und die bestehenden Ländergrenzen anzuerkennen und die Ukraine zu unterstützen. Melnykovska bekräftigte, dass die Proteste viele Faktoren hatten, sowohl innere als auch äußere, die jeweils unterschiedlich gewichtet seien. Die Gründe, warum aus einem kleinen Protest ein großer Protest wurde, sind jedoch intern. Nichts davon hat mit der EU zu tun. Doch vieles ist auch geschafft, es geht voran im Land. So ist ein neuer Präsident gewählt worden und das Parlament macht dieses Jahr keine Sommerferien, sondern arbeitet weiter. Die russischen Gas-Lieferungen in die Ukraine werden dort als eine Art Droge angesehen, die eine wirtschaftliche Entwicklung nicht zulassen. Die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland werden somit nicht positiv betrachtet. Alle Diskutanten waren sich einig, dass eine stärkere Anbindung der Ukraine an den Westen unwahrscheinlich ist. Die USA sind gegen eine NATO-Erweiterung in Bezug auf die Ukraine und eine Anbindung an den Westen ist für die Ukraine kein Ersatz für die bisherigen russischen Wirtschaftsbeziehungen.

 

Loïc Wacquant: "From Venice to Chicago: The Making and Unmaking of the Ghetto"

2015.05.21 Parker

24. Juni 2015

Das Baden-Württemberg Seminar des HCA ging am 24. Juni mit einem Vortrag von Loïc Wacquant zu Ende. Loïc Wacquant ist Soziologieprofessor an der University of California in Berkeley, wo er auch mit dem Program in Medical Anthropology und am Center for Urban Ethnography affiliiert ist, und forscht am Centre de sociologie européenne in Paris. Seine Arbeit zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie so diverse Forschungsfelder wie den Körper, urbane Ungleichheit, Ghettoisierung und Gefängnisse verknüpft. Am HCA sprach er über das Entstehen und Verschwinden des Ghettos, von Venedig bis Chicago.

Professor Wacquant begann seinen lebhaften Vortrag, indem er darauf hinwies, dass Historiker, Soziologen und Anthropologen zwar reichlich über das Ghetto publiziert haben, aber dass diese Forschung aber kein robustes analytisches Konzept des Ghettos hervorgebracht hat. Er stellte dann genau dieses Konzept vor, das das Ghetto also eine sozio-räumliche Institution mit einer doppelten Mission sieht: Eine entrechtete Gruppe gleichzeitig zu isolieren und auszubeuten. Seine Kategorien lassen sich gleichermaßen auf die jüdischen Ghettos der Renaissance, das afroamerikanische Ghetto in den USA zu Fords Zeiten und die Wohndistrikte der Burakumin im Japan der post-Tokugawa Ära anwenden. Sein Modell unterscheidet sich jedoch von dem Begriff, der in den USA im neunzehnten Jahrhundert im Umlauf war.

Danach verband man mit dem Begriff zunächst die jüdischen Viertel in den Städten der Ostküste, später, um die Jahrhundertwende, alle innerstädtischen Viertel, in denen exotisch anmutende Neuankömmlinge lebten, auch die Afroamerikaner, die dem rassistischen Leben in den Südstaaten entfliehen wollten. Das Ghetto war demnach an der Kreuzung zwischen ethnisch geprägten Viertel und Slum angesiedelt, wo, so glaubte man, sich Segregation mit heruntergekommener Bausubstanz, Überbelegung, Kriminalität, Zusammenbruch von Familienstrukturen und Pauperismus einherging.

Diese Vorstellung verengte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, nicht zuletzt durch den Druck der Bürgerrechtsbewegung, und bezeichnete nun nur noch die kompakten und überbelegten Konklaven, in die man die Afroamerikaner relegiert hatte, die in die Industriezentren des Nordens gezogen waren. Zur gleichen Zeit popularisierten europäische Sozialwissenschaftler das Konzept und mit ihm die Furcht vor einer „Amerikanisierung“ der Metropolis im Angesicht postkolonialer Immigration und postindustrieller wirtschaftlicher Restrukturierung.

Professor Wacquant entwickelte darauf sein eigenes Modell, das von den Ghettos der europäischen Renaissance ausgeht. Sie waren abgesonderte Wohngebiete, die die politischen und religiösen Autoritäten der jüdischen Bevölkerung zuwiesen, zunächst, um ihre Ansiedlung zu begünstigen, dann, um sie zu kontrollieren. Das Ghetto war der Ort, wo man materielle Profite maximieren und gleichzeitig intimen Kontakt mit einer stigmatisierten Gruppe minimieren konnte. Diese Absonderung führte zur Überbelegung, Niedergang der Bausubstanz, und hohen Krankheits- und Sterberaten, aber sie unterstützte auch die Blüte eigener Institutionen und eine kulturelle Konsolidierung, die sich in eigenen Märkten, Berufsverbänden, Wohlfahrtsinstitutionen, Gemeinden und Universitäten niederschlug.

Das Ghetto der Renaissance enthielt bereits die vier Elemente, die die Institution heute charakterisieren: Stigma, Zwang, räumliche Restriktion und parallele Institutionen. Wacquants Modell sieht das Ghetto nicht nur als einen Ort, an dem das Schwert der dominanten Gruppe omnipräsent ist, sondern auch als ein organisatorisches Schild, das die Bildung einer geschlossenen Identität ermöglicht, die wiederum zu Widerstand oder sogar einer Revolte führen kann. Professor Wacquant wies außerdem darauf hin, dass die beste Analogie für das Ghetto nicht heruntergekommene Stadtviertel sind sondern vielmehr andere Ausprägungen des erzwungenen Zusammenlebens wie Gefängnisse, Reservationen oder Lager.

Zum Schluss seines Vortrags wies Professor Wacquant auf die Verbindungen zwischen Ghettoisierung, Segregation und Armut hin und erläuterte einen idealtypisch konstruierten Gegensatz zwischen Ghetto und ethnischem Wohnviertel, mit dessen Hilfe man die Schicksale von stigmatisierten Populationen in unterschiedlichen Städten, Gesellschaften und Epochen vergleichen kann.

 

The Performing Arts Club of the HCA: "The Poet Emily Dickinson"

2015.05.21 Parker

11./12. Juni 2015

Seit Mai 2014 hat das HCA eine neue studentische Initiative – den Performing Arts Club. Unter Leitung von Ida Bahmann und Hanna Konradt wandte sich die Gruppe zunächst dem Improvisationstheater zu. Mit Übungen für Körper und Stimme tasteten sich die Spielerinnen an literarische Texte heran. Zu Beginn des Wintersemesters 2014/15 fiel die Entscheidung, ein eigenes Stück zu inszenieren und dieses im kommenden Sommer aufzuführen.

Da alle Mitglieder des Performing Arts Club junge Frauen sind, war schnell klar, dass das Werk einer amerikanischen Autorin im Mittelpunkt stehen sollte. Aufgrund ihrer Facettenvielfalt fiel die Entscheidung zugunsten der Gedichte von Emily Dickinson. In ihrer Lyrik behandelt die Dichterin Themen wie Religion, Natur, Schmerz oder auch den Tod.

In einem selbsterdachten Stück mit ausgewählten Gedichten und Briefen Dickinsons im Zentrum stellte jede Spielerin einen anderen Aspekt dieser Lyrik dar, die sich teilweise auch widersprechen: Die religiöse Emily; die vor Schmerzen Jammernde, die mit der Welt hadert; die Naturverbunde, die aber das Zimmer nicht verlassen will. Die verschiedenen Emilys standen dabei auch für verschiedene Lebensabschnitte der Dichterin.

Die Premiere des Stückes fand am 11. Juni im Theater im Romanischen Keller statt und der rege Besucherandrang sorgte für eine ausverkaufte Vorstellung. Auch die zweite und letzte Vorstellung am 12. Juni war sehr gut besucht. Im Allgemeinen war die Resonanz nach den Aufführungen sehr positiv und der Performing Arts Club würde gerne im nächsten Jahr ein neues Projekt starten.

William L. Andrews: "James W.C. Pennington and Mark Twain: Slavery and the Moral Conscience of American Literature" (Pennington Award 2015)

2015.05.21 Parker

9. Juni 2015

Am 9. Juni 2015 feierte das HCA die vierte Verleihung des James W.C. Pennington Awards. Der diesjährige Preisträger, William L. Andrews, wurde für seine Forschungen zur afroamerikanischen Literaturgeschichte ausgezeichnet. Der Preis ist nach James W.C. Pennington benannt, einem ehemaligen Sklaven, der 1849 die Ehrendoktorwürde der Universität Heidelberg verliehen bekam. Er war der erste Afroamerikaner, dem diese Ehre zuteil wurde. Die Manfred Lautenschläger Stiftung legte den Grundstock für die ersten Forschungsaufenthalte, die mit dem Pennington Award verbunden sind.

Rektor Prof. Dr. Bernhard Eitel eröffnete die Feierlichkeiten mit einer kurzen Ansprache, in der er die Zusammenarbeit der Theologischen Fakultät, der ältesten der Universität, mit der einer der jüngsten Forschungseinrichtungen, dem Heidelberg Center for American Studies, hervorhob.

Dr. h.c. Manfred Lautenschläger gratulierte dann zunächst dem Preisträger und stellte darauf kurz das Leben und Wirken von James W.C. Pennington vor, dessen Geschichte und Vermächtnis er als sehr bewegend bezeichnete. Pennington entkam mit 21 Jahren der Sklaverei und wurde einer ihrer nachdrücklichsten Gegner. Er lernte Lesen und Schreiben, besuchte als erster Afro-Amerikaner die Yale Divinity School und wurde anschließend zum Pfarrer geweiht. Im Jahr 1849 wohnte er dem Weltfriedenskongress in Paris bei, wo er den Heidelberger Professor Friedrich Carové kennenlernte, der sich in Heidelberg für die Verleihung eines Ehrendoktors an Pennington einsetzte.

Nach dieser kurzen Historie zum Preis hielt Prof. Dr. Jan Stievermann vom HCA die Laudatio auf den Preisträger. William L. Andrews ist E. Maynard Adams Professor of English an der University of North Carolina-Chapel Hill. Er erwarb seinen M.A. an der University of North Carolina-Chapel Hill und promovierte auch dort. Bevor er seine Professur an der UNC erhielt, lehrte Professor Andrews an der Texas Tech University, the University of Wisconsin-Madison, der Justus Liebig Universität Gießen, und der University of Kansas. Seine Forschung konzentriert sich auf die Beiträge schwarzer und weißer Autoren zur amerikanischen Literatur und ihre historischen Verflechtungen, sowie auf die Literatur der Afroamerikaner und der Südstaaten.

Zu Beginn seines Vortrags betonte Prof. Andrews, dass die literarische Auseinandersetzung mit der Sklaverei nicht nur James Pennington und Mark Twain verbindet, sondern auch die amerikanische Literatur besonders beeinflusst hat. Twains Geschichte von Huckleberry Finn und dem Sklaven Jim war möglicherweise durch Penningtons Vergangenheit als Sklave in Maryland inspiriert. In Penningtons 1841 verfasster Autobiographie, die acht Jahre später unter dem Titel „The Fugitive Blacksmith“ erschien, verwendet er seine eigene Geschichte, um die Sklaverei anzuprangern. Er argumentiert, dass Sklavenhalter keine wahren Christen sein können, ganz gleich, wie sie ihre Sklaven behandeln. Pennington verstand Sklaverei als eine Übertretung der göttlichen Gebote und Bildung als das beste Mittel zu ihrer Abschaffung der Sklaverei. Pennington beschrieb außerdem das moralische Dilemma, das sich ihm stets auf seiner Flucht stellte, sobald er nach seiner Herkunft gefragt wurde. Er entschied sich jedoch, seine Freiheit durch Lügen zu schützen anstatt sie durch Ehrlichkeit zu riskieren.

Prof. Andrews führte dann aus, dass etliche amerikanische Romane aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg sich um diese Fragen nach der Moral der Sklaverei und guter christlicher Lebensführung drehen, darunter Mark Twains The Adventures of Huckleberry Finn. Die Erzählung ist eine kritische Betrachtung der Sklaverei, die Sympathie für die entlaufenen Sklaven wecken will und Penningtons Dilemma aufgreift. So gibt Huck Finn vor, dass sein Boot mit Pocken infiziert ist, um Sklavenjäger davon abzuhalten, nach dem entlaufenen Sklaven Jim zu suchen. Hucks dreiste Lüge verletzt ein christliches Gebot um ein anderes durchzusetzen. In Hucks Taten manifestiert sich christliches Handeln; in dieser Hinsicht ist die Geschichte eine klassische Sozialkritik, die der amerikanischen Gesellschaft – nicht nur in den Südstaaten – einen Spiegel vorhält. Prof. Andrews hält es für sehr wahrscheinlich, dass Twain mit Penningtons Schicksal vertraut war und es ihm unter Umständen als literarische Vorlage gedient hat. Im Vergleich zum gebildeten Pennington jedoch scheint Twains Jim sehr geerdet zu sein. Ein Vergleich beider Texte macht aber klar, dass weder mit Pennington noch mit Jim zu spaßen war, wenn es um ihre Freiheit ging.

Im Anschluss an den Vortrag und die feierliche Preisverleihung lud das HCA seine Gäste zu einem Empfang im Garten ein.

 

Lloyd Ambrosius: "World War I and the Paradox of Wilsonianism"

2015.05.21 Parker

2. Juni 2015

Zur ersten Juniveranstaltung seines Baden-Württemberg Seminars begrüßte das HCA Llyod E. Ambrosius, den Samel Clark Waugh Distinguished Professor für Internationale Beziehungen an der University of Nebraska-Lincoln. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der amerikanischen Außenpolitik, der Geschichte der amerikanischen Präsidentschaft und der internationalen Geschichte. Er war Fulbrightprofessor in Köln und Heidelberg sowie Mary Ball Washington Professor für amerikanische Geschichte am University College Dublin. Aktuell ist er der Vize-Präsident (2013-2015) und zukünftige Präsident (2015-2017) der Society for Historians of the Gilded Age and Progressive Era.

Professor Ambrosius begann seinen Vortrag zum Thema “World War I and the Paradox of Wilsonianism” mit einer Definition des Wilsonianism, der eine Reihe von außenpolitischen Perspektiven und Prinzipien umfasst, darunter die nationale Selbstbestimmung, das Eintreten für Kapitalismus und Demokratie, eine globale Wirtschaft, den Widerstand gegen Isolationismus und Nicht-Interventionismus, sowie der Glaube an die kollektive Sicherheit und einen fundamentalen Glauben an den historischen Fortschritt, über den man optimistisch sein kann. „Wilsonianism“ beschreibt ursprünglich die Politik Woodrow Wilsons, des 28. Präsidenten der USA, der seine „14 Punkte“, seine Ideen eines liberalen Internationalismus und einer friedlichen Weltordnung in seiner berühmten Rede vor dem amerikanischen Kongress am 8. Januar 1918 zusammenfasste. Professor Ambroisius betonte, dass Wilsons Ideen in der amerikanischen Außenpolitik ihren Platz haben, auch wenn sich Wilsons Idee einer friedlichen Weltordnung nicht umsetzen ließ.

Laut Professor Ambrosius basierte Wilsonianism auf Wilsons traditionellem Bild von Amerika, das politische Prinzipien der Alten und Neuen Welt vereinte und bis ins 18. Jahrhundert zurückreichte. Sein Amerikanismus formte den Wilsonianism. In seiner Kriegsbotschaft an den amerikanischen Kongress am 2. April 1917 betonte Wilson, dass ein Aufruf zum Krieg gegen Deutschland, einem Krieg gegen die Menschheit, einem Krieg gegen alle Nationen gleichkäme. Er führte sein Verständnis der Außenpolitik aus: Amerika sollte Freiheit in der Welt verbreiten und diese sicher für die Demokratie machen. Die USA hatten die gottgegebene Aufgabe, der Menschheit zu helfen. Aber Wilson war auch ein Südstaatler und identifizierte sich sehr mit dem Süden. Sein politisches Konzept resultierte in einer globalen „color line“. Wilson identifizierte sich außerdem mit dem britischen Weltreich zu einer Zeit, als viele Briten und Amerikaner begonnen hatten, es abzulehnen. Für ihn befanden sich die Bewohner Afrikas bildlich gesehen am Boden einer Flasche und die Bewohner des Westens am Flaschenhals; sie symbolisierten die Freiheit, die Wilson in der ganzen Welt verbreiten wollte. Wilsonianism war eine Ansicht des Westens für den Westen.

Professor Ambrosius untersuchte in seinem Vortrag die Idee des Wilsonianism und ihre amerikanischen Wurzeln. Er wies auch auf die Dilemmata und Meinungsverschiedenheiten im Zusammenhang mit dem Wilsonianism hin. So machte er beispielsweise deutlich, dass die amerikanische Regierung mit vielen problematischen Folgen zu rechnen gehabt hätte, wenn sie die gesamte Idee des Wilsonianism für ihre Außenpolitik adaptiert hätte. Das Problem bestand darin, dass Wilsonianism und der kulturelle Pluralismus in der Welt sowie globale wirtschaftliche und politische Abhängigkeiten nicht vollständig kompatibel sind.

 

Christopher Parker: "Identifying the Roots of Reactionary Movements: A Comparative Analysis of European and American Cases"

2015.05.21 Parker

21. Mai 2015

Das HCA setzte sein Baden-Württemberg Seminar fort mit einen Vortrag von Christopher Parker, dem Stuart A. Scheingold Professor of Social Justice and Political Science am Institut für Politikwissenschaft der University of Washington, Seattle. Prof. Parker erhielt 2001 seinen Ph.D. von der University of Chicago. Sein Vortrag „Identifying the Roots of Reactionary Movements: A Comparative Analysis of European and American Cases” zeigte die Verbindungen zwischen reaktionären Bewegungen der Vergangenheit und der Gegenwart auf und analysierte so die Beweggründe und den politischen Einfluss der amerikanischen Tea Party. Er konzentrierte sich auf folgende Fragen: Ist die Tea Party die Zukunft der Republikaner? Sind ihre Anhänger vor allem wirtschaftlich motiviert? Oder sind es einfach nur sehr konservative Bürger? Sind sie Rassisten? Beruht ihre Opposition gegen Präsident Obama auf dessen Hautfarbe? Prof. Parker bot dem Publikum im Atrium einige neue Perspektiven auf diese Fragen; für ihn sind die Anhänger der Tea Party eine politische Bewegung, die vor allem von der Furcht getrieben wird, dass sich Amerika zum Schlechteren verändert hat. Prof. Parker verwies auch darauf, dass die Unterstützer der Tea Party nicht unbedingt rassistisch sind und dass sie auch nicht einfach nur von ihrer Ideologie geleitet werden. Er glaubt vielmehr, dass sie sich davor fürchten, ihr Land zu verlieren und dass sie befürchten, dass Amerika nicht länger Eigentum der „wirklichen Amerikaner“ ist. Diese Furcht rückte in den Vordergrund, als Barack Obama Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wurde.

Prof. Parkers Analyse zahlreicher Interviews mit Unterstützern der Tea Party ergab, dass es unter ihnen viele Skeptiker gibt sowie zahlreiche traditionelle Konservative, die beispielsweise gleichgeschlechtliche Ehen ablehnen. Auch der Rassismus spielt eine Rolle. Prof. Parker wies darauf hin, dass diese Kombination in der amerikanischen Politik weder ungewöhnlich noch neu ist. Konservative Bewegungen entstehen häufig, wenn eine Gruppe von Bürgern denkt, dass die sozialen Veränderungen eines Landes seine klassischen Werte verdrängen. Der wichtigste politische Wert für Sympathisanten der Tea Party ist das „wirkliche Amerika“. Sie sind sich durchaus des demographischen Wandels in den USA bewusst. In den 1970er Jahren waren etwa 80 Prozent der amerikanischen Bevölkerung weiß; heute sind es nur noch etwa 60 Prozent. Viele Anhänger der Tea Party machen kurioserweise Obama dafür verantwortlich. 74% von ihnen denken, dass Obama ihr Land zerstört, und die meisten glauben nicht, dass Obama überhaupt in den USA geboren wurde oder christlichen Glaubens ist. Ihrer Ansicht nach liebt Obama nicht dasselbe Land wie sie. Die Tea Party wird oft als eine konventionelle konservative Bewegung charakterisiert, welche das Ziel verfolgt, Steuern zu senken, Budgets auszugleichen und soziale Programme abzuschaffen. Prof. Parker dagegen sieht sie als reaktionäre Bewegung und führte einige ihrer Vorläufer an: den Ku Klux Klans der 1920er Jahre oder die John Birch Society der 1950er Jahre. Seinem lebhaften Vortrag folgte eine ebenso lebhafte Diskussion mit dem Publikum.

 

John Corrigan: "Religious Intolerance and American Foreign Policy"

2015.05.21 Parker

12. Mai 2015

Am 12. Mai setzte das HCA sein Baden-Württemberg Seminar mit einem Vortrag von John Corrigan fort, dem Lucius Moody Bristol Professor für Religion und Professor für Geschichte an der Florida State University, der augenblicklich als Fulbright Distinguished Research Chair am Roosevelt Studies Center in Middelburg, Holland, ist. Prof. Corrigan eröffnete seinen Vortrag “Religious Intolerance and American Foreign Policy” mit einem vielsagenden Fall, der die United States Commission on International Religious Freedom (USCIRF) betrifft. Im Jahr 2009 bot USCIRF einer Rechtsanwältin aus Arkansas, die fließend Hindu und Urdu spricht, eine Stelle in Süd-Asien an. Sie sollte dort die religiöse Freiheit und die Menschenrechtssituation analysieren. Nach kurzer Zeit aber wurde sie wieder entlassen, mutmaßlich wegen ihres muslimischen Glaubens, der mit den Vorstellungen ihrer Vorgesetzten, einer streng konservativen Katholikin kollidierte. Die daraus resultierte Klage wird sich zwar noch einige Zeit hinziehen, aber Prof. Corrigan ist davon überzeugt, dass sie für USCIRF nicht gut ausgehen wird. So stellt sich die Frage, ob Religionsfreiheit überhaupt existiert. Um sie zu beantworten, blickte Prof. Corrigan zunächst weit in die amerikanische Gesichte zurück. Er wies darauf hin, dass die Geschichte der religiösen Intoleranz in den Vereinigten Staaten mit den Puritanern begann, die, anders als oft angenommen, religiöse Toleranz in den Kolonien keineswegs förderten, auch wenn sie ihr Heimatland aus genau diesem Grund verlassen hatten. Sie verlangten Glaubensfreiheit für sich, aber tolerierten keine anderen christlichen Glaubensrichtungen und vertrieben Katholiken und Quäker aus der Kolonie Massachusetts. John Winthrop’s “city upon a hill” ließ keinen religiösen oder politischen Dissens zu. Die amerikanische Geschichte bietet viele Beispiele für religiöse Intoleranz. Speziell der Antikatholizismus erwies sich als langlebig und hartnäckig und befeuerte beispielsweise 1844 die sogenannten Bibelunruhen in Philadelphia. Bereits sechs Jahre zuvor hatte der Gouverneur von Missouri, Lilburn Boggs, mit der Executive Order 44, die als „Vernichtungsanordnung“ bekannt wurde, alle Mormonen aus Missouri vertrieben.

Prof. Corrigan wies außerdem darauf hin, dass seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts viele Schulbücher diese blutigen religiösen Konflikte entweder verharmlost oder nur am Rande erwähnt haben. Stattdessen entwickelten sie ein gradliniges Narrativ über religiöse Toleranz und Religionsfreiheit, das sich nicht zuletzt bei Politikern großer Beliebtheit erfreut. Zwar lehnten die Vereinigten Staaten schon bei ihrer Gründung eine Staatsreligion ab und betonten die Trennung zwischen Kirche und Staat, aber dies geschah vor dem Hintergrund einer versteckten, aber einflussreichen Religion. Wie wirkt sich also eine unterdrückte Geschichte religiöser Konflikte auf die amerikanische Außenpolitik aus? Die Idee von religiöser Freiheit ist Teil der nationalen Identität und ein politisches Prinzip geworden. Obwohl dieses Prinzip in aller Munde ist, lässt es sich in der U.S.-Außenpolitik nicht einfach umsetzen. Prof. Corrigan nannte als ein Beispiel der War on Terror und die eingangs geschilderte Geschichte des USCIRF als ein weiteres. Er vermutet, dass es in der Umsetzung der amerikanischen Außenpolitik viele Vorgänge gibt, in denen die Religionsfreiheit geschützt werden soll, aber gleichzeitig Mitarbeiter wegen ihres Glaubens entlassen werden.

 

James D. Bindenagel: "Does the West Still Matter? America and Europe in the Twenty-First Century" (HCA Commencement 2015)

2015.05.21 Parker

24. April 2015

Am 24. April fand die Abschlussfeier der BAS und MAS Jahrgänge von 2015 statt, wie jedes Jahr in der Aula der Alten Universität. Universitätsrektor Prof. Dr. Bernhard Eitel eröffnete die Zeremonie und griff das Motto der Universität auf: „semper apertus“ (immer offen). Die Absolventen stünden nun vor offenen Türen und könnten morgen damit beginnen, die Welt zu verändern. Der Prodekan der Philosophischen Fakultät, Prof. Dr. Henry Keazor, erinnerte die Absolventen nicht nur daran, dass sie die Welt verändern könnten, sondern auch daran, dass sie sich auch stets ihrer Wurzeln in Heidelberg erinnern sollten, ein Ort um zu leben, zu studieren und zurückzukehren. Prof. Dr. Dr. h.c. Detlef Junker, der Gründungsdirektor des HCA, begrüßte dann die Absolventen und ihre Familienmitgliedern sowie die Freunde des HCA. Er verwies darauf, dass die Absolventen von ihrem interdisziplinären und umfassenden Studium profitieren würden und regte an, dass sie jeden Tag an ihren Fähigkeiten arbeiten müssten, um ihr Wissen über die Politik, Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft der USA nutzbringend anzuwenden. Er stellte dann den Gastredner als einen echten Transatlantiker vor.

James D. Bindenagel ist ein ehemaliger US-Botschafter, ein Karrierediplomat und Deutschlandexperte in Deutschland und augenblicklich der Inhaber der Herny-Kissinger-Professur für Governance and International Security an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. Er begann seine Festrede mit einem Vergleich zwischen den HCA Studenten und den transatlantischen Beziehungen – in beiden Fällen basiert Freundschaft darauf, dass man sich vertrauen und Ziele gemeinsam erreichen kann. Die deutsch-amerikanischen Beziehungen sind ein Kind des Zweiten Weltkriegs und in gewisser Hinsicht auch der Containmentpolitik des amerikanischen Präsidenten Harry Truman. Sie bildeten über Jahrzehnte eine Säule der amerikanisch-europäischen Partnerschaft, sowohl in militärischer wie in wirtschaftlicher Hinsicht. Sie waren auch eine Säule der U.S. Außenpolitik; jetzt aber schlägt Prof. Bindenagel vor, dass man die Frage, ob der Westen noch eine Rolle spielt, neu formuliert: „Ist diese große Übereinkunft noch gültig?“ Präsident Obama hat wiederholt betont, dass die USA keinen besseren Partner als Europa haben; für Prof. Bindenagel ist es genau umgekehrt – Europa hat keinen besseren Partner als die USA.

Die Festrede wandte sich dann dem Thema Freiheit zu, das zum politischen Kernverständnis beider Nationen gehört. Prof. Bindenagel erinnerte das Publikum in der Alten Aula daran, dass kein Ereignis in der deutschen Geschichte dieses Thema so illustriert wie der Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren. Dieses Ereignis markiert auch den Beginn eines Wandels in den transatlantischen Beziehungen; sie haben ihre Wichtigkeit seit 1989 immer wieder unter Beweis gestellt, zuletzt in der Ukrainekrise. Sie hat gezeigt, dass der Frieden in Europa keineswegs selbstverständlich ist. Gleichzeitig aber haben die USA und ihre Partner zahlreiche außenpolitische Herausforderungen zu meistern: die Krise im Nahen Osten, das Auftauchen des IS oder die Lage in Nordkorea, um nur einige zu nennen. Auch wenn die TTIP Verhandlungen und die NSA Affären das deutsch-amerikanische Verhältnis belasten, erinnerte Prof. Bindenagel die Absolventen daran, dass sie das am HCA erworbene Wissen stets darauf verwenden sollten, die Freiheit zu verteidigen. Europa und die USA müssten zusammenhalten. Prof. Bindenagel ermutigte die Studenten, ihre eigene Antwort auf die Frage zu finden, welches Gewicht der Westen noch habe. Er endete seine Festrede mit einem Zitat aus der Antrittsrede des ehemaligen südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela: „Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind, befreit unsere Gegenwart automatisch andere.“

Auf ein musikalisches Intermezzo mit Joscha Sörös am Klavier und Jan Prax am Saxophon und die Zeugnisvergabe folgte die launige Rede der beiden Jahrgangsbesten, Leah Karels und Everett Messamore. Im Anschluss feierten die Absolventen, ihre Familien und Freunde bei einem Empfang am HCA, wo das Buffet und eine Bar zur ausgelassenen Stimmung beitrugen. Angeregte Gespräche und der Austausch von Erinnerungen und Zukunftsplänen rundeten den gelungenen Abend ab. Einen herzlichen Glückwunsch an alle Absolventen!

 

Ausstellung: "Hinter Stacheldraht. Kriegsgefangene in Deutschland und den USA"

2015.05.21 Parker

19. März bis 23. April 2015

Im Zweiten Weltkrieg kämpften mehr als zwei Millionen amerikanische Soldaten in Europa. Bei Kriegsende befanden sich etwa 90.000 von ihnen in deutscher Kriegsgefangenschaft, während etwa 370.000 Kriegsgefangene in den USA interniert waren. Die Ausstellung „Hinter Stacheldraht” warf ein Licht auf den Alltag in Kriegsgefangenenlagern auf beiden Seiten des Atlantiks. Die mehr als vierzig Schautafeln illustrieren die Gefangennahme, das Leben in den Lagern, die Rückkehr nach Hause und die Versöhnung nach dem Krieg.

Alle Erfahrungen von Kriegsgefangenen drehen sich um Krieg und Frieden, Rechtsprechung im Kriegszustand, Menschenrechte und internationale Versöhnung, aber die alltäglichen Erfahrungen in den Lagern hätten unterschiedlicher nicht sein können. Viele amerikanische Kriegsgefangenen überlebten nur mit Hilfe von Essensrationen und Medikamenten, mit denen sie das Rote Kreuz versorgte; deutsche Kriegsgefangene in den USA arbeiteten dagegen oft außerhalb der Lager, etwa bei der Erntehilfe, beim Straßenbau, oder beim Bau von Kanalisation und Wohnungen. Im Mittleren Westen stießen sie dabei oft auf Amerikaner, die noch Deutsch sprachen; manchmal trafen sie sogar Verwandte oder frühere Nachbarn aus Deutschland.

Andererseits kamen mehr als die Hälfte der amerikanischen Kriegsgefangenen aus dem Mittleren Westen, und viele von ihnen hatten deutsche Wurzeln. Die Ausstellung dokumentierte mehrere Fälle dieser „entangled history”: Einige Farmer brachten CARE Pakete auf den Weg nach Deutschland, nachdem „ihre” Kriegsgefangenen dorthin zurückgekehrt waren; viele schrieben sich noch jahrelang, und man schätzt, dass fünf Prozent der deutschen Kriegsgefangenen in die USA emigriert sind. In den amerikanischen Lagern begegneten deutsche Soldaten amerikanischen Werten wie Demokratie und individueller Freiheit und prägten nach ihrer Rückkehr als Lehrer, Bürgermeister oder Journalisten die deutschen Nachkriegsinstitutionen. Der dritte Teil der Ausstellung erkundete ein bis heute wenig bekanntes Kapitel der amerikanischen Geschichte, die Internierung von etwa 11.000 Deutsch-Amerikanern und Deutschen, die bei Kriegsausbruch in den USA lebten. Mehr als 2.000 von ihnen wurden während des Zweiten Weltkriegs gegen amerikanische Zivilinternierte ausgetauscht und zurück nach Deutschland gebracht; diese Deportationen setzten sich auch nach Kriegsende fort.

Die Ausstellung wurde mit einem Vortrag von Professor Jörg Seiler eröffnet, dem Vorsitzenden des „Verein Spuren”, dem deutschen Gegenstück des “Traces”-Projekts in St. Paul, das die Ausstellung konzipiert und umgesetzt hat. Prof. Seiler betonte in seinem Eröffnungsvortrag: „Indem wir Geschichte erzählen, leben wir Geschichte, um nicht Gefangene des eigenen oder kollektiven Schicksals zu werden“. Während der Vernissage und in den folgenden fünf Wochen führten die Besucher im HCA Atrium viele anregende Gespräche.

 

Photo Gallery: Exhibition "Behind Barbed Wire"

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Norbert Röttgen: "Jenseits von Spionen und Sanktionen – gibt es eine transatlantische Agenda für die Zukunft?" (HCA trifft...)

2015.02.10 Roettgen

10. Februar 2015

In seiner Veranstaltungsreihe „HCA trifft…“ begrüßte das HCA am 10. Februar Dr. Norbert Röttgen zu der Veranstaltung „Jenseits von Spionen und Sanktionen – gibt es eine transatlantische Agenda für die Zukunft?“. Norbert Röttgen ist promovierter Jurist und seit 1982 CDU-Politiker. Von 2009 bis 2012 war er Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Sein politischer Schwerpunkt ist die Außenpolitik; seit 2014 ist Dr. Röttgen Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses. In seinem Vortrag bezeichnete er die Außenpolitik als das Sein, die Innenpolitik als das Wohlsein von Staaten. Doch was hat das alles mit den transatlantischen Beziehungen zu tun?

Norbert Röttgen sieht den Ordnungszerfall in der Ukraine und das erste Abkommen von Minsk 2014 als eine historische Zäsur, mit der in Europa ein drittes Kapitel nach dem Zweiten Weltkrieg begann. Das erste Kapitel, der Kalte Krieg, wurde 1991 abgeschlossen. Die Ära nach dem Kalten Krieg war das zweite Kapitel; viele Politiker, auch Norbert Röttgen, waren davon ausgegangen, dass die Schrecken des 20. Jahrhunderts Vergangenheit waren. Ein Krieg in Europa war nicht mehr vorstellbar, man war von Freunden „umzingelt“. Der Ukrainekonflikt jedoch beendete die Sicherheit der europäischen Friedensordnung. Im Gegensatz zum Kalten Krieg handelt es sich in der Ukraine nicht um einen bilateralen Konflikt. Hier geht es um den Anspruch von Machtausübung eines Staates über andere Staaten. Norbert Röttgen verwies in diesem Kontext auf das sogenannte „Neue Russland“. Nach dieser Definition Putins ist überall da, wo Russen leben, Russland. Als akute Herausforderung sieht Dr. Röttgen in diesem Zusammenhang, Russland entgegen zu treten. Die Einheit des Westens ist seine größte Stärke. Putin – und auch der IS – möchte spalten.

Russlands Machtanspruch wirkt aber auch nach innen, ähnlich wie die Anschläge auf Charlie Hebdo und die Expansion des Islamischen Staates (IS). Beim Islamischen Staat geht es um Ideologie und Religion, die exklusive Verbindung von traditionellen Machtansprüchen und Fanatismus. Der CDU-Politiker betonte, dass unsere Sicherheit heutzutage unmittelbar bedroht ist. Bei solchen Anschlägen geht es um die Globalisierung von Macht und die Diffusion von Macht und Kriegen. Wir sind Betroffene, Bedrohte und Akteure. Der sicherheitspolitische Rahmen hat sich unzweifelhaft verändert, und das transatlantische Verhältnis wird wieder so wichtig wie im Kalten Krieg. Eine Wiederbelebung der transatlantischen Beziehungen muss aber frei von jeder Missionierung sein und auf eine friedliche Konfliktlösung setzen. Dabei ist die aktuelle Situation in den USA nicht einfach, insbesondere das Erbe der Bush-Ära und Kriegs-Müdigkeit, die mit einer Untergewichtung der Außenpolitik einhergeht. Für Norbert Röttgen ist dies ein Weckruf für eine europäische Außen- und Sicherheitspolitik, von der wir aber in Wahrheit weit entfernt sind. Die politische Situation vieler Staaten beschrieb der Vortragende als eine politische Sklerose, die innenpolitischen Kohärenzen müssen sich annähern und in einer europäischen Sicherheitspolitik resultieren.

In der Diskussion mit HCA Gründungsdirektor Prof. Dr. Detlef Junker kam Norbert Röttgen dann nochmals auf das hegemoniale Sicherheitsverständnis Russlands, das Putin auch für den Westen annimmt. Der russische Präsident möchte eine neue Machtposition in Europa und ist inzwischen gezwungen, seine auf nationalem Stolz basierende innenpolitische Legitimation ständig „nachzufüttern“. Die Diskussion über Waffenlieferungen für die Ukraine sieht Norbert Röttgen als eine Bedrohung für die westliche Einheit. Er selbst lehnt Waffenlieferungen ab; sie würden einerseits zwar die Kosten für Putin erhöhen, andererseits aber den Konflikt anheizen. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses sprach sich hingegen für eine längerfristige finanzielle Unterstützung der Ukraine aus, da das Land nicht kollabieren dürfe. Auf die Frage hin, ob es Putin wagen würde, die NATO-Staaten anzugreifen, äußerte sich Norbert Röttgen klar: „Ich bin mir sicher, dass Putin nicht den Artikel 5, den Bündnisfall, auslösen möchte. Ich denke aber, dass uns Provokationen von russischer Seite bevorstehen“. Als Beispiel erinnerte er daran, wie Putin 2005 Gaslieferungen als Druckmittel einsetzte, betonte aber auch die diesbezügliche wechselseitige Abhängigkeit.

Nach dem Vortrag stand Dr. Röttgen für weitere Fragen und Diskussionen mit dem Publikum zur Verfügung.

 

Rhein Neckar Forum für transatlantische Fragen
"Brauchen wir TTIP? Freihandel mit Nordamerika – Analysen und Kontroversen"

2015.02.06 Ttip

6. Februar 2015

Das HCA setzte seine Reihe Rhein Neckar Forum für transatlantische Fragen am 6. Februar mit einer Podiumsdiskussion über die transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft, besser bekannt als TTIP (Transatlantic Trade and Investment Partnership), fort. Bei der Veranstaltung, die in Kooperation mit dem Transatlantic Business Council durchgeführt wurde, informierten, analysierten und diskutierten Matthias Kruse, Geschäftsführer International bei der IHK Rhein-Neckar, Dr. Beate Scheidt, Referentin für Makroökonomie und internationale Wirtschaftspolitik beim IG Metall Vorstand, Dr. Isabel Feichtner, Juniorprofessurin Law and Economics der Universität Frankfurt, Hanno Woelm, Policy Director, Transatlantic Business Council, Jan von Herff, Senior Manager Trade & Industry Policy BASF, und Ernst-Christoph Stolper, Staatssekretär a.D, BUND-Sprecher Arbeitskreis Internationale Umweltpolitik.

Die Gegner und Befürworter trugen ihre Sichtweisen auf dem Podium dreimal in Rede und Gegenrede vor. Das erste Paar diskutierte zu „Investorenschutz durch Schiedsgerichtsverfahren?“ Jun.-Prof. Feichtner steht TTIP skeptisch gegenüber. Sie verwies auf die Investor-Staat-Streitbeilegung, kurz ISDS. In diesen Schiedsgerichtsverfahren sieht Isabel Feichtner die Gefahr einer „Kanonenbootdiplomatie“. Wenn Unternehmen Staaten verklagen können, haben ihrer Meinung nach nur kapitalexportierende Staaten einen Vorteil.

Die Juniorprofessorin gab außerdem zu bedenken, dass diese Schiedsgerichte für die USA und Europa keinen Sinn haben, da es sich in beiden Fällen um hochentwickelte Wirtschaftsgebilde handele. Für TTIP würde sie sich wünschen, dass ein Ausgleich der verschiedenen politischen und rechtlichen Interessen im Fokus stehen würde. Jan von Herff sieht im modernen Investitionsschutzrecht eine Verrechtlichung und eine Abkehr von militärischer Gewalt. Zudem schützt der Investorenschutz sowohl kleine Unternehmen als auch Multikonzerne, da beide im Fall von Investitionen im Ausland der Gefahr einer ungerechten Behandlung gegenüber stehen. Als positiv erachtet er die Tatsache, dass zum ersten Mal die Verträge aus EU Sicht verhandelt werden. Dies ist erst seit 2009 möglich. Von Herff sieht in TTIP vor allem einen größeren Marktzugang für Investoren.

Als nächstes wurde über das Thema „Harmonisierung von Standards“ gesprochen. Dr. Scheidt hob hervor, dass es bei TTIP um den Abbau unterschiedlicher Regulierungen geht, sowohl im Handel als auch bei der Angleichung der Standards. Letzteres führe zu Kostenersparnis, steigender Nachfrage und Wachstum. Durch die regulative Zusammenarbeit würden uns allerdings Fesseln angelegt; der demokratische Prozess werde ausgehebelt, die Möglichkeiten zur Gestaltung beispielsweise beim Umweltschutz oder beim Gesundheits- und Verbraucherschutz verringerten sich. Es müssten sich nicht mehr nur die EU-Partner untereinander einigen, sondern jetzt müsse zusätzlich eine Einigung mit den USA herbeigeführt werden. Als klare Schattenseite sieht Dr. Scheidt den durch TTIP resultierenden Druck auf die Arbeits- und Sozialstandards.

Matthias Kruse hingegen betonte, wie wichtig der Export für deutsche Unternehmen sei. Die USA sind einer der wichtigsten Absatzmärkte. Für Unternehmen ist es wichtig, dass sie in Wachstumsregionen tätig werden können und noch besser, wenn sie dort auf dieselben Standards zurückgreifen können, die sie aus ihrem Land kennen. Mit TTIP und der damit einhergehenden Standardangleichung würden die Kosten für Unternehmen und Investoren im Ausland deutlich geringer werden.

In der dritten Gesprächsrunde machte Hanno Woelm klar, dass es in dieser Debatte nicht um ein Vetorecht für die EU oder die USA gehe, sondern um mehr Transparenz im Allgemeinen. Wer setzt die Normen? Wenn wir es nicht tun, wer dann? Wenn wir das anderen überlassen, haben wir keine Chance mehr, Standards zu setzten. Auf der Pro-Seite für TTIP stehen für ihn die Aussicht auf mehr und besser bezahlte Jobs für den deutschen Mittelstand. Abschließend hob Ernst-Christoph Stolper hebt hervor, dass es bei TTIP nicht um die Neuorganisation von internationalen Normen, sondern um die Angleichung von Standards geht. Letzteres sei ein Zeichen für eine funktionierende Wirtschaft. Bedenklich findet er allerdings, dass bei Haftungsfragen in Deutschland ein Vorsorgeprinzip, in den USA hingegen ein Nachsorgeprinzip herrscht.

Nachdem die Diskutanten ihre unterschiedlichen Sichtweisen vorgetragen hatten, schloss sich ein moderiertes Streitgespräch auf dem Podium und mit dem Publikum an.

 

Myles Jackson: "The Genealogy of a Gene: Patents, HIV/AIDS, and Race in the Age of Biocapitalism"

2015.01.29 Jackson

29. Januar 2015

Für den letzten Vortrag im sechzehnten Baden-Württemberg Seminar hieß das HCA Myles Jackson willkommen, der zum Thema „The Genealogy of a Gene: Patents, HIV/AIDS, and Race in the Age of Biocapitalism“ sprach. Myles Jackson ist der Albert Gallatin Research Excellence Professor für Wissenschaftsgeschichte an der New York University (NYU), Professor für Geschichte an der Faculty of Arts and Science der NYU und Direktor der Wissenschaftsgesellschaft am College für Kultur und Wissenschaft der NYU. Er ist außerdem der aktuelle Träger des Reimar Lüst Preises für Wissenschaft und kulturellen Austausch der Alexander von Humboldt Stiftung.

„Gene faszinieren mich mehr als Menschen“, bekannte Prof. Jackson zum Auftakt seines Vortrags. Biologie verleiht uns etwas Einzigartiges: Die Wissenschaft weiß, dass verschiedene Bevölkerungen verschiedene Allele haben, alternative Formen desselben Gens. Aber die Stereotypen des DNA sind nicht deckungsgleich mit unserem stereotypen Denken. Wenn wir uns beispielsweise eine Person aus Irland vorstellen, so denken wir an blasse Haut, rotes Haar und möglicherweise einen Topf voll Gold. Die DNA-Stereotypie eines Iren kann jedoch ein Schwarzer ohne Haare sein. Prof. Jackson betonte, dass Historiker in dieser Diskussion eine wichtige Rolle spielen: Sie müssen über die Möglichkeit von Patentierungen und eine Biologie der Differenz nachdenken. Wenn es bei DNA-Stereotypen um Geschichte und nicht um Rassismus geht, ist die Frage, wie wir Unterschiede zwischen Populationen verstehen können? Vielleicht brauchen wir spezielle Medikamente für spezielle Populationen. Heutzutage werden immer weniger standardisierte Therapien für alle Patienten entwickelt, sondern vielmehr spezielle Therapien, die auf DNA basieren. Wenn man seine DNA einsendet, kann die Pharmaindustrie spezielle Therapien entwickeln.

Genealogie ist für Myles Jackson die Geschichte über die Gegenwart der Gene, wer wir waren und wie wir wurden, wer wir sind. Sein Buch, das denselben Titel wie die Veranstaltung trägt, beschäftigt sich mit privater und öffentlicher Forschung in der Ära nach Ende des Kalten Krieges. Zu dieser Zeit floss viel privates Geld in die biologische Zweckforschung. Aber wem gehören die Erkenntnisse aus dieser Forschung? Der WHO? Dies ist eines der vielen Dilemmas des „Biokapitalismus“, der geistiges Eigentum meist nicht schützt. Viele Fragen des „Biokapitalismus“ drehen sich um Eigentumsrechte und den Schutz wissenschaftlicher Erkenntnisse. Ein klassisches Beispiel wäre, dass man ein Gen oder einen Menschen nicht patentieren lassen kann. Dies wird allerdings möglich, wenn man die Eigenschaften des Materials von seiner natürlichen Homologie trennt, zum Beispiel durch Isolierung oder Abstraktion. In den USA sind menschliche Gene seit den 1980er Jahren patentierbar, und mittlerweile gehören zwei Drittel dieser Patente der Privatwirtschaft. In den USA kann man ein Patent für etwas erhalten, das neue Eigenschaften hat; es gilt dann für zwanzig Jahre. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Patent tatsächlich genutzt wird; entscheidend ist, dass, wenn es funktioniert, es der Firma, die es besitzt, viel Geld einbringt. Das Problem mit Patenten ist, dass es keine gemeinsame weltweite Definition und Handhabung gibt, die von allen akzeptiert wird. Die Patentämter in der Europäischen Union, den USA und Japan arbeiten mit unterschiedlichen Prinzipien.

Professor Jacksons Vortrag drehte sich hauptsächlich um Geschichte des CCR5-Gens; sie veranschaulicht, wo sich Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft begegnen. Das CCR5-Gen wurde Bestandteil eines „Block Buster Medikaments“ der Pharmaindustrie. Es ist ein Co-Empfänger des AIDS-Virus und spielt eine Schlüsselrolle im menschlichen Immunsystem. HIV selbst tötet nicht, aber schwächt das Immunsystem, so dass jeder Infekt tödlich verlaufen kann. Studien kennen allerdings Paare, in denen ein Partner an AIDS gestorben ist, der andere aber gesund blieb. Solche Paare können auch Kinder haben, die nicht infiziert sind. Es besteht also die Möglichkeit, dass man den HIV-Virus in sich trägt, ohne selbst infiziert zu sein. Der Grund dafür ist ein Brückenprotein, welches die DNA-Bildung konzipiert. Manchmal bleibt der HI Virus nicht an der DNA haften, weil er dafür ein CCR5-Gen benötigt. Befindet sich der HIV-Virus in einem Organismus ohne CCR5-Gen, so ist die Person lediglich ein Träger, ohne selbst an HIV zu erkranken.

Das CCR5-Gen wurde so zur Basis für ein Blockbustermedikament, das den Ausbruch von AIDS verzögern kann. Die Firma, die das Gen patentieren ließ, machte damit ein Vermögen. Aber diese Entwicklung hatte natürlich auch eine Kehrseite: Nicht jeder kann sich dieses Medikament leisten, nicht in den USA, wo es keine flächendeckende Krankenversicherung gibt, und schon gar nicht in den Entwicklungsländern. Der Kampf gegen AIDS wie auch die Gesundheitsfürsorge allgemein werden so zur Klassenfrage. Prof. Jackson Vortrag führte zu einer lebhaften Debatte, an deren Ende er seinem Publikum einen guten Rat gab: „Gehen Sie ihrer Leidenschaft nach, so wird Ihnen Ihre Arbeit immer Spaß machen.“

 

"The United States as a Divided Nation: Past and Present" (HCA Book Launch)

2015.01.20 Bl Phd

20. Januar 2015

Die erste Buchvorstellung des neuen Jahres präsentierte die Arbeit von vier HCA Doktoranden: Maria Diaconu, Eva-Maria Mayer, Maarten Paulusse und Styles Sass hatten jeweils alle einen Artikel zu dem Buch The United States as a Divided Nation: Past and Present beigetragen.

Als erstes stellte Maria Diaconu ihren Essay “In No One We Trust: Memorialization and Communicative Pathologies in Amy Waldman’s The Submission” vor. Der Roman erzählt eine alternative, dystopische Geschichte: Ein muslimischer Architekt gewinnt den anonymen Wettbewerb um die Denkmalgestaltung am Ground Zero. Sein Vorschlag ist es, einen Garten als Denkmal anzulegen. Für die Methodik ihres Essays griff sie auf Jürgen Habermas und Jacques Derrida als Philosophen in der Zeit des Schreckens und des Terrors zurück. In ihrem Vortrag über Gedenken und Kulturkriege sprach Maria Diaconu über die Architektur des Gedenkens und das Verhältnis von Garten und Demokratie. Der im Roman vorgeschlagene Gedenkgarten enthält islamische Elemente, eine Mischung aus Modernismus und islamischer Kunst. Der sogenannte „garden of flags” ist ein Denkmal, das eine statistische Sicht auf die nationale Selbstvertretung, Patriotismus und den Ausnahmezustand umfasst.

Im zweiten Vortrag von Eva-Maria Kiefer ging es um „9/11 Securitized? The Crisis as a Unifying Moment in U.S. History.” Sie postulierte, dass eine Krise eine Nation vereinen kann; ihre Arbeit konzentriert sich auf die Umgehung von Verlusten bei politischen Debatten, die öffentliche Meinung in den USA und die Frage, wie man eine größere Akzeptanz für Meinungen finden, die eine größere Risikofreude einschließen. Die grundlegende Theorie des Essays ist die „prospect theory“ von Kahneman und Tversky, die besagt, dass es die Risikoeinstellung der Akteure beeinflusst, wenn Informationen als positiv oder als negativ kodiert werden. Am Ende ihres Vortrags zog sie das Fazit, dass der Verlustrahmen von 9/11 eine größere unabhängige Variable in der Erklärung für das Verhalten des Kongresses ist und Präsidenten so eine größere politische Wirkung erzielen können. In anderen Worten: Präsidenten sind erfolgreicher im Kongress, wenn sie die Möglichkeit eines Verlustes betonen.

Maarten Paulusse stellte im Anschluss sein Essay „Bridging the Divide: The Occupy Movement as a Site for Experiments in Religious Pluralism” vor. Er begann mit einigen Definitionen: Religion ist ein Prozess, der seinen Wert aus einer höheren göttlichen Kraft bezieht, Spiritualität ist ein Prozess, der das „ängstliche Selbst“ engagiert, und religiöser Pluralismus ist eine Art von affirmativer Einstellung zu religiöser und geistlicher Vielfalt. Die Occupy-Bewegung hat eine breite Koalition geschaffen und mit neuen Formen des Religiös-politischen experimentiert. Um den Generationskonflikt zu überbrücken, musste sie die Kluft zwischen „religiös“ und „säkular“ schließen. Zum Schluss betonte er, dass viele Aktivitäten von Occupy darauf abzielen, die Ränge in den zahlenmäßig zunehmenden Aktivistenkreisen zu schließen, so dass fortschrittliche Aktivisten sich nicht mehr davor fürchten, Religion und Spiritualität öffentlich zu befürworten. Zusammenfassend sagte er, dass die neuen Formen des religiösen-politischen Aktivismus, zum Beispiel Altäre oder Satire das Potential haben, die religiöse-sekuläre Teilung innerhalb der amerikanischen Gesellschaft zu überwinden.

Abschließend stellte Styles Sass seinen Essay “No Country for Old Visions: The 2008 and 2012 Presidential Campaign Narratives” vor. Seine Arbeit analysiert die Wahlrhetorik von Barack Obama und Sarah Palin und zeichnet ihre Popularität anhand von Meinungsumfragen nach. Styles Sass kommt zu dem Schluss, dass zumindest rhetorisch in den USA eine Art „Bürgerkrieg“ herrscht; innerhalb der republikanischen Partei gebe es rivalisierende Fraktionen und der Süden gehe wieder einmal leer aus. Eine eventuelle Kandidatur Hillary Clintons 2016 könnte die nächste progressive Episode in der demokratischen Partei einläuten. Mit einer Frau im Weißen Haus würden die USA einmal mehr beweisen, dass sie kein Land für alte Visionen sind.

 

Monica Black: "Healer, Messiah, Rock Star: Bruno Gröning and the Early Federal Republic"

2014.12.11 Black

11. Dezember 2014

Für das letzte Baden-Württemberg Seminar vor der Weihnachtspause begrüßte das HCA Monica Black, Professorin für Geschichte an der University of Tennessee in Knoxville. Ihr Spezialgebiet ist die neuere Geschichte Europas. Professor Black promovierte an der University of Virginia und schloss ihren B.A. an der University of North Carolina Chapel Hill ab. Ihr Buch Death in Berlin: From Weimar to Divided Germany wurde 2010 veröffentlicht. Das Buch zeichnet die Entwicklung der Beziehung der Berliner zum Tod nach und beschreibt die Veränderungen von Beerdigungs- und Trauerritualen in der Stadt in drei turbulenten Jahrzehnten. Das Werk wurde 2010 mit dem Fraenkel Preis für Zeitgeschichte und 2011 mit dem Hans Rosenberg Preis geehrt. Death in Berlin basiert auf Professor Blacks Dissertation, die mit dem Fritz Stern Preis der Freunde des Deutschen Historischen Instituts Washington ausgezeichnet wurde.

In ihrem Vortrag am HCA erörterte Professor Black das Gröning-Phänomen im Nachkriegsdeutschland. Anfang 1946 erhielt der damalige Bürgermeister von Herford einen Brief mit der Bitte, Bruno Gröning die Kranken der Stadt behandeln zu lassen. Andere Briefe sprachen sich gegen Gröning aus und missbilligten ihn als sogenannten Wunderheiler. Bruno Gröning wurde mit schnell als „dritter Messias“, „Engelarzt“ und „Teufelsanbeter“ bezeichnet. Nachdem er angeblich einen Jungen von einer degenerativen Muskelerkrankung geheilt hatte, indem ihr ihn mit den Worten “geh Spielen” zu Selbigem aufgefordert hatte, erlangte Gröning Bekanntheit als Wunderheiler. Bald pilgerten viele auf der Suche nach Heilung zu ihm, obwohl die Stadt ihm untersagt hatte, Heilungsrituale auszuüben. Über sich selbst sagte Gröning, er habe keine medizinische Ausbildung, nehme keine Anweisungen von Leuten oder Büchern entgegen und heile nur jene, die an Gott glaubten und ein reines Herz hätten. Sobald er „schlechte“ Menschen heile, würde er an Fieber leiden und die geheilten Menschen würden ihre errungene Gesundheit wieder verlieren. Er behauptete, Gott habe ihm seine Heilkraft gegeben, die sogar auf Distanz wirke. Einige seiner Rituale bestanden daraus, dass er kleine Bälle aus Alufolie verteilte, die sein Haar, seine Fingernägel oder gar sein Sperma und einen „Heilstrom“ enthielten. Es wurde berichtet, dass, wenn Gröning aus der Badewanne stieg, das Badewasser sprudelte.

Schnell bildeten sich Menschenmengen, wo immer Gröning sich aufhielt. Die Schar hoffte auf Heilung. In Rosenheim, wo Gröning sich temporär einquartiert hatte und gelegentlich auf einem Balkon erschien, um von dort aus die Massen zu heilen, kamen bis zu 18.000 Menschen zusammen. Die meisten dieser Leute waren chronisch krank, von ihren Ärzten als unheilbar eingestuft oder hatten psychologische Probleme. Einige waren nur gekommen, um zuzusehen oder waren skeptisch. Es kursierten Gerüchte über einige geheilte Patienten, doch die meisten warteten vergeblich. Im Herbst war das Phänomen größtenteils abgeebbt und die Zeitungen betitelten Gröning als Quacksalber und Schwindler. Die Aufmerksamkeit der Presse schwand, und die meisten Leute kehrten desillusioniert nach Hause zurück. Gröning hatte den Hype um seine Person nicht selbst kreiert: 1946 wurden durch die Medien viele Gerüchte über den bevorstehenden Weltuntergang in Form von Nuklear- oder Naturkatastrophen verbreitet – selbst von angesehenen Redaktionen. Die Presse spielte bei der Geburt des Gröning-Phänomens eine zentrale Rolle. Die drohende Apokalypse, gepaart mit Berichten von Bruno Grönings Bewunderern und Gegnern, sowie die Beschreibungen von ihm als „göttlich“ und „höllisch“ verschafften dem Thema mythische Züge.

Der Spiegel machte die Sache nicht besser mit einem Bericht, Gröning könne sich an seine eigene Geburt erinnern, sei haarig geboren worden und sein eigener Vater habe das Neugeborene angesehen und gesagt, „Nun ist der Teufel im Haus“. Professor Black zeigte am Beispiel des Phänomens Gröning auf, dass die Deutschen als Volk nach dem Krieg kollektiv ihr Vertrauen verloren hatten. Ein weiterer Faktor war, dass die Menschen durch das Nazi-Regime und den Holocaust das Vertrauen in ihre Ärzte verloren hatten. Viele hatten entweder selbst Zwangssterilisation erlitten oder miterlebt, ebenso wie Euthanasie. Kranke litten auch nach 1945 an einem Stigma, besonders bei geistigen Erkrankungen. Professor Black warf in ihrem Vortrag die Frage auf: Wenn man niemandem vertraut, wessen medizinischer Diagnose kann man vertrauen? Dieses Dilemma trug auch zum Aufkommen des Gröning-Hypes 1946 bei. In den 1950ern wurde Gröning einige Male strafrechtlich verfolgt. Während eines Berufungsverfahrens verstarb er an Krebs.

Michael Kühlen: "Die drei ??? und die weiße Anakonda" (HCA Book Launch)

2014.12.09 Bl Kühlen

9. Dezember 2014

Was machen Wissenschaftler eigentlich nach Dienstschluss? Zum Beispiel Krimis für die bekannte Jugendbuchreihe "Die drei ???" schreiben. Am 9. Dezember 2014 stellte HCA Mitarbeiter Michael Kühlen einen von ihm verfassten Band der Kultreihe vor: Die Drei ??? und die weiße Anakonda. Michael Kühlen ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt "Muster wirtschaftspolitischer Beratung in Deutschland und den USA unter besonderer Berücksichtigung der Arbeitnehmerperspektive". Bevor er ans HCA kam, arbeitete im US-Repräsentantenhaus, als Grundsatzreferent im Vorstandsbüro der Bertelsmann Stiftung und als Lektor, Autor und Übersetzer für unterschiedliche Verlage.

Die Reihe "Die Drei ???" ist eine Jugendbuch-Serie US-amerikanischen Ursprungs. Das Original "The Three Investigators" wurde zunächst ins Deutsche übersetzt und wird seit ihrer Einstellung der in den USA in Deutschland seit den frühen neunziger Jahren mit eigenen Geschichten verschiedener Autoren fortgeführt. Neben Büchern existieren auch Verfilmungen und Hörspiele; besonders Letztere erfreuen sich in Deutschland besonderer Beliebtheit.

Michael Kühlens Buch ist ein Mitratefall. Das Buch ist interaktiv geschrieben, so dass der Leser an verschieden Stellen im Buch entscheiden kann, welchem Erzählstrang er folgen möchte. Die Leser oder – an diesem Abend – das Publikum entscheiden dabei, welchen Verlauf die Ermittlungen der drei Detektive Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews nehmen sollen: Wie verhalten sie sich, wenn vor ihren Augen eine gefährliche Schlange geraubt wird? Wem dürfen sie trauen? Und soll Justus wirklich sein gutes Hemd anziehen? So führte Michael Kühlen sein Publikum durch den Fall, in dem die drei Detektive den Diebstahl einer besonders wertvollen Schlange aufklären müssen und dabei in brenzlige Situationen geraten. Das Ende blieb natürlich offen.

Nach seiner Lesung beantwortete der Autor die Fragen seiner kleinen und großen Zuhörer und erklärte zum Beispiel, dass es gewisse Regeln gibt, an die sich alle Autoren der "Drei ???" halten müssen: Niemand darf sterben, es darf keinen Alkohol- oder Drogenkonsum geben, Sex ist ebenso tabu. Er beleuchtete auch die sehr lebendige Fankultur. Im Anschluss signierte Michael Kühlen zahlreiche Bücher für seine Fans, und seine Zuhörer hatten bei einem Glas Saft oder Wein noch die Gelegenheit, fachmännisch über den Fall zu diskutieren.

John Witte, Jr.: "Sharia in the West? What Place for Faith-Based Family Laws in Modern Liberal Democracies?"

2014.12.03 Witte

3. Dezember 2014

Das HCA setzte am 3. Dezember sein Baden-Württemberg Seminar mit einem Vortrag von Professor John Witte, Jr. fort: "Sharia in the West? What Place for Faith-Based Family Laws in Modern Liberal Democracies?" Professor Witte ist der Robert W. Woodruff Professor of Law und der McDonald Distinguished Professor und Direktor des Center for the Study of Law and Religion an der Emory University. Er ist der Autor zahlreicher Bücher, darunter Religion and Human Rights: An Introduction (2012), Religion and the American Constitutional Experiment (2011) und der Doppelband Sex, Marriage and Family Life in John Calvin’s Geneva (2005, 2014).

In seinem Vortrag stellte Professor Witte die Frage, ob in modernen liberalen Demokratien die Scharia als glaubensbasiertes Familienrecht für Muslime Anwendung finden sollte. Er betonte, die Institution der Ehe sei bei dieser Frage von zentraler Bedeutung. Die Ehe, die in fast allen Religionen als heilig gilt, wurde lange als alles zusammenhaltende Kraft betrachtet. John Locke bezeichnete die Ehe als "erste Gesellschaft". Liberale Demokratien aber haben die Ehe in jüngster Geschichte weitestgehend privatisiert. Inzest und Polygamie bleiben die letzten Vergehen, die selbst bei gegenseitigem Einvernehmen strafbar sind. Viele Muslime im Westen kritisieren diese liberale Entwicklung der Gesetzeslage scharf, was zu informellen Lösungen führt. Viele muslimische Paare heiraten in islamisch geprägten Staaten und setzen dort Eheverträge auf. Eine weitere Entwicklung sind Schattengerichte im Westen, die die Scharia anwenden.

Professor Witte erörterte dann drei potentielle Argumente für die freiwillige Anwendung der Scharia für Muslime im Westen und stellte diese dann einigen Problemen gegenüber. Zunächst beleuchtete er das Argument der Befürworter, die Religionsfreiheit solle bedeuten, dass Muslime ihr Recht vor Scharia-Gerichten vertreten könnten. Zweitens existierten im Westen christliche und jüdische Gerichte, deren Daseinsberechtigung nicht angezweifelt werde, selbst wenn ihre Rechtsprechung von der des jeweiligen Staates abweiche. Also, frage Professor Witte, warum sollte dies nicht für Muslime im Westen gelten? Als dritten Punkt führte er das Argument an, dass der Liberalismus die Ehe eine als eine vor-politische Institution sieht. Warum solle also der Staat die Kontrolle über das Ehe- und Familienrecht haben? Und aus welchem Grund sei die staatliche Rechtsprechung in Ehefragen nötig und akzeptiert?

In Bezug auf die Frage der Religionsfreiheit führte Professor Witte an, viele glaubten fälschlicherweise, Religionsfreiheit sei ein Freibrief. Die garantierte Freiheit zur Glaubensausübung sei keine Berechtigung zur Ausübung von Straftaten wie etwa körperliche Züchtigung. Dies gelte besonders, wenn Kinder involviert seien. Bezüglich der Frage, warum der Staat die Gerichtsbarkeit über die Institution der Ehe habe, erklärte Professor Witte, das Gewaltmonopol könne in einer Demokratie ausschließlich beim Staat liegen. Der Staat garantiere ein rechtstaatliches Verfahren und habe damit die Aufgabe, auch über diesen Bereich des Lebens zu richten. Der Frage nach christlichen und jüdischen Gerichten im Westen und dem daraus resultierenden eventuellen Anspruch auf muslimische Gerichte setzte Professor Witte entgegen, die jüdischen Gerichte hätten sich über einen sehr langen Zeitraum im Westen langsam etabliert. Die westlichen Staaten hätten die jüdischen Gerichte auf der Basis gegenseitigen Respekts und Vertrauens akzeptiert. Er betonte, diese Gerichte befassten sich mit einigen ehelichen und familiären Fragen und erhoben keinen Anspruch darauf, alle Juden zu vertreten oder über alle jüdischen Belange zu entscheiden. Weiter benutzten sie lediglich Überredungskunst zur Durchsetzung ihrer Interessen.

Professor Witte argumentierte, es bedürfe Zeit und Geduld für eine säkulare Gesellschaft, religiösen Gerichten Raum zuzugestehen. Zudem sei es absolut unerlässlich für die religiösen Gemeinschaften, die ihre eigenen Gerichte etablieren wollten, die zentralen Werte der „Gastgesellschaft“ zu respektieren und anzunehmen. Westliche Kulturen würden niemals Gruppen akzeptieren, die Demokratie und Freiheit verurteilten und gleichzeitig die Einführung der Scharia forderten. Er schloss seinen Vortrag mit der Überlegung, westliche Muslime hätten eine Gelegenheit, nun mit Geduld und gegenseitigem Respekt die zentralen Werte zu wählen, die sie von einem etwaigen Scharia-Gericht verwaltet haben wollten, und für diese einzustehen.

Matthew A. Sutton: "American Apocalypse: A History of Modern Evangelicalism" (HCA Book Launch)

2014.11.18 Bl Sutton

18. November 2014

Evangelikale Christen in den USA glauben seit langem, dass das Ende der Welt unmittelbar bevorsteht. Dieser Apokalyptismus hat evangelikale Kreuzzüge, Reformbewegungen und Generationen von politischen Aktivisten hervorgebracht. In seinem neuen Buch ist Matthew A. Sutton, Professor für Geschichte an der Washington State University, Marsilius Gastprofessor, und HCA-Scholar-in-Residence der Geschichte des amerikanischen Apokalyptismus seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts nachgegangen. Seine Forschungsergebnisse revidieren viele Vorstellungen über den amerikanischen Evangelikalismus, für den das bevorstehende Ende der Menschheit zentral ist. Wenn man den modernen Evangelikalismus verstehen will, so Professor Sutton, muss man seine Endzeittheologie verstehen.

Anlässlich des HCA Book Launch diskutierte unser wissenschaftlicher Mitarbeiter Daniel Silliman mit Professor Sutton über die Hauptargumente von American Apocalypse. Auf die Frage, wie er überhaupt auf dieses Thema gekommen sei, antwortete Professor Sutton, dass zunächst eine Tatsache sein Interesse geweckt habe – warum Fundamentalisten und ihre evangelikalen Erben dem Staat und der Bundesregierung so skeptisch gegenüberstehen, insbesondere in den aktuellen Debatten um eine staatliche Krankenversicherung. Die Grundlage des radikalen evangelikalen Glaubens sind die apokalyptischen Theologien der 1880er und 18890er Jahre, die besagen, dass in der Endzeit der Menschheit sich alle Staaten einem totalitären politischen Führer unterwerfen werden. Professor Sutton betonte außerdem, dass der Apokalyptismus im neunzehnten Jahrhundert eine recht radikale und unkonventionelle Idee war, heute aber für Fundamentalisten und Evangelikale zentral ist. Der Glaube an die biblische Entrückung und die Wiederkunft Jesu unterscheidet die Evangelikalen mehr als alles andere von anderen protestantischen Gruppen und prägt ihren Alltag ungemein. Der Glaube an das bevorstehende Ende der Welt beeinflusst Wahlentscheidungen, Bildungs- und Ausbildungsstrategien, wirtschaftliches Handeln, den Umgang mit der Globalisierung oder die Einstellung zu Organisationen wie den Vereinten Nationen.

Professor Sutton skizzierte kurz die wichtigsten Grundlagen dieser Theologie: Anstatt zu glauben, dass Christen Gottes Reich auf Erden schaffen, sehen Evangelikale die Erde auf einem abschüssigen Weg, der geradewegs in die Hölle führt. Dieser Glauben resultiert aber keineswegs in Apathie; mehr als andere Protestanten sehen sich Evangelikale in der Verantwortung, so vehement, so radikal und so dringend zu handeln wie möglich. American Apocalypse revidiert außerdem das Standardnarrativ über die Geschichte der weißen Evangelikalen – ein gesellschaftlicher Rückzug in den 1920er Jahren, gefolgt von neuem gesellschaftlichen Engagement in den 1950er Jahren, das dann zur Bildung der religiösen Rechten in den 1980er Jahren führte. Tatsächlich haben die Evangelikalen sich nie von den Forderungen nach sozialen und politischen Reformen abgewandt. So waren die meisten von ihnen heftige Kritiker des New Deal. Für Amerikaner, die das Kommen des Antichrist erwarteten, boten die 1930er Jahre viele Anzeichen: Sie sahen in Franklin D. Roosevelt jemanden, der die Weichen für die Endzeit stellen könnte.

Professor Sutton hat außerdem untersucht, was die antizipierte Apokalypse für schwarze Evangelikale bedeutete. Mit ihren weißen Glaubensbrüdern und –schwestern teilten sie die Sorge um den Weltuntergang und die Hoffnung auf die Wiederkunft des Herrn. Nach dem Antichrist suchten sie allerdings nicht im New Deal, sondern in den rassistischen Regierungen der Südstaaten; ihr Zeichen für den Untergang waren die Lynchmorde. Sie erwarteten einen anderen politischen Führer, der der eine andere Art von Frieden und Gerechtigkeit bringen würde. Professor Sutton ging abschließend auf die große Bedeutung des Apokalyptismus für modern evangelikale Bewegungen, insbesondere für Billy Graham, ein. So begann Grahams berühmtes Revival in Los Angeles 1949 nur wenige Tage nach dem ersten Atomtest der UdSSR – ein mögliches Zeichen für den Anbruch der Endzeit. In der Nachkriegszeit wurde die evangelikale Bewegung größer, breiter und inklusiver; einige ihre Protagonisten predigten einen moderaten, respektablen Apokalyptismus, andere einen radikal-populistischen, der auf das erste Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts zurückgriff. Aber das Apokalyptische verschwand nie ganz. Heute glauben hunderte Millionen Amerikaner, dass die Entrückung existiert und Jesus auf die Erde zurückkehren wird. Das faszinierte Publikum im Atrium des HCA hatte natürlich viele Fragen und konnte die Diskussion mit dem Autor bei einem Glas Wein fortsetzen.

Kenny Cupers: "Human Territoriality and the Downfall of Public Housing"

2014.11.11 Cupers

11. November 2014

Der vierte Vortrag des Baden-Württemberg Seminars beschäftigte sich mit Konzepten der menschlichen Territorialität und dem sozialen Wohnungsbau. Am 11. November begrüßte das HCA dazu Kenny Cupers, Professor an der Illinois School of Architecture an der Universität Illinois in Urbana-Champaign und Fellow der Alexander von Humboldt Stiftung. Professor Cupers ist Historiker, der sich über die europäische Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts und über Stadtgeschichte arbeitet. Sein Hauptinteresse gilt der geschichtlichen Erkenntnistheorie der globalen Moderne. Sein aktuelles Buchprojekt befasst sich mit dem deutschen Kaiserreich und der Frage, wie Umweltwissenschaft die Logik der Moderne prägte. Professor Cupers ist Autor von The Social Project: Housing Postwar France (2014) und Herausgeber von Use Matters: An Alternative History of Architecture (Routledge, 2013).

Professor Cupers Vortrag führte zunächst den Begriff „Umweltdeterminismus“ ein. Im Fall des sozialen Wohnungsbaus bezieht er sich auf die Vorstellung, dass die Lebensumstände das Leben der Menschen prägen. Professor Cupers erläuterte die Entwicklung des öffentlichen Wohnungsbaus und erörterte einige Probleme, mit denen dieser konfrontiert war. In den 1950er Jahren gab es einen immensen Bedarf an Wohnraum in den Industrienationen. Experten, die ursprünglich weiße Mittelschicht-Familien als Zielgruppe ins Auge gefasst hatten, wollten in den neu zu errichtenden Vierteln alles ansiedeln, das Menschen im täglichen Leben neben Wohnraum benötigen. Diesen neuen „Umgebungen“ sollten „Habitat“ heißen. Dieses Konzept beinhaltete Geschäfte, ärztliche Versorgung und alle anderen Notwendigkeiten des täglichen Bedarfs und hatte einen direkten Einfluss auf die Planung der Vororte: Sie waren nach den Bedürfnissen der Einwohner unterteilt. Diese „Habitat“-Vororte verstärkten unter anderem die bestehende Geschlechterungleichheit durch die Annahme, dass die Hausfrauen und Mütter weniger mobil sein mussten als die Männer. Schulen und Kindergärten wurden in der Nähe der Wohnorte angesiedelt, was sicherstellte, dass Frauen keinen Bedarf an höherer Mobilität hatten – und so in ihrer täglichen Mobilität weiter eingeschränkt wurden.

In den 1960ern begannen sich die Bewohner über einige Aspekte ihrer „Habitats“, wie etwa lange Anfahrtszeiten zur Arbeit, zu beschweren. Außerdem verlangten sie, direkt in die Schaffung oder Veränderung ihrer „Habitats“ eingebunden zu werden. Dies wurde gewährleistet, oder zumindest ausprobiert, um die Zufriedenheit der Mieter zu erhöhen. Beispielsweise arbeiteten Architekten Pläne aus, damit die Leute ihre Wohnungen persönlicher gestalten konnten. Oskar Newman entwickelte das Konzept der „latenten Territorialität“, die Auffassung, dass alle Menschen das inhärente Bedürfnis haben, ihren direkten Lebensraum zu kontrollieren. Er fand heraus, dass das Fehlen einer klaren Grenze zwischen der privaten und der öffentlichen Sphäre im „Habitat“ zu Problemen wie einer erhöhten Kriminalitätsrate führte, da die einzelnen Menschen ihre Territorialität von ihrem Zuhause auf die gesamte Nachbarschaft oder sogar den ganzen Vorort ausweiteten. Robert Audreys Vorstellung, dass die „Deterritorialisierung des Menschen“, also die Nichtexistenz von Privateigentum, direkt für Probleme wie Jugendkriminalität verantwortlich sei, schien Oskar Newmans These zu untermauern. In England wurde der öffentliche Wohnungsbau ebenfalls für Vandalismus verantwortlich gemacht. Daher wurde die Idee populär, sogar öffentliche Orte zu privatisieren, in der Hoffnung, dadurch den Vandalismus zu reduzieren. Professor Cupers führte weiter aus, dass es nicht das eine natürliche Verhältnis zwischen Menschen und ihrem Zuhause gäbe, sondern vielmehr einen Wettbewerb verschiedener Konzepte. Nach seinem Vortrag führte Professor Cupers mit seinen Zuhörern eine lebhafte Debatte über öffentlichen Wohnungsbau in Europa und den USA, und darüber, was Wohneigentum und die Rolle der Architekten für das schlechte Ansehen des öffentlichen Wohnungsbaus bedeuten.

Barbara Ladd: "Beyond the Plantation: Race and Class at the Edge of the Swamp"

2014.10.10 Ladd

30. Oktober 2014

Für die zweite Veranstaltung des Baden-Württemberg Seminars begrüßte das HCA Barbara Ladd zu ihrem Vortrag “Beyond the Plantation: Race and Class at the Edge of the Swamp.“ Barbara Ladd ist Professorin für Englisch an der Emory University in Atlanta und Fulbright Professorin an der Karls-Universität Prag. Ihr Forschungsinteresse gilt der Rassen- und Geschlechterforschung, transatlantischen Fragen, den Amerikastudien, der amerikanischen Moderne in der Literatur und William Faulkner. Sie verfasste die Bücher Resisting History: Gender, Modernity, and Authorship in William Faulkner, Zora Neale Hurston, and Eudora Welty (2007) und Nationalism and the Color Line in George W. Cable, Mark Twain, and William Faulkner (1997). Momentan arbeitet Professor Barbara Ladd an einem Buch zu transatlantischen Routen in der Südstaatenliteratur und an einer Sammlung von Essays zu William Faulkner, verfasst von Forschern aus südlichen Regionen der Welt.

In ihrem Vortrag am HCA analysierte Professor Ladd die Konzepte von Rassen- und Klassenzugehörigkeit in der amerikanischen Südstaatenliteratur in Bezug auf die Gegend des Great Dismal Swamp, einer Sumpf- und Moorlandschaft in den Küstenregionen des üdöstlichen Virginia und nordöstlichen North Carolina. Sie erklärte zu Beginn ihres Vortrags, das statische Narrativ von Rasse präge noch immer die Südstaatenliteratur. Professor Ladd führte aus, dass Diskriminierungen wegen Rassen- und Klassenzugehörigkeit sich im Süden und allerdings die meisten Bewohner von dem Einen oder dem Anderen betroffen seien. Als Beispiel für die Überschneidung beider Konzepte nannte Professor Ladd den Umstand, dass arme Weiße in der Literatur zumeist als Analphabeten, dumm und kränklich beschrieben würden – dennoch zeichne diese armen Südstaatenweißen der Stolz auf ihre Rassenzugehörigkeit aus, durch die sie sich von Schwarzen abheben würden. Die wirklich existierende Region des Great Dismal Swamp ist ein wiederkehrendes Motiv in der amerikanischen Südstaatenliteratur. Beispielsweise beschreibt Harriet Beecher Stowe den Great Dismal Swamp in ihrem Werk Dred. Am Rande des Sumpfes standen Häuser und Höfe, und auf den Kanälen im Moor bewegte man sich mit Booten vorwärts. Das Unterholz und die Gefahren des Sumpfes erschwerten eine Dauerbesiedlung, machten sie aber nicht unmöglich.

Archäologische und historische Hinweise legen den Schluss nahe, der Sumpf sei ein Versteck und Wohnstätte von entlaufenen Sklaven, amerikanischen Ureinwohnern und Kriminellen gewesen. Am Rande des Sumpfes lebten Quäker, und Liebespaare trafen sich im Moor, fernab von gesellschaftlichen Zwängen. Im Great Dismal Swamp wurden Sklaven wie freie Menschen behandelt. Wahrscheinlich waren ihre Kenntnisse der gefährlichen Landschaft von unschätzbarem Wert. Einige Sklaven verdienten sich durch Arbeit im Sumpf einen Lebensunterhalt und konnten sich so ihre Freiheit erkaufen. Der Sumpf sei weniger eine echte Perspektive, als vielmehr einen Zufluchtsort für arme Weiße, Schwarze, Sklaven, Ureinwohner und Kriminelle – also für alle, die keine respektierten Gesellschaftsmitglieder darstellten – gewesen, erklärte Professor Ladd. Sie beendete ihren Vortrag mit einen Vorschlag für künftige Forschungen: Um ein wahres Verständnis für die Überschneidung von Klassen- und Rassenproblematik in der amerikanischen Südstaatenliteratur zu entwickeln, sei die Entwicklung eines neuen Paradigmas erforderlich. Im Anschluss an den Vortrag beantwortete Professor Ladd die Fragen ihres Publikums und führte mit ihren Zuhörern eine lebhafte Diskussion.

Penny von Eschen: "Satchmo Blows Up the World: Jazz as a Global Culture of Dissent"

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23. Oktober 2014

Das sechzehnte Semester des Baden-Württemberg Seminars des HCA begann am 23. Oktober 2014 im Rahmen des Enjoy Jazz Festivals mit einem Vortrag von Penny von Eschen, Professorin für Geschichte und amerikanische Kultur an der University of Michigan. Ihre Forschung konzentriert sich hauptsächlich auf transnationale kulturelle und politische Dynamiken und die politische Kultur des Imperialismus der USA sowie Rassen- und Geschlechterfragen.

Professor von Eschens Vortrag am HCA basierte größtenteils auf der Forschung für ihr Buch Satchmo Blows Up the World: Jazz Ambassadors Play the Cold War (2004). Sie stellte zunächst klar, dass Jazz den Kalten Krieg nicht gewonnen habe, da dieser Konflikt keine Gewinner hatte. Dennoch wurden nach Dizzy Gillespies erster internationaler Propagandatour hunderte Jazz- und Bluesmusiker von der US-Regierung auf Propagandamissionen geschickt. Auf diese Weise habe Jazz im Kalten Krieg eine nicht unbedeutende Rolle gespielt. Jazz war bereits durch die Besetzung der Philippinen und durch das Unterhaltungsprogramm für die amerikanischen Truppen im Zweiten Weltkrieg und im Koreakrieg international verbreitet worden. Er wurde als einmalige Form der amerikanischen Moderne und Freiheit angesehen und die strukturelle Freiheit der Jazzmusik wurde in den USA zur Allegorie für die Freiheit. Einige der bedeutendsten Jazzproduzenten wie Dan Morgenstern und George Wein hatten jüdische Wurzeln und hatten den Holocaust und Vertreibung in Europa erlebt.

Während das amerikanische Außenministerium die ersten Jazztourneen zu Propagandazwecken organisierte, diskutierten Jazzinterpreten in den USA über ihre Musik und Freiheit. Sie sahen Freiheit und Demokratie als erstrebenswerte Ziele an. Die schwarze Bürgerrechtsbewegung steckte zu dieser Zeit noch in den Kinderschuhen, und Freiheit und Gleichberechtigung waren für viele Schwarze in weiter Ferne. Dizzy Gillespie wurde von allen weiteren Jazztouren im Ausland suspendiert, da er sich auf seiner Reise im Iran geweigert hatte, die Rassentrennung in den USA herunterzuspielen. Ironischerweise nutzte auch Präsident Nixon die afroamerikanische Kultur für diplomatische Zwecke auf internationaler Ebene, während er zu Hause die Bürgerrechtsbewegung unterminierte. Die Tatsache, dass Jazzkünstler wie Thelonious Monk und Charles Mingus auf ihren Jazztourneen offen ihre persönliche Antikriegsmeinung kundtaten, machte das US-Außenministerium nervös, brachte den beiden Musikern in Europa allerdings eine noch größere Beliebtheit ein.

Die letzten offiziellen vom US-Außenministerium organisierten Jazztourneen fanden 1978 statt. Nach dem 11. September wurden sie wieder aufgenommen. Die aktuellen Tourneen sind weniger restriktiv organisiert, und die amerikanischen Musiker haben die Gelegenheit, sich mit den einheimischen Künstlern zu treffen und mit ihnen zu musizieren. Das amerikanische Außenministerium hielte sich auch mit Versuchen zurück, die Meinungsäußerungen der Musiker zu kontrollieren, erklärte Professor von Eschen. Sie erläuterte zudem, dass, obwohl das amerikanische Außenministerium maßgeblich an der Globalisierung von Jazz beteiligt gewesen sei, die Musikrichtung erst durch transnationale Umwälzungen entstanden sei und daher nie exklusiv den USA als „fundamentaler Teil der amerikanischen Kultur“ gehört habe. Nach dem Vortrag beantwortete Professor von Eschen zahlreiche Fragen und führte mit ihrem faszinierten Publikum eine lebhafte Debatte über Jazz und amerikanische Außenpolitik.

Awarding of the Rolf Kentner Dissertation Prize 2014

2014.10.16 Kentner-preis

16. Oktober 2014

Am 16. Oktober 2014 fand am HCA die nunmehr fünfte Verleihung des Rolf Kentner Dissertationspreises statt. Das Institut stellte außerdem die neuen Mitglieder des MAS und des Ph.D. Programmes einer breiteren Öffentlichkeit vor. Der größte Teil des Abends aber war der Preisverleihung gewidmet. Der Stifter ist einer der ältesten und aktivsten Förderer des HCA und Vorsitzender der Schurmann Gesellschaft. Der Preis wird an eine herausragende noch unveröffentlichte Doktorarbeit in den Amerikastudien verliehen, die an einer deutschen Universität eingereicht wurde.

Er ging in diesem Jahr an Dr. Juliane Braun, die 2013 an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg promovierte. Juliane Braun studierte Anglistik, Amerikanistik und Romanistik mit Schwerpunkt französische Literatur an den Universitäten Mainz, Reading (England), und Dijon (Frankreich), und an der Bread Loaf School of English in Santa Fe (USA) und schloss 2006 mit einem Master der Universitäten Mainz und Maîtrise in Dijon ab. Mit ihrem Dissertationsprojekt blieb sie sowohl ihrem Interesse an der amerikanischen wie der französischen Literatur treu und untersuchte die Kultur der französischen Theater in Lousiana im neunzehnten Jahrhundert. Die Arbeit erhielt bereits den Dissertationspreis der Bayerischen Amerika-Akademie.

In ihrem Festvortrag mit dem Titel "Imagining Freedom in the Black Theatres of Francophone New Orleans" erklärte Dr. Braun ihren zahlreichen Zuhörern, wie Theatertraditionen in Louisiana Elemente der französischen und später der amerikanischen Theaterkultur aufgenommen, verändert und vereinnahmt haben. Sie nahm ihr Publikum mit auf eine Reise von der Eröffnung des ersten französischen Theaters in New Orleans 1791 bis zum Beginn des amerikanischen Bürgerkrieges siebzig Jahre später. Ein ganzes Jahrhundert lang fungierten Theater in der Crescent City als soziale Zentren, die zur Integration der heterogenen Bevölkerung beitrugen, und als Aufführungsorte für Stücke, die in New Orleans entstanden waren. Das Geld, das sie erwirtschafteten, trug signifikant zum Wirtschaftskreislauf der Stadt bei. Auf der anderen Seite waren diese Theater Orte von Auseinandersetzungen über kulturelle Souveränität, ethnische Identität, und nationale Zugehörigkeit. Angesichts der wachsenden Vorherrschaft der anglo-amerikanischen Bevölkerung entwickelten die französischsprachigen Bewohner der Stadt neue Strategien damit ihre Kultur nicht in Vergessenheit geriet. Theater wurden die wichtigste Waffe in diesem Kampf um das kulturelle Überleben.

Dieser aufschlussreiche, unterhaltsame und wunderschön illustrierte Vortrag erhielt viel Beifall, auch weil er von faszinierenden Fotografien und Zeichnungen begleitet wurde, die die Theater, ihre Lage und ihre Architektur zeigten. Der Vortrag wurde musikalisch umrahmt von dem Duo Florence Launay und Michael Cook, das eine Auswahl französischer “Romanzen” darboten, eine Musikform, die in den USA des späten achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts äußerst populär waren, zum Beispiel "Plaisir d'amour." Der anschließende Empfang in der Bel Etage des HCA gab dem Publikum Gelegenheit, den Vortrag ausführlich zu debattieren, begleitet von Drinks, einem Büffet und mehr Livemusik.

Joseph Crespino: "Strom Thurmond and the Rise of the Modern American Right"

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17. Juli 2014

Joseph Crespino setzte am 17. Juli den Schlusspunkt des Baden-Württemberg Seminars im Sommersemester. Er referierte über Strom Thurmond, einen der am längsten dienenden amerikanischen Politiker. Joseph Crespino ist Geschichtsprofessor an der Emory University und Fulbright Distinguished Chair für American Studies an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. HCA Gastprofessor Mark Wilson stellte Professor Crespino als einen der führenden amerikanischen Politikhistoriker vor. Seine Thurmond-Biographie legt nicht zuletzt, wie Professor Wilson scherzhaft bemerkte, Zeugnis über seine hervorragende Arbeitsmoral ab. Schließlich wurde Strom Thurmond einhundert Jahre alt.

In seinem Vortrag beschrieb Professor Crespino, wie die Idee zu diesem Buch entstand. Im Jahr 2002 sorgte Trent Lott, der Senator für Mississippi, für eine Kontroverse, als er Strom Thurmond zu dessen hundertsten Geburtstag gratulierte und betonte, viele Fehler hätten vermieden werden können, hätte man Thurmond zum Präsidenten gewählt. Diese Aussage sorgte für Furore, weil Thurmond sich in seiner politischen Karriere als Senator für South Carolina als Demagoge und Anhänger der Rassentrennung hervorgetan hatte. Er hatte nach dem Civil Rights Act von 1964 entrüstet die Partei gewechselt, weil er die demokratische Unterstützung für das Gesetz missbilligte. Senator Trent Lott trat nach der Kontroverse 2002 von seinem Amt als Mehrheitsführer im Senat zurück. Professor Crespino schrieb einen Kommentar über die vorangegangenen positiven Äußerungen Lotts zu Thurmond. An diesem Punkt beschloss er, dass 650 Wörter nicht ausreichten, um Strom Thurmond und seinen Einfluss auf die Politik der Südstaaten zu würdigen. Also schrieb er ein Buch.

Professor Crespino skizzierte dann Thurmonds politische Karriere. Dieser trat nicht nur vehement für die Rassentrennung ein, sondern war einer der ersten „Sunbelt Conservatives“ und propagierte viele Ansichten dieser politischen Gruppierung. Er sprach bei zahlreichen antikommunistischen Versammlungen im ganzen Land, stimmte gegen jegliche Arbeitsgesetzgebung, die seinen Weg kreuzte, und war mit einigen Evangelikalen der religiösen Rechten eng bekannt. Schließlich kam Professor Crespino auf die Rolle der Rasse in der Südstaatenpolitik und in Strom Thurmonds Leben zu sprechen. Obwohl er ein lautstarker Befürworter der Rassentrennung war, zeugte er eine schwarze Tochter, Essie Mae Washington-Williams. Ihre Existenz blieb bis nach dem Tod Thurmonds ein Gerücht, das von den meisten Medien ignoriert und nur von der schwarzen Presse angesprochen wurde. Sechs Monate nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 2003 bestätigte Essie Mae Washington-Williams öffentlich ihre Verwandtschaft mit Thurmond. Ihr Name wurde später zu seinem Denkmal hinzugefügt, das bereits seine vier weißen Kinder namentlich erwähnte. Die Familie stimmte dem aus Dankbarkeit für Essie Maes Loyalität und Ergebenheit ihrem Vater gegenüber zur. Professor Crespino interpretierte die Geste auch als Dankbarkeit dafür, dass Essie Mae die Heuchelei ihres Vaters nicht zu seinen Lebzeiten enthüllt habe.

Nach seinem Vortrag beantwortete Professor Crespino zahlreiche Fragen seiner interessierten Zuhörer bezüglich Strom Thurmonds Einstellung zur Rassentrennung und deren Bedeutung für seine Karriere und Privatleben.

Podiumsdiskussion: "Der Adler, der Drache und der Stier: Die USA, China und Europa im 21. Jahrhundert"

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16. Juli 2014

Am 16. Juli 2014 fand im HCA die Podiumsdiskussion „Der Adler, der Drache und der Stier: Die USA, China und Europa im 21. Jahrhundert“ statt. Die Diskutanten Prof. Dr. Sebastian Harnisch vom IPW Heidelberg, Dr. Saskia Hieber von der LMU München und die Journalistin Olivia Schöller widmeten sich auf dem Podium insbesondere außenpolitischen Fragen und analysierten dabei die Selbstwahrnehmung der Akteure in diesem Dreieck sowie ihre jeweilige strategische Ausrichtung zueinander. Dr. Tobias Endler vom HCA moderierte die Veranstaltung.

OOlivia Schöller stellte anfangs heraus, dass aus Sicht der USA von einem außenpolitischen Abstieg keine Rede sein kann. Die eigene Führungsrolle wird als selbstverständlich erachtet: nicht ob, sondern wie man führt, steht im Mittelpunkt der inneramerikanischen Diskussion. Unter Obama hat es zudem einen Wandel hin zur „smart power“ gegeben. Als Ordnungsmacht bekämpfen die USA Krisen zunehmend mit Sanktionen statt mit militärischen Mitteln. Die größte Schwierigkeit bleibt dabei die US-interne Polarisierung, weniger die internationale Wahrnehmung des Landes. Der Aufstieg Chinas ist aus US-amerikanischer Sicht unaufhaltsam, jedoch nicht vollständig. Zielsetzung ist es, den eigenen Einfluss im chinesischen Raum geltend zu machen und den Aufstieg so gut wie möglich mit zu lenken. Der „pivot to Asia“ ist ausdrücklich kein Zeichen einer Abkehr von Europa; vielmehr beweist die Krimkrise die Bedeutung der gemeinsamen Wertegemeinschaft. Dennoch ist man in den USA mit Blick auf das „burden sharing“ enttäuscht von Europa und fordert ein größeres internationales Engagement.

Dr. Hieber betonte zunächst, dass aus chinesischer Sicht die Einheit des Landes nicht nur durch das Militär geschaffen, sondern von einem Großteil der Bevölkerung getragen wird. Die politischen Interessen liegen in erster Linie im Schutz der Exportwirtschaft und darin, den Binnenkonsum weiter anzukurbeln. Das Kredo „big is beautiful“ wird von der Bevölkerung nicht nur toleriert, sondern gefordert. China ist dennoch keine „smart power“. Es gelingt dem Land nicht, langfristig belastbare und tiefgehende Allianzen zu bilden, sogar im unmittelbaren Umkreis ist China politisch isoliert. Der „pivot to Asia“ der USA ist aus chinesischer Sicht umstritten, die Wünsche widersprüchlich: eine US-Militärpräsenz in der unmittelbaren Einflusssphäre sowie eine Allianz werden klar abgelehnt, genauso wie ein Engagement der EU in Afghanistan und Zentralasien. Dem angeblichen Scheitern der westlichen Integrationspolitik und des Interventionismus des Westens folgt jedoch eine Destabilisierung der Region, was aus Sicht Chinas ebenfalls unerwünscht ist. Insgesamt zeichnet sich China durch einen Pragmatismus aus; Partner außerhalb des Westens bleibt Russland. Europa kämpft im Zuge der Finanz- und Krimkrisen nach innen sowie nach außen mit einem enormen Attraktivitätsverlust. Nach innen wird dies besonders deutlich durch den Zuspruch für europaskeptische Parteien bei den letzten Europawahlen. Prof. Dr. Harnisch stellte heraus, dass die Sicherheitsstrategie der EU als „soft power“ primär auf der wirtschaftlichen und kulturellen Dimension fußt. Europa gilt somit nicht nur als politische Einheit, sondern vielmehr als erfolgreiches, fortwährendes Friedensprojekt, dessen Konzept oft schlecht kopiert wurde. Nach Außen hat die Krise in der Ukraine verdeutlicht, dass die USA für Europa unverzichtbar bleiben und andere außenpolitische Krisen wie im Iran nur gemeinsam gelöst werden können.

Die Grenzen der Verständigung aller Akteure standen ebenfalls im Mittelpunkt der Diskussion. Da in Europa, den USA und China unterschiedliche politische Kulturen vorherrschen, fußt die Verständigung häufig auf fehlerbehafteten Wahrnehmungen. Für Europäer wird das vor allem im Unverständnis gegenüber dem Territorialverhalten Chinas deutlich, während dort die Lehren des europäischen Einigungsprozesses mit Skepsis betrachtet werden. Aus Sicht der USA hingegen ist der eigene Wohlstand abhängig von chinesischen Produkten, andererseits bleiben für Nordamerika viele der Ansprüche Chinas unverständlich. Einig waren sich alle Diskutanten darin, dass Europa und die USA auf den Wirtschaftsbeziehungen zu China aufbauen möchten, während das Verhältnis Europas und der USA zueinander durch eine gemeinsame Wertegemeinschaft geprägt ist und deutlich darüber hinaus geht.

Im Anschluss öffnete sich die Diskussion dem Publikum, das lebhaft über das amerikanische Wirtschaftsmodell, die Spionageaffäre in Deutschland und dem wirtschaftlichen Erfolg Chinas im Kontext der jeweils eigenen Selbstwahrnehmung miteinander ins Gespräch kam.

Zehn Jahre Heidelberg Center for American Studies

4. Juli 2014

Am 4. Juli 2014 feierte das Heidelberg Center for American Studies sein zehnjähriges Bestehen in der Alten Aula der Universität. Prof. Dr. Dieter W. Heermann, Prorektor für internationale Angelegenheiten der Universität Heidelberg, und Prof. Dr. Dr. h.c. Stefan Maul, Dekan der Philosophischen Fakultät, eröffneten die Feierlichkeiten und wünschten dem HCA viele weitere Jahrestage. Sie lobten die interdisziplinäre Herangehensweise des Institutes und seine in den deutschen Geisteswissenschaften einzigartige Förderung durch private Mittel. Dr. Mausbach stellte dann die Festrednerin, Prof. Dr. Carmen Birkle, vor, die die neugewählte Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien ist und außerdem Professorin für American Studies an der Universität Marburg. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt hauptsächlich auf Frauen- und Geschlechterforschung und den Minderheitsstudien.

Photo Gallery: Celebrating Ten Years of the HCA

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In ihrer Rede hob Prof. Birkle drei wesentliche Merkmale hervor, die jedes American Studies Programm in sich vereinen sollte, die aber nicht leicht zu erreichen seien. Zum einen nannte sie Interdisziplinarität als wichtiges Element. Sie sei schwer umzusetzen, weil dazu verschiedene Forschungsbereiche eine funktionierende Kommunikation aufbauen müssten. Das zweite wichtige Merkmal sei Sichtbarkeit, was effizientes Marketing nötig mache – die Institution müsse global erreichbar sein. Der letzte Faktor sei transnationale Arbeit. Das HCA sei eines der sehr wenigen florierenden American Studies Institute in Deutschland, zudem das sichtbarste, transnationalste und interdisziplinärste Institut und zudem das einzige, das seine eigenen B.A., M.A. und Doktorandenprogramme habe. Das HCA halte viele internationale Konferenzen ab und habe sehr enge Kontakte zu verschiedenen Forschungsabteilungen entwickelt, was zu einem hohen Grad an Interdisziplinarität geführt habe. In Anlehnung an ein Zitat aus John Winthrops Predigt „A Model of Christian Charity“ nannte Prof. Birkle das HCA die “City Upon a Hill” der American Studies und lobte Gründungsdirektor Professor Junkers „Yes-We-Can“-Einstellung. Sie gratulierte dem HCA im Namen der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien zu seinem Erfolg und schloss mit den Worten, das HCA sei wirklich eine „City Upon a Hill“.

Als nächstes teilten einige Gäste ihre persönlichen Erinnerungen an ihre Zeit am HCA mit. Prof. Kirsten Fischer, Visiting Scholar in den Jahren 2008 und 2011, lobte den respektvollen Dialog, den das HCA unter seinen Studierenden kultiviere. Diese Dialogkultur sei so in den Vereinigten Staaten nicht zu finden und habe sie nachhaltig beeindruckt. Prof. Junker habe ein unvergleichliches Institut kreiert, ein Juwel für Professoren, Mitarbeiter und Studenten. Jasmin Miah, Absolventin des BAS-Jahrgangs 2014, beschrieb ihr Leben als Mitglied des ersten BAS-Jahrgangs und betonte vor allem die familiäre Atmosphäre und die HCA Aktivitäten jenseits von Vorlesungen und Seminaren. Axel Kaiser, Absolvent des MAS-Jahrgangs 2011, gratulierte dem Gründervater des HCA zum Jubiläum und bedankte sich bei den Professoren und Mitarbeitern für ihre Unterstützung, die seinen akademischen Weg geprägt habe. Wie Jasmin Miah betonte auch er, dass er sich am HCA heimisch gefühlt habe. Dr. Karsten Senkbeil, der 2010 am HCA promovierte, beschrieb seine Nervosität vor seinem ersten Kolloquium am HCA. Das HCA, bemerkte er, stelle seine Studenten vor Herausforderungen und belohne sie, wenn sie diese meisterten, mit der Möglichkeit, viel von einem ganzen Team von Professoren und Kommilitonen zu lernen. Er nannte seine Zeit am HCA seine „Champions League-Jahre“. Prof. Stanislaw Burdziej lernte das HCA zunächst bei der Spring Academy kennen, einer internationalen Konferenz für Doktoranden. Dort, berichtete er, habe man seine Arbeit so auseinandergenommen, dass er im Anschluss sein ganzes Projekt auf den Kopf gestellt habe. Er kehrte später als Student an das HCA zurück und absolvierte das MAS-Programm. Er bedankte sich für die Investition, die das HCA in ihn getätigt habe und deren Früchte er nun ernte.

Prof. Dr. Dr. h.c. Detlef Junker bedankte sich bei allen Rednern und zeigte sich gerührt von ihrem Lob, ihren Erinnerungen und ihren geistreichen Schilderungen. In seinem eigenen Rückblick bezeichnete er die Gründung des HCA als eine Erfolgsgeschichte, die auch hätte scheitern können. Er stellte die Vermutung auf, das HCA wäre vermutlich gescheitert, wäre es nach 2008 gegründet worden. Die Finanzkrise hätte wohl eine public-private partnership verhindert. An dieser Stelle bedankte Prof. Junker sich bei allen Spendern des HCA. Weiter betonte er, dass das HCA ohne sein hervorragendes Gründungsteam vermutlich gescheitert wäre, bevor es sich richtig hätte entwickeln können. Er bedankte sich bei allen Mitgliedern des damaligen Teams, das sofort durchgestartet sei, und bei dem gesamten aktuellen HCA-Team. Dr. Mausbach erklärte, das Jubiläum am 4. Juli sei ein Dreifaches: Der 238. Unabhängigkeitstag der Vereinigten Staaten, das 10. Jubiläum des HCA und der 75. Geburtstag seines Gründungsdirektors. Dr. Mausbach dankte Professor Junker für seinen Humor, sein schallendes Gelächter und seinen Enthusiasmus – und für die Gründung des HCA. Er nannte Professor Junker den „George Washington des HCA“. Die Feierlichkeiten wurden musikalisch untermalt von Eva Mayerhofer und Christian Eckert.

Im Anschluss an den Festakt in der Alten Aula fand im Garten des HCA ein amerikanisches Barbecue statt, und viele Gäste ließen sich den deutschen Sieg im Viertelfinale der Fußballweltmeisterschaft nicht entgehen.

Laurie Maffly-Kipp: "James W.C. Pennington and the Origins of African American Historiography"

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24. Juni 2014

Am 24. Juni 2014 feierte das HCA die dritte Verleihung des James W.C Pennington Awards. Die diesjährige Empfängerin des Preises ist Professor Laurie Maffly-Kipp, Distinguished Professor in the Humanities am John C. Danforth Center on Religion and Politics an der Washington University in St. Louis. Der Pennington Award wurde 2011 von der Theologischen Fakultät, einer der Gründungsfakultäten der Ruperto Carola, und einem der neuesten Institute, dem Heidelberg Center for American Studies, ins Leben gerufen. Der Preis ist nach James W.C. Pennington benannt, einem ehemaligen Sklaven, der 1849 die Ehrendoktorwürde der Universität Heidelberg verliehen bekam. Er war der erste Afroamerikaner, dem diese Ehre zuteilwurde. Die Manfred Lautenschläger Stiftung legte den Grundstock für die ersten Forschungsaufenthalte, die mit dem Pennington Award verbunden sind. Dr. h.c. Manfred Lautenschläger gratulierte zunächst der Preisträgerin Professor Maffly- Kipp und stellte dann kurz das Leben und Wirken von James W.C. Pennington vor, dessen Geschichte und Vermächtnis er als sehr bewegend bezeichnete. Pennington wurde als Sklave geboren, entkam diesem Leben als junger Mann und wurde einer der nachdrücklichsten Gegner der Sklaverei. Er besuchte die Yale Divinity School und wurde zum Pfarrer geweiht. Der in seinem Namen gestiftete Preis ehrt herausragende Forschungsleistungen auf dem Feld der afroamerikanischen Geschichte und Religionswissenschaft.

Professor Stievermann stellte dann Professor Maffly-Kipp als führende Wissenschaftlerin auf den Forschungsfeldern afroamerikanische und amerikanische Religion, Religion und Geschlecht sowie der Geschichte des Mormonentums vor. Professor Maffly-Kipp hat bereits zahlreiche Preise und Stipendien erhalten. Neben ihrer hervorragenden wissenschaftlichen Arbeit ist sie ständig bemüht, ihre Erkenntnisse einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Professor Maffly-Kipp ist die Autorin zahlreicher Bücher und Artikel in Fachzeitschriften. Sie interessiert sich momentan besonders für die Rolle von Denominationalismus in schwarzen Kirchengemeinden, die Geschichte der Afroamerikaner und die Rolle von Frauen in der Religionsgeschichte von der Zeit vor dem Bürgerkrieg bis zur Harlem Renaissance. Zu Beginn ihres Vortrags mit dem Titel „James W.C. Pennington and the Origins of African American Historiography“ dankte Professor Maffly-Kipp zunächst dem HCA, der Theologischen Fakultät und der Manfred Lautenschläger Stiftung für die Auszeichnung und stellte ihrem Publikum dann den Mann vor, dem der Preis seinen Namen verdankt. Sie wandte sich zunächst der „Race History“ zu, die James W.C. Pennington, ein enger Freund von Frederick Douglass, verfasste – im Wesentlichen eine Historiographie der Schwarzen. Später veröffentlichte Pennington eine Autobiographie, in der er seine Flucht aus der Sklaverei detailliert beschreibt. Dort findet sich auch die Begebenheit, bei der Pennington von Sklavenjägern gefragt wird, wem er gehört – seine Antwort: „Nur mir, niemandem sonst.“ Um Pennington dem Publikum näher zu bringen, ging Professor Maffly-Kipp auf die vier Dinge ein, die ihm am wichtigsten waren: Seine Familie, seine Rasse, seine Religion und der internationale Kampf gegen die Sklaverei. Sie betonte, dass Pennington sozusagen das „Glück“ gehabt habe, als Sklave auf einer relativ kleinen Farm aufzuwachsen, auf der seine gesamte Familie gemeinsam leben konnte. Er habe immer das Gefühl gehabt, seine Eltern und zehn Geschwister durch seine Flucht im Stich gelassen zu haben und befürchtet, sie dadurch in Gefahr gebracht zu haben. Tatsächlich wurden nach seiner Flucht einige Familienmitglieder an andere Sklavenhalter verkauft und die Familie so getrennt. Pennington bat seine Familie, zum Christentum zu konvertieren, damit sie sich zumindest symbolisch im Glauben nahe sein könne, erklärte Professor Maffly-Kipp.

James Pennington argumentierte stets gegen Ungleichbehandlung von Schwarzen und betrachtete die Sklaverei als kollektiven Kampf und systemische Ungerechtigkeit. Professor Maffly-Kipp erklärte, Pennington habe die Schwarzen als Teil des „Körpers der Menschheit“ betrachtet. Solange ein Körperteil verletzt werde, leide der gesamte Körper. Aus diesem Grund habe er sich dem Krieg gegen die Sklaverei verschrieben. Dieser Krieg – Pennington verwandte den Begriff angesichts des Ausmaßes von Blutvergießen und Gewalt absichtlich – hatte internationale Ausmaße. Pennington kritisierte das britische System der indischen Vertragsknechtschaft und den Bedarf aller modernen Nationalstaaten an billigen Arbeitskräften als Grundursache der Sklaverei. In seinem Krieg gegen die Sklaverei habe sein Glaube ihm Trost gespendet, sei aber auch eine Quelle der Leidenschaft gewesen, so Professor Maffly-Kipp. James W.C. Penningtons Versuche, seine Familie zu retten, fruchteten schließlich, er befreite seine Eltern und einige Geschwister aus der Sklaverei und erkaufte sich am Ende seine eigene Freiheit.

Im Anschluss an diesen engagierten Vortrag und die Preisverleihung lud das HCA seine Gäste zu einem Empfang im Garten ein.

Florian Pressler: "Die erste Weltwirtschaftskrise: Eine kleine Geschichte der Großen Depression" (HCA Book Launch)

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10. Juni 2014

Zur letzten Buchvorstellung im Sommersemester begrüßte das HCA Dr. Florian Pressler von der Universität Augsburg. Er stellte seinen in der beck’schen reihe erschienenen Band „Die erste Weltwirtschaftskrise. Eine kleine Geschichte der Großen Depression“ vor. Die jüngste Finanzkrise hat zwar Dutzende von Büchern über die „Neue Weltwirtschaftskrise“ hervorgebracht, doch die „alte Weltwirtschaftskrise“ lässt auch nach Jahrzehnten der Forschung noch immer viele Fragen über ihre Ursachen und die Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung offen. Dr. Pressler will mit seinem Buch in die Thematik einführen und Erklärungen liefern, die auch heute relevant sind. Dabei steckt er den Rahmen weit, von den 1920er Jahren, als sich die Entwicklungen anbahnten, die schließlich zum Börsencrash im Oktober 1929 führen sollten, über die Pläne der Alliierten für eine weltwirtschaftliche Nachkriegsordnung bis zu den Problemen und Debatten der gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzkrise. Dr. Pressler versteht die Krise als globale Krise, auch wenn das Buch weitgehend eine transatlantische Perspektive einnimmt und dabei wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Entwicklungen miteinander verknüpft.

Der Vortrag am HCA schlug den Bogen von den „roaring twenties“ und ihrem unerschütterlichen Glauben an das Unternehmertum und dem Beginn des Massenkonsums und die internationale Währungspolitik über die Weltwirtschaftskrise bis zum Keynesianismus. Dabei kam Dr. Pressler immer wieder auf einzelne Biographien von Menschen zurück, die die Krise in besonderer Weise geprägt hatten bzw. von ihr geprägt wurden: Der amerikanische Bankier Charles Dawes erarbeitete einen Finanzplan zur wirtschaftlichen Stabilisierung Deutschlands; aus der Dawes-Anleihe erhielt Deutschland eine Anschubfinanzierung, die seine Wirtschaft wieder in Gang brachte. Seine „Goldenen Zwanziger“ hatte Deutschland also in erster Linie amerikanischem Geld zu verdanken; gleichzeitig aber wurde auch ein europäisches Schuldenkarussell in Gang gesetzt. US-Präsident Herbert Hoover hielt angesichts der durch den Börsenkrach im Oktober 1929 ausgelösten Weltwirtschaftskrise zu lange an ökonomischen Orthodoxien fest und handelte – gemessen an der Herausforderung – zu spät und zu zaghaft. Sein Nachfolger Franklin Delano Roosevelt dagegen griff in einem nie dagewesenen Ausmaß und mit beispielloser gesetzgeberischer Aktivität in die amerikanische Wirtschaft ein, wenn auch ein Stück weit auf Kosten seiner europäischen Partner.

Die transatlantische Dimension der Krise illustrierte Dr. Pressler schließlich anhand der Biografie von Ivar Kreuger, dem schwedischen „Zündholzkönig“, der sich gegen Kredite an klamme Staaten drei Viertel des globalen Streichholzmarktes sicherte, im Zuge der Weltwirtschaftskrise aber selber zahlungsunfähig wurde. Wie die Weimarer Republik war Kreuger von amerikanischen Krediten abhängig und geriet in ernsthafte Schwierigkeiten, als diese ausblieben. Beide haben diese Krise nicht überlebt. Nach diesem lebhaften Vortrag, in den immer wieder Passagen aus dem Buch einflossen, diskutierte Dr. Pressler noch etliche Fragen aus dem Publikum.

Thomas Sugrue: "The Education of Barack Obama: Race and Politics in the Age of Fracture"

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3. Juni 2014

Das HCA setzte am 3. Juni sein Baden-Württemberg Seminar fort und begrüßte Thomas Sugrue, David Boies Professor of History and Sociology an der University of Pennsylvania und Direktor des Penn Social Science Forum. Sein Vortrag griff viele Themen aus seinem Buch Not Even Past: Barack Obama and the Burden of Race auf und stieß damit auf großes Interesse bei den Zuhörern im bis zum letzten Platz besetzten Atrium des HCA.

Prof. Sugrue begann seine Ausführungen über “the Education of Barack Obama” mit der Beobachtung, dass viele das derzeitige U.S. Staatsoberhaupt für den intellektuellsten Präsidenten seit Woodrow Wilson halten. Obama hat die besten Schulen seines Landes besucht und einen Abschluss der Harvard Law School erworben. Seine Politik speist sich aus dem Wissen, das er dort erworben hat, und seinen Erfahrungen als Bewohner, Aktivist und Politiker der South Side in Chicago. Darauf fußt Obamas Analyse der Wechselwirkungen von Rassendiskriminierung, Strukturwandel, dysfunktionalen Familien und Armut, eine Analyse, die so wirkungsmächtig wie pragmatisch ist.

Prof. Sugrue zeigte außerdem auf, dass Obama seinen Weg ins Weiße Haus nicht ohne die Bürgerrechtsbewegung der 1960er gegangen wäre, dass seine Karriere beweist, dass Hautfarbe kein Hindernis mehr sein muss, und dass sie neue Möglichkeiten für die nachfolgende Generation eröffnet. Um Obamas Verhältnis zur afro-amerikanischen Vergangenheit zu verstehen, muss man die umkämpften kulturellen, intellektuellen und politischen Milieus in den USA von den 1960er Jahren bis heute verstehen. Als Obama am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts die politische Bühne betrat, befand sich Amerika noch im Schatten des Kampfes um die Bürgerrechte, während einflussreiche Journalisten, Politiker und Wissenschaftler bereits den Anbruch einer neuen Zeit verkündeten, die diese Auseinandersetzungen hinter sich gelassen hatte – eine Gesellschaft jenseits der Rassenbeziehungen. Obama aber akzeptiert kein Amerika mit multiplen, fragmentierten und umstrittenen Identitäten, sondern definiert sich selbst als fundamental amerikanisch und gleichzeitig als Repräsentanten einer Gesellschaft jenseits der Rassenbeziehungen.

Das Publikum zeigte sich begeistert von diesem lebhaften Vortrag und stellte danach eine ganze Reihe von Fragen, die Prof. Sugrue gerne beantwortete.

Fred Gardaphé: "Breaking and Entering: An Italian-American’s Literary Odyssey"

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27. Mai 2014

Am 27. Mai 2014 fand am HCA erneut ein Vortrag im Rahmen des Baden- Württemberg Seminars des HCA statt: Professor Gardaphé, Distinguished Professor für Englisch und Italian-American Studies am John D. Calandra Italian American Institute, Queens College, City University of New York sprach über „Breaking and Entering: An Italian-American’s Literary Odyssey“. In seinem Vortrag beschrieb Prof. Gardaphé seinen Weg hin zur italienisch-amerikanischen Literatur und seinen beruflichen Werdegang. In seiner Jugend war Lesen nicht besonders populär, erinnerte er sich, da man sich dafür ein ruhiges Plätzchen brauchte. Dieses war ein seinem turbulenten Zuhause in Chicagos Little Italy nicht leicht zu finden. Er und seine Geschwister erledigten ihre Hausaufgaben am Küchentisch, umgeben von Familienmitgliedern, die sich lautstark unterhielten. Um lesen zu können, hätte Fred Gardaphé flüchten müssen, aber er konnte sich auch nicht in die Stadtbücherei zurückziehen, da dies mit seinem Wunsch, als „tough“ zu gelten, nicht in Einklang zu bringen war. Er entdeckte die Bücherei als Zufluchtsort erst, als er auf der Flucht vor der Polizei, die ihn wegen Gelegenheitsdiebstahl suchte, dort Unterschlupf suchte. Seine Zuhörer lachten herzlich, als er witzelte: „Hätte ich nicht das Lesen entdeckt, wäre ich ein Krimineller geworden. Da bin ich mir sicher.“ Dies meinte er aber durchaus ernst. Nach dem Mord an seinem Vater in dessen Pfandleihhaus schenkte seine Tante ihm das Buch „Der Pate“, obwohl es als Tabu galt, Bücher zu verschenken. Seine Tante argumentierte, dass, wenn der Junge schon unbedingt lesen wolle, er doch wenigstens etwas Italienisches lesen solle. Nachdem er für einen Schulaufsatz über die Mafia eine schlechte Note erhalten hatte mit der Begründung, ihm fehle Objektivität, machte Fred Gardaphé es sich zur Aufgabe, Experte auf dem Gebiet zu werden. Er ging in die Bibliothek und erklärte seinen Freunden, wie kriminelle Banden am besten zu strukturieren seien, und verdiente sich mit diesem Wissen Geld.

Nach dem College unterrichtete Prof. Gardaphé an einer High School. Schließlich besuchte er die Heimatstadt seines Großvaters in Italien. Diese Reise war für ihn sehr emotional und vereinigte ihn wieder mit einem Teil seiner italienischen Familie und Identität. Zurück in den Staaten beschloss er, einen Masterabschluss in italienischer Literatur zu machen. Er entdeckte italienisch-amerikanische Literatur für sich, musste aber feststellen, dass diese von beiden Kulturen stiefmütterlich behandelt wurde. Also beschloss Fred Gardaphé, diese Autoren zu unterstützen und ihr literarischer Anwalt zu werden. Er verfolgte das literarische Geschehen, rezensierte Bücher und veröffentlichte vieler seiner Kritiken in seiner Zeitungskolumne. Er wollte beweisen, dass es in der Tat eine italienisch- amerikanische Literaturszene gab, und so konzentrierte er sich in seiner Doktorarbeit auf dieses Thema. Im Anschluss daran unterrichtete er schließlich Italian-American Studies an der Stony Brook University und rief ein italienisch-amerikanisches Netzwerk ins Leben, um, wie er sich ausdrückte, American Studies nach Italien zu bringen. Professor Gardaphé wurde der erste Distinguished Professor of Italian- American Studies. Im Anschluss an seinen fesselnden und kurzweiligen Vortra, beantwortete Professor Gardaphé seinen Zuhörern einige Fragen und führte mit ihnen in die Debatte über American Studies und Italian-American Studies fort.

Detlef Junker and Thomas W. Maulucci Jr.: "GIs in Germany" (HCA Book Launch)

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20. Mai 2014

TAm 20. Mai 2014 gab es erneut eine Buchvorstellung am HCA. Gründungsdirektor Prof. Dr. Junker und Prof. Thomas W. Maulicci Jr. vom American International College präsentierten ihr Buch “GIs in Germany: The Social, Economic, Cultural, and Political History of the American Military Presence”, einen Band mit Konferenzbeiträgen. Als Ehrengast begrüßte das HCA Prof. Brian McAllister Linn, Professor für Geschichte und Ralph R. Thomas Professor für Geisteswissenschaften an der Texas A&M University sowie Bosch Public Policy Fellow an der American Academy Berlin. Zu Beginn der Buchvorstellung veranschaulichte Prof. Maulucci die Bedeutung der Präsenz der US Truppen in Deutschland im Kalten Krieg und betonte, neben anderen Faktoren sei speziell die politische Botschaft entscheidend gewesen, die die USA mit dieser Stationierung verband: Europa und Deutschland seien für die Vereinigten Staaten wichtig. Ein weiterer wichtiger Faktor sei die Kaufkraft der GIs gewesen, die die lokale Wirtschaft durch ihre Anwesenheit gestärkt hätten. Aus der Besetzung seien etliche deutsch-amerikanische Ehen hervorgegangen, nachdem das Verbot der Verbrüderung zunächst ignoriert und dann aufgehoben worden sei. Im Laufe der Zeit seien in vielen US-besetzten deutschen Städten „Little Americas“ entstanden und Teile der amerikanischen Popkultur wie Jazz, Country Music und Rock’n’Roll hätte ihren Weg in die deutsche Kultur gefunden. Professor Maulucci erklärte, die deutsche Bevölkerung sei verhältnismäßig gut mit den amerikanischen GIs klargekommen, da sie einer ähnlichen Kultur entstammten. Die amerikanischen Besatzer seien eher als Beschützer als Bedrohung wahrgenommen worden. In den späten 1960er Jahren habe sich die Beziehung zwischen der deutschen Öffentlichkeit und den GIs verkompliziert, da die junge Generation Deutscher die Anwesenheit amerikanischer Truppen kritischer gesehen habe. Proteste gegen den Vietnamkrieg hätten die Situation verschärft. Immer öfter sei die Frage laut geworden, ob die USA ihre Truppen zur Erfüllung des NATO-Mandates in Deutschland stationierten, oder um diese strategisch platzierten, um andere Militärziele wie Vietnam leichter zu erreichen, unabhängig davon, ob Deutschland dies unterstützte.

Professor Junker betrachtete in seinem Teil des Vortrags die frühe Besatzung Heidelbergs. Er verdeutlichte, dass im Vergleich zu den meisten Besatzungsregimen der Weltgeschichte die Besetzung Deutschlands und besonders Heidelbergs höchst human gewesen sei. Er erklärte, die GIs hätten den Auftrag gehabt, die deutsche Gesellschaft zu transformieren. Entnazifizierung sei der erste Schritt zur Demokratie gewesen – ein Ziel, das nach Meinung der amerikanischen Regierung die Deutschen nicht allein erreicht hätten. In Heidelberg habe die verbreitete Konfiszierung von Häusern und Wohnungen deutscher Familien für die Unterbringung amerikanischer GIs allerdings auch für Ressentiments gesorgt. Die Erlaubnis, zur Verbesserung der Truppenmoral Angehörige aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland zu holen, habe die Lage nicht verbessert. Im Großen und Ganzen seien die Heidelberger Bürger jedoch willens und in der Lage gewesen, mit den GIs zu kooperieren, erklärte Professor Junker. Er beendete seinen Vortrag mit zwei Thesen: Zum einen hätten die GIs mit ihrem Beitrag zur Entnazifizierung die deutsche Gesellschaft zu einem Grad verändert, der ohne sie nicht erreicht worden wäre. Zum anderen seien die Deutschen zeitgleich von den Amerikanern besetzt und befreit worden. Professor McAllister Linn lobte den Band und hob hervor, er werde mindestens für das kommende Jahrzehnt richtungsweisend für weitere Forschung auf dem Gebiet sein. Er beschrieb das Buch als eine Sammlung vielfältiger Themen, das aber dennoch kohärent sei. Professor McAllister Linn lobte den Mut der beiden Herausgeber, neben den Beiträgen bekannter und etablierter Wissenschaftler auch Aufsätze junger unbekannter Forscher zu veröffentlichen. Durch diesen Schritt habe das Werk stark gewonnen. Er forderte junge Wissenschaftler auf, jetzt die Lücken in der Geschichtsschreibung über GIs in Deutschland zu füllen und sich dabei in ihrer Forschung auf Lokalgeschichte zu konzentrieren. Nach einer sehr lebhaften Debatte über GIs in Heidelberg, in der unter anderem die Frage nach etwaigem bewaffneten Widerstand gegen GIs in Deutschland aufkam, lud das HCA die Vortragenden und das Publikum ein, das Thema bei einem Glas Wein zu vertiefen.

George Packer: "America – What Went Wrong, What Can Be Done?" (HCA Commencement 2014)

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25. April 2014

Am 25. April 2014 richtete das Heidelberg Center für American Studies erneut die Absolventenfeier des MAS Jahrgangs 2014 aus. Zum ersten Mal wurde auch der erste B.A. in American Studies (BAS) des HCA feierlich verabschiedet. Der Tradition des HCA entsprechend fand der offizielle Teil der Feierlichkeiten in der ehrwürdigen Aula der Alten Universität statt. Mit warmen Worten eröffnete Prof. Dr. Dr. h.c. Stefan Maul, Dekan der philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg, die Zeremonie. Dabei würdigte er insbesondere die Leistungen und Erfolge der diesjährigen Absolventen. Ihre Erfahrungen und Leistungen an der Universität Heidelberg, getreu deren Motto semper apertus (immer offen), stelle die Absolventen nun vor neue geöffnete oder noch zu öffnende Türen. Im Anschluss an diesen feierlichen Auftakt hieß Prof. Dr. Dr. h.c. Detlef Junker, Gründungsdirektor des HCA, die Absolventinnen und Absolventen zusammen mit ihren Familien und Freunden sowie Freunde und Förderer des HCA herzlich willkommen. Der heutige Tag sei für jede Absolventin und jeden Absolventen des MAS Jahrgangs 2014 hart erkämpft und wohlverdient. Seine besonderen Glückwünsche richtete Prof Junker auch an den ersten Abschlussjahrgang des B.A. in American Studies. „Dass wir heute den ersten Bachelor Jahrgang in American Studies am HCA verabschieden dürfen, zeigt, wie das HCA in den letzten Jahren als universitäres und wissenschaftliches Institut an Zuwachs gewonnen hat.“ Ergänzend führte Junker aus: „Bislang haben 144 Studenten aus 44 Ländern im Rahmen unseres MAS Programms intensiv die Vereinigten Staaten in ihren Facetten studiert. Allein im letzten Jahr gingen 256 Bewerbungen für den B.A. am HCA ein.“

Nachdem einem kurzen Abriss über das Werken und Wirken der MAS Studentinnen und Studenten am HCA in den letzten 15 Monaten begrüßte Prof. Junker den diesjährigen Gastredner George Packer. Als Journalist ist Packer insbesondere für seine Beiträge in der Zeitschrift The New Yorker bekannt. Daneben veröffentlichte Packer acht Bücher, darunter zwei Novellen, ein Theaterstück und fünf Sachbücher. Für sein neuestes Buch The Unwinding: An Inner History of the New America wurde Packer mit dem National Book Award 2013 ausgezeichnet. Nach einigen einführenden Worten stellte George Packer die zentralen Aussagen seines Buches vor. „Als Journalist kenne ich mich mit vielen Dingen ein bisschen aus,“ erklärte Packer. „The Unwinding ist eine sozialkritische Abhandlung der maßgebenden Faktoren, die die Vereinigten Staaten zwischen 1978 und 2012 geprägt und geformt haben.“ Er stellte einige Protagonisten seines Buches vor, darunter die Entertainerin Oprah Winfrey; Tammy Thomas, eine afro-amerikanische Arbeiterin aus Ohio; und Sam Walton, Gründer und Manager von Wal Mart, und führte sein Publikum so durch sein Buch. Zusammenfassend stellte Packer fest: „The Unwinding ist eine journalistische Studie, die sich mit der Auflösung von ehemals funktionierenden Institutionen befasst. Mit deren Auflösung wird aber auch der bis dato stillschweigend geltende Gesellschaftsvertrag gebrochen, der besagt, dass harte Arbeit sich in Form einer gesicherten Zukunft und Aufstiegsmöglichkeiten der eigenen Kinder auszahlt.“ Inwieweit diese Prognose in der Zukunft Realität werde, hänge davon ab, ob sich diese Auflösung aufhalten oder umkehren lasse.

Ein musikalischer Beitrag des Pianisten Sebastian Bausch leitete den zweiten Teil der Absolventenfeier in der Alten Aula ein. Im Folgenden wurden die Zeugnisse der MAS und BAS Absolventinnen und Absolventen durch den Dekan und Gründungsdirektor übergeben. Anschließend trat der Jahrgangsbeste des MAS Jahrgangs 2014, Edward Palmi, an das Rednerpult. Für seine hervorragende Masterarbeit „The Games and Rules of a ‘More Perfect Union’: The Political Economy of Constitution-making in America 1787” erhielt Palmi den alljährlich vom HCA vergebenen Buchpreis. In seiner Rede dankte Edward Palmi ausdrücklich den Familien und Freunden der Absolventinnen und Absolventen, die ihnen bedingungslos und jederzeit zur Seite standen und es erst ermöglichten, die hoch gesteckten Ziele zu erreichen. Ihr Rat und Beistand, zusammen mit der Leistung und dem Ehrgeiz seiner Kommilitonen hätten es möglich gemacht, neue Türen zu öffnen und große Lernerfolge in den American Studies zu erzielen. Die Unterstützung und Förderung der Lehrkräfte und Professoren hätten das HCA zu einer Station in seinem Leben gemacht, an den man jederzeit gerne zurückkehren würde.

Im Anschluss an die feierliche Zeremonie in der Alten Aula wurden die Festivitäten in die Räumlichkeiten des HCA, den Curt und Heidemarie Engelhorn Palais, verlegt. Ein üppiges Buffet und eine Bar trugen bis spät in den Abend hinein zur ausgelassenen Stimmung bei. In dieser Atmosphäre rundeten angeregte Gespräche und der Austausch von Erinnerungen und Zukunftsplänen den durch und durch gelungenen Abend ab.

Panel Discussion: "On the Sidelines? The Civil War in Syria from Regional and International Perspectives"

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24. April 2014

Am 24. April 2014 veranstalteten die Deutsche Atlantische Gesellschaft, das Heidelberger Forum für internationale Sicherheit (FiS) und das HCA eine international hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion zum syrischen Bürgerkrieg, den Einflussmöglichkeiten der internationalen Gemeinschaft auf den Konfliktverlauf und dessen dramatische Folgen für die Zivilbevölkerung. Moderiert wurde die Veranstaltung von Magdalena Kirchner, Doktorandin am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Heidelberg. Nach der Eröffnung durch den wissenschaftlichen Geschäftsführer des HCA, Dr. Wilfried Mausbach, diskutierten die Heidelberger Professoren Prof. Dr. Werner Arnold, Leiter der Abteilung Semitistik am Seminar für Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients, und Prof. Dr. Sebastian Harnisch, Inhaber des Lehrstuhls für Internationale Beziehungen und Außenpolitik des Instituts für Politische Wissenschaft, gemeinsam mit Prof. Eyal Zisser, Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Tel Aviv und einer der versiertesten Syrienkenner, sowie Carrie Shirtz, der stellvertretenden Leiterin der Abteilung Außen- und Sicherheitspolitik der U.S.-Botschaft in Berlin.

Vor mehr als 100 Besucherinnen und Besuchern waren sich die Teilnehmer des Panels schnell darüber einig, dass die internationale Staatengemeinschaft angesichts der desaströsen Lage in Syrien nicht tatenlos bleiben dürfte. Im Vordergrund standen insbesondere Fragen zu den enormen humanitären Folgen des Krieges. Mehr als ein Drittel der syrischen Gesamtbevölkerung befindet sich inner- und außerhalb des Landes auf der Flucht, und auch das Gesundheitssystem scheint mittlerweile nahezu vollständig kollabiert zu sein. Wie in den meisten internationalen Foren herrschten allerdings auch auf dem Podium teilweise unterschiedliche Meinungen darüber, wie ein solches Engagement denn aussehen könne. So berichtete Carrie Shirtz beispielsweise von verstärkten Bemühungen der USA, die Anrainerstaaten zu stabilisieren und die Regionalmächte konstruktiv einzubinden. Dass eine solche Einbindung auch den Schutz religiöser Minderheiten in Syrien beinhalten müsse, forderte Werner Arnold. Während Eyal Zisser die besondere Herausforderung des Krieges und eines möglichen Staatszerfalls für Israel als Nachbarstaat schilderte, stellte Sebastian Harnisch fest, dass die Zerstörung der syrischen Chemiewaffen zwar zeige, dass die internationale Gemeinschaft handlungskräftig sein kann – ihr Engagement ohne einen Konsens über die Zukunft Syriens allerdings stark begrenzt bleiben wird. Die anschließende lebhafte Debatte mit dem Publikum sowie ein Empfang in der Bel Etage boten darüber hinaus Gelegenheit zum vertieften Austausch mit den Diskutanten sowie den Besuchern untereinander.

Podiumsdiskussion: "(K)Ein neuer Kalter Krieg? Die Ukraine, Russland und der Westen nach der Krimkrise"

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10. April 2014

Am 10. April 2014 fand im Atrium des HCA eine Podiumsdiskussion zu den aktuellen Ereignissen in der Ukraine statt. Zu Gast als Diskussionsteilnehmer waren Prof. Dr. Tanja Penter, Professorin für osteuropäische Geschichte an der Universität Heidelberg, Dr. Hans Joachim Spanger von der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung in Frankfurt, Dr. Martin Thunert, vom Heidelberg Center for American Studies und Simon Weiß vom Institut für Politische Wissenschaft der Universität Heidelberg. HCA-Gründungsdirektor Prof. Detlef Junker moderierte. Er stellte zunächst die Diskutanten vor und führte dann ins Thema ein.

Zu Beginn der Debatte stellte jeder Teilnehmer seine Sicht der Lage dar. Prof. Penter beschrieb die revolutionären Ereignisse auf dem Majdan-Platz, die der Annektierung der Krim vorangegangen waren, als eine scharfe Zäsur in einer historisch gewaltarmen Vergangenheit. Die Art des Konflikts, betonte sie, sei nicht neu, das Ausmaß hingegen schon. Sie erklärte den Blick der Russen auf die Ukraine: Man nehme dort die Ukraine als „kleinen Bruder“ mit einer minderwertigen Kultur wahr, dessen Sprache ein „russischer Dialekt“ sei. Diese Sichtweise und die Tatsache, dass Putin an die historischen Ängste der Russen appelliere – an dieser Stelle erinnerte Prof. Penter an Napoleon und den Zweiten Weltkrieg – heize die Lage an. Für Simon Weiß ist die starke Verflechtung der beiden Länder von großer Bedeutung. Er erklärte auch, Janukowitsch würde im Westen zu stark als pro-russisch gesehen. Er habe versucht, Europa und Russland im Sinne der Ukraine gegeneinander auszuspielen. Dies sei nicht geglückt. Simon Weiß bezeichnete die Annektierung der Krim durch Russlands als Völkerrechtsverletzung.

Dr. Spanger sieht die europäische Reaktion als erstaunlich uneins im Vergleich etwa zur Annexion Kuwaits durch Saddam Hussein, als der Westen sich einigte und es zum Krieg kam. Er betonte auch, an der jetzigen Krise trage Putin die Schuld und müsse gestoppt werden. Dr. Thunert konzentrierte sich auf die Rolle der USA. Die amerikanische Öffentlichkeit sei gegen eine Intervention, solange von dem Konflikt keine direkte Bedrohung für die USA ausgehe. Aus Sicht der Obama-Administration habe Russland gegen die Vereinbarung verstoßen, der Ukraine volle Integrität einzuräumen. Die Gegenleistung, also die Abgabe nuklearer Waffen an Russland, habe die Ukraine erbracht. Dr. Thunert merkte an, Putin sei ein Produkt der Globalisierung und könne durch Selbige gestoppt werden, indem man beispielsweise die Finanzen russischer Oligarchen einfriere.

In der anschließenden Diskussion debattierten die Gäste unter anderem die Fragen, was Putins Ziele sein könnten und wie Europa auf die Drohungen Russlands reagieren solle, dem Kontinent den Gashahn abzudrehen. Obwohl die Meinungen in Detailfragen auseinandergingen, war der Konsens unter den Podiumsgästen stark, man müsse Putin Einhalt gebieten und Europa und auch die USA müssten enger kooperieren.

Ausstellung "The Rejection Collection: Die besten Cartoons, die der New Yorker nie druckte"

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20. März bis 24. April 2014

Die amerikanische Zeitschrift The New Yorker gilt nicht nur als das non-plus-ultra für aufstrebende und etablierte Literaten, Literaturkritiker und Kommentatoren des Zeitgeschehens, sondern auch als Pantheon des amerikanischen Humors. Dort abgedruckt zu werden, ist der Ritterschlag für amerikanische Zeichner. Die „Rejection Collection“, die im März und April am HCA zu sehen war, besteht aus etwa 250 Cartoons, die allesamt aus der Feder von Stammkarikaturisten des New Yorker kommen, dort aber nie im gedruckt wurden. Bei einem Gang durch die Ausstellung kam man nicht umhin festzustellen, dass einige Cartoons wirklich ein wenig unanständig und grob sind. Andere sind politisch sehr unkorrekt oder sehr bizarr. Die meisten aber werden ausgeschlossen, weil allein die Stammkarikaturisten der Zeitschrift etwa 500 pro Woche einreichen. Dazu kommen die unzähligen Cartoons, die unaufgefordert eingeschickt werden.

Neben der schieren Masse scheint es aber auch andere Ausschlusskriterien zu geben, von denen Dr. Anja Schüler einige in ihrem Einführungsvortrag vorstellte: Cartoons, die schlicht zu niveaulos sind, politisch sehr unkorrekte Cartoons, die sich etwa über Rassenbeziehungen oder Religion lustig machen, düstere, morbide oder makabre Zeichnungen. Der New Yorker druckt außerdem keine Cartoons, die offenkundig oder ausdrücklich politisch sind. Andere sind einfach zu schräg, zu schwierig zu verstehen oder zu schmutzig. Und dann gibt es wirklich schlechte Cartoons – die meisten Wortspiele gehören dazu. Dieser unterhaltsame Vortrag mit vielen Beispielen weckte auf jeden Fall das Interesse der zahlreichen Besucher der Vernissage, die sich dann bei einem Glas Wein ganz der Ausstellung widmen konnten.

Daniel Markovits: "Snowball Inequality: The New American Aristocracy and the Crisis of Capitalism"

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30. Januar 2014

Das Herbstsemester des Baden-Württemberg Seminars am HCA ging am 30. Januar 2014 mit einem Vortrag von Daniel Markovits zu Ende, der über die neue amerikanische Aristokratie und die Krise des Kapitalismus sprach. Daniel Markovits ist Guido Calabresi Professor für Recht an der Yale Law School und Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Sein Hauptinteresse gilt den philosophischen Grundlagen des Privatrechts, der moralischen und politischen Philosophie und der Verhaltensökonomie. Er hat zahlreiche Artikel zu den Themen Vertragsrecht, Rechtsethik, Verteilungsgerechtigkeit und Demokratietheorie verfasst.

Bevor er das Konzept der „snowball inequality“ (der Schneeballeffekt sozialer Ungleichheit) erläuterte, gab Professor Markovits seinen Zuhörern zunächst einen Überblick über die wirtschaftliche Entwicklung der USA seit den 1960er Jahren. Obwohl Armut aus empirischen und konzeptionellen Gründen schwer zu vermessen ist, sind einige Veränderungen dennoch leicht zu erkennen. Zwischen 1967 und 2011 gab es eine Verschiebung des Einkommens von der stagnierenden Mittelklasse zur Oberschicht, und die Unterschicht hat zur Mittelschicht aufgeschlossen. Die absolute Mehrheit der heutigen Reichen der USA ist durch eigene Arbeit zu ihrem Vermögen gekommen und arbeitet heute härter als je zuvor. Außerdem existiert ein umgekehrtes Verhältnis zwischen Hochverdienern und Steuersätzen: Die extrem Reichen genießen ein steigendes Einkommen und sinkende Steuersätze. Weiterhin lässt sich, entgegen der landläufigen Meinung, für die letzten fünfzig Jahre keine Abnahme der sozialen Aufstiegsmöglichkeiten konstatieren.

Nachdem diese Fakten etabliert waren, erklärte Professor Markovits die wichtigsten Gründe für den sozialen Schneeballeffekt. Eins der Probleme ist die wachsende Kluft bei Qualifikationen: Arbeitnehmer mit mittlerer Qualifikation werden zunehmend durch Technologien ersetzt. Jobs an beiden Enden des Fähigkeitsspektrums, also körperliche Arbeit und abstraktes Denken, können bisher nicht von Maschinen ersetzt werden. Das zweite Problem ist, dass die reichsten 25 Prozent der Amerikaner sechsmal so viel für die Bildung ihrer Kinder ausgeben wie der Durchschnitt. Dieser Unterschied hat sich seit den 1960er Jahren verdreifacht. Das führt zu einer verzerrten Elite, da die Kinder reicher Eltern so von Prep Schools und anderen privaten Ressourcen für die Universität getrimmt werden, dass sie an den amerikanischen Eliteuniversitäten überrepräsentiert sind. Dieses Phänomen kreiert eine beschränkte Elite. Die Situation wird nicht dadurch verbessert, dass es bei den Collegeabschlüssen eine wachsende Lücke zwischen Studenten aus reichen und ärmeren Familien gibt. Die Kombination aus der Verdrängung der „Mittelqualifizierten“ und der Erschaffung einer verzerrten Elite führt zum Schneeballeffekt.

Als Beispiel führte Professor Markovits den Finanz- und Bankensektor an. In diesem Bereich wurde in den vergangenen sechzig Jahren eine Armee aus „Mittelqualifizierten“ durch eine kleine hochqualifizierte Elite ersetzt. Professor Markovits argumentierte, der Schneeballeffekt pervertiere den politischen Prozess in einer Demokratie und entfremde die Superreichen von der Gesellschaft. In der an den Vortrag anschließenden Diskussion ging es hauptsächlich um die Frage, ob Rasse oder Klassenzugehörigkeit ein stärkerer Wirtschaftsfaktor für den Einzelnen seien. Obwohl Professor Markovits das Rassenproblem nach wie vor als kritisch wahrnimmt, sieht er die Klassenzugehörigkeit als bedeutenderen Faktor an. Er ergänzte, die Gleichstellungsthematik für Frauen sei in der Welt der Ökonomie noch absolut unterbewertet.

Manfred Berg und Cornelis van Minnen: "The U.S. South and Europe: Transatlantic Relations in the Nineteenth and Twentieth Centuries" (HCA Book Launch)

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21. Januar 2014

Am 21. Januar 2014 fand die erste HCA Buchvorstellung im neuen Jahr statt. Die beiden Herausgeber Prof. Manfred Berg und Prof. Cornelis van Minnen stellten ihr Buch The U.S. South and Europe: Transatlantic Relations in the Nineteenth and Twentieth Centuries vor. Prof. Manfred Berg ist der Curt Engelhorn Professor für Amerikanische Geschichte an der Universität Heidelberg. Prof. Cornelis van Minnen ist der Direktor des Roosevelt Studies Center (RSC) in Middelburg in den Niederlanden und Professor für Amerikanische Geschichte an der Universität Ghent in Belgien. Professor van Minnen legt in der Forschung sein Hauptaugenmerk auf US-niederländische Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert. Besonders interessieren ihn hierbei die diplomatischen Beziehungen, Immigration und amerikanische Kulturgeschichte. Prof. Berg stellte Prof. van Minnen vor und erklärte, das Buch The U.S. South and Europe, das Resultat einer Konferenz zu diesem Thema, sei eine Sammlung von Aufsätzen von siebzehn Autoren, die in acht Ländern unterrichteten.

Prof. van Minnen stellte das Buch dann detaillierter vor und erklärte, die Konferenz habe sich auf viele verschiedene Aspekte der Beziehungen des US Südens mit Europa konzentriert. Dies sei ein neues, wachsendes Feld, das von einer transnationalen Perspektive profitiere. Die im Buch behandelten Themen behandeln unter anderem die gegenseitige Wahrnehmung des US-Südens und Europa, den Jim Crow Süden und die Bürgerrechtsbewegung, sowie die Perspektive der Südstaaten auf die europäische Entkolonialisierung. Prof. van Minnen erläuterte, die Essays zeigten einen lebhaften Austausch zwischen den US-Südstaaten und Europa, obwohl sich nur wenige europäische Einwanderer im Süden niedergelassen hätten und Rassismus und die Rassentrennung ein Problem gewesen seien. Prof. van Minnen hofft, dass dieses Buch ein wichtiger Impuls für die Forschung ist und dass junge Forscher diese Thematik für sich entdecken und das Feld weiter bearbeiteten. Nach der Vorstellung des Buches brachte Professor van Minnen seine Bewunderung für das HCA und die herausragende Arbeit seines Gründungsdirektors Prof. Junker zum Ausdruck und erklärte Professor Junker zum lebenslangen Ehrenmitglied des Roosevelt Studies Center.

David Scheffer and Caroline Kaeb: "What, if Anything, Does Europe Have to Learn from the United States about Corporate Social Responsibility?"

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5. Dezember 2013

Das HCA setzte sein Baden-Württemberg Seminar am 5. Dezember fort und begrüßte David J. Scheffer und Caroline Kaeb. Sie diskutierten auf der Bühne des Atriums über die Frage “What, if Anything, Does Europe Have to Learn from the United States about Corporate Social Responsibility?” Botschafter David Scheffer ist der Mayer Brown/Robert A. Helman Professor für Recht und Direktor des Center for International Human Rights an der Northwestern University School of Law. Er kam ans HCA als Bosch Fellow in Public Policy an der American Academy in Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind internationales Strafrecht, internationale Menschenrechte und soziale Verantwortung von Unternehmen. Dr. Caroline Kaeb ist Visiting Assistant Professor of Law an der Northwestern University School of Law. Sie ist außerdem affiliiertes Fakultätsmitglied am Ford Motor Company Center for Global Citizenship an der Kellogg School of Management. Ihre Hauptinteressen liegen im internationalen Wirtschaftsrecht, Corporate Compliance und Recht und gesellschaftlichen Normen.

Professor Scheffer erklärte, dass das Verhalten von Unternehmen eng mit Menschenrechts- und Umweltfragen verknüpft sei. Das Konzept von sozialer Verantwortung von Unternehmen (Corporate Social Responsibility) existiert seit zwanzig Jahren und beinhaltet ein soziales Mandat, das von 7.000 Unternehmen weltweit unterzeichnet wurde. Dieses Mandat zielt darauf ab, Antikorruptionsgesetze zu etablieren und Menschenrechte und Sicherheit für Angestellte zu garantieren. Insgesamt haben 145 Länder sich freiwillig zu Corporate Social Responsibility verpflichtet. Die UN begann in den 1990ern damit, bindende Normen und Regeln für Unternehmen aufzustellen, um Menschenrechte zu garantieren. Diese Normen wurden allerdings weder ratifiziert noch abgelehnt und können daher in Unternehmen nicht offiziell durchgesetzt werden, sondern werden nur auf freiwilliger Basis anerkannt. Da es keine bindenden Gesetze gibt, ist das einzige und stärkste Mittel, die Unternehmen, die Menschenrechte verletzen, öffentlich anzuprangern.

Professor Scheffer und Dr. Kaeb beschrieben auch die Unterschiede zwischen Gerichtsverfahren gegen Menschenrechtsverstoße von Unternehmen in den USA und in Europa. Obwohl der Supreme Court der USA 2013 entschied, dass Verbrechen, die außerhalb der USA begangen werden, nicht von amerikanischen Gerichten verhandelt werden können, gibt es Ausnahmen: Falls ein US-Bürger Opfer der Straftat oder der Täter ist, falls das Verbrechen sich auf US-amerikanischem Territorium ereignet hat, oder falls nationale Interessen auf dem Spiel stehen, können diese Straftaten von US-Gerichten verhandelt werden. Während die Vereinigten Staaten die Extraterritorialität eingeschränkt haben, entwickeln sich die EU und ihre Mitgliedsstaaten in die entgegengesetzte Richtung. Eine Verordnung aus Brüssel öffnet die Gerichte aller EU-Länder für Ausländer, solange der Ursprung des Verbrechens in Europa liegt. Dies würde zum Beispiel Entscheidungen betreffen, die in der EU gefällt wurden, die außerhalb der EU zu Verbrechen führen. Nachdem sie die theoretischen Unterschiede zwischen den USA und der EU bezüglich Corporate Social Responsibility erklärt hatten, führten Professor Scheffer und Dr. Kaeb mit ihren Zuhörern eine lebhafte Debatte über echte Fälle und hypothetische Beispiele von Unternehmen begangenen Straftaten und ihrer Lösungen vor Gericht.

Warren Breckman: "Radical Democracy, Postmarxism and the Machiavellian Moment"

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16. November 2013

Am 16. November war Warren Breckman, der Siemens Fellow der American Academy in Berlin, am HCA zu Gast. Er sprach über radikale Demokratie, Postmarxismus und das Machiavellische Moment. Warren Breckman ist Professor für die Ideen- und Kulturgeschichte des modernen Europas an der University of Pennsylvania. Unter anderem verfasste er die Werke Karl Marx, the Young Hegelians, and the Origins of Radical Social Theory: Dethroning the Self und European Romanticism: A Brief History with Documents. Sein Buch Adventures of the Symbolic: Postmarxism and Radical Democracy erschien 2013 bei Columbia University Press. Außerdem publizierte Prof. Breckman zahlreiche Artikel zur Philosophiegeschichte, zur Moderne und zur urbanen Kultur, zur Entwicklung der Konsumkultur, zur Geschichtstheorie und zum Nationalismus.

In seinem Vortrag konzentrierte sich Prof. Breckman auf den Einfluss der Werke Niccolò Machiavellis (1469-1527) auf marxistische Denker, besonders die beiden französischen Philosophen Claude Lefort und Louis Althusser. Zu Beginn erläuterte er die persönlichen Umstände Machiavellis nach der erneuten Machtübernahme der Medici, die ihn verhafteten und folterten. Schließlich ging Machiavelli ins Exil, wo er sich dem Verfassen politischer Werke verschrieb. Sein bekanntestes Werk, Il Principe (Der Fürst) wurde erst fünf Jahre nach seinem Tod veröffentlicht. In Der Fürst entwickelt Machiavelli Ratschläge und Methoden für Herrscher, um Macht zu erlangen, zu sichern und auszubauen. Er schildert auch, wie ein Staat organisiert sein sollte. Dieses Werk sorgte für Entrüstung im Klerus, da Machiavelli Religion als Mittel zum Zweck beschreibt, die Bevölkerung zu kontrollieren. Der Fürst selbst, so seine These, solle nicht übermäßig religiös sein, aber dafür Sorge tragen, dass sein Volk gläubig sei. Außerdem kritisierte die Kirche Machiavellis Moralvorstellungen. Das Werk fand jedoch von Anfang an auch Bewunderer, und seine Faszination dauert an. An dieser Stelle erwähnte Prof. Breckman Zeitungsartikel neueren Datums, die sich mit der Frage beschäftigen, was Angela Merkel von Machiavelli gelernt haben könnte und den britischen Premierminister mit Machiavellis Fürsten vergleichen.

Prof. Breckman lenkte dann die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Verbindung zwischen Machiavelli und der politischen Theorie des Marxismus. Marx selbst las seine Werke, wie auch die französischen Philosophen Althusser und Lefort. Beiden Franzosen, erklärte Prof. Breckman, gelang es nach der Lektüre Machiavellis, ein Vakuum zu sehen, einen Ansatzpunkt für eine Revolutionierung politischen Denkens. Prof. Breckman gab zu bedenken, dass beide unterschiedliche Vakua sahen. Louis Althusser (1918-1990) war Professor für Philosophie und ein langjähriges Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs. Er war einer der bedeutendsten marxistischen Denker Frankreichs. Einen neuen Staat zu gründen und eine neue Theorie zu entwickeln sah er als verwandte Probleme. Althusser konnte sich mit Machiavellis Gedanken identifizieren, da er selbst mit der Frage kämpfte, wie man aus dem Nichts etwas schafft. Im Laufe seiner Arbeit sah Althusser Machiavelli als Ergänzung des Marxismus. Claude Lefort (1924-2010), ebenfalls ein Philosoph und Professor, war in seiner Jugend ein überzeugter Marxist, wandte sich jedoch vom Stalinismus ab und befasste sich mit Demokratietheorien. Durch Machiavelli inspiriert entwickelte er eine neue Machttheorie für Demokratien. Der Kern dieser Theorie, erläuterte Prof. Breckman, sei, dass das Zentrum der Macht in Demokratien leer sei – ein Vakuum.

Im Anschluss an seinen Vortrag lud Dr. Breckman sein Publikum zu einer Diskussion über moderne politische Bewegungen, wie etwa „Occupy Wall Street“ oder dem Arabischen Frühling, und ihrem Anliegen, ein politisches Vakuum zu füllen, ein.

Andrew Nathan: "China’s Search for Security"

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31. Oktober 2013

Am 31. Oktober 2013 setzte das HCA sein Baden-Württemberg Seminar mit einem Vortrag von Professor Andrew Nathan fort: „China’s Search for Security“. Andrew Nathan ist Professor für Politikwissenschaft an der Columbia University und im Herbst 2013 Axel Springer Fellow an der American Academy in Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind chinesische Politik, speziell die Außenpolitik, politische Beteiligung und politische Kultur sowie Menschenrechte. Professor Nathan ist Autor und Herausgeber dutzender Bücher und außerdem als Berater für Human Rights Watch China tätig.

Nach einer Einführung durch Professor Dr. Joachim Kurtz vom Exzellenzcluster Asia and Europe zeigte Professor Nathan zunächst einen bedeutenden Unterschied zwischen der deutschen und der US- amerikanischen Sichtweise auf China auf: Der Aufstieg Chinas ist für die Vereinigten Staaten eine potentielle Bedrohung, für Deutschland nicht. Diese mögliche Bedrohung manifestiert sich in drei Dimensionen. Die erste Dimension ist die wirtschaftliche. Der Technologiediebstahl ist bereits jetzt ein wachsendes Problem für die USA, und zudem steigt die Sorge, die chinesische Währung könnte eines Tages den amerikanischen Dollar als Leitwährung ersetzen. Die zweite Dimension der chinesischen Bedrohung ist militärischer Natur: China baut momentan seine Militärkapazität aus, was einen bewaffneten Konflikt zwischen China und Taiwan oder China und Japan auslösen könnte. In einem solchen Fall wären die Vereinigten Staaten durch bilaterale Verträge mit Taiwan und Japan gezwungen, gegen China vorzugehen.

Weiter besteht die Angst vor Konflikten zwischen China und US- Alliierten in Afrika und einer direkten Bedrohung der in Asien stationierten US Navy. Die dritte Art der potentiellen Bedrohung betrifft „Soft Power“. Laut Professor Nathan hat das Prestige der amerikanischen Demokratie durch den „War on Terror“ gelitten. Nun fürchten die Vereinigten Staaten, dass ihr angeschlagenes Image einige Staatsoberhäupter zunehmend zu Autokratie verleiten könnte. Generell leiden US Politiker unter der Angst, China könnte die USA als bedeutendste Supermacht entthronen.

Allerdings hat auch China Sicherheitsbedenken. China ist durch seine Interdependenz mit den USA in die globale Wirtschaft eingebunden und legt daher sehr großen Wert auf Wirtschaftswachstum. Zusätzlich zu schwelenden Konflikten mit Japan und Südkorea hat China 20 Nachbarn, zu denen auch Länder mit großen innenpolitischen Problemen zählen, wie etwa Pakistan, Nordkorea und Afghanistan. Diese Nachbarn bedrohen Chinas Sicherheit und sind ein Grund für das Land, die eigene Marine- und Cybermacht auszubauen. Zudem nimmt die chinesische Führung wahr, dass die USA chinesische Politikziele und Hauptinteressen nicht unterstützen: Die USA erkennen den Dalai Lama an und würden in einem offenen Konflikt Taiwan unterstützen. Daher wäre es China am liebsten, wenn die USA nicht in die chinesische Außenpolitik eingreifen würde.

Professor Nathan schloss seinen Vortrag mit seiner Einschätzung der Sicherheitslage zwischen China und den USA. In seinen Augen ist die amerikanische Angst vor der chinesischen Bedrohung übertrieben. Allerdings zeigte Professor Nathan auch auf, dass beide Länder unterschiedliche Interessen haben, was zu Reibung führt. Er beantwortete die Frage, ob der Status quo zwischen China und den USA stabil sei, mit dem Argument, das chinesische Wirtschaftswachstum verlangsame sich momentan, und es sei nicht sicher, ob das chinesische politische System stabil bleibe. Dennoch war sein Resümee positiv: Der Aufstieg Chinas, so Professor Nathan, könne durchaus eine gute Sache sein, solange er nicht falsch gehandhabt werde. Im Anschluss an seinen Vortrag beantwortete Professor Nathan einige Fragen und begann eine lebhafte Debatte mit seinem Publikum bezüglich Chinas Außenpolitik und den deutsch-chinesischen Beziehungen.

Cristanne Miller: "'All the Slain Soldiers': Poetry and the Civil War"

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24. Oktober 2013

Am HCA wurde das dreizehnte Semester des Baden-Württemberg Seminars mit einem Vortrag von Cristanne Miller über Lyrik und den amerikanischen Bürgerkrieg eröffnet. Christanne Miller ist SUNY Distinguished Professor of English in Buffalo und verbrachte das Wintersemester als Fulbright-Tocqueville Distinguished Chair an der Université de Paris Diderot.

Ihr Vortrag ging zunächst auf die immense Popularität von Lyrik im neunzehnten Jahrhundert ein. Gedichte waren fast vergleichbar mit den heutigen “Blogs” im Internet; sie waren keineswegs eine Literaturform für Eliten: Zeitungen druckten sie auf ihrer Titelseite, und sie hatten keineswegs nur Privates zum Gegenstand. Gedichte waren Teil des politischen Diskurses und ergiebige historische Quellen und damit eine aussagekräftige Reaktion auf den Krieg.

Professor Miller zeigte einige Richtungen der Bürgerkriegslyrik auf. Die “großen Gedichte” belegten, wie wichtig Lyrik sein konnte. Sie kreisten oft um das Kriegstrauma, besonders den Tod. Ihre Verbreitung war beträchtlich, insbesondere weil Lyrik nicht zensiert wurde und weil gleichzeitig die neuen Techniken der Telegrafie und der Fotografie aufkamen, die für eine schnelle Verbreitung sorgte bzw. die Gedichte illustrierte. Werke wie Richard Henry Stoddards “To the Men of the North and West” oder James Gibbons’ “300.000 More” unterstützten zudem die Truppenrekrutierung für die Union. In den Gedichten wurden aber auch der Krieg und Präsident Lincoln kritisiert.

In den Südstaaten herrschten andere Topoi vor. Soldaten der Union wurden als brutale Invasoren dargestellt, so in Andersons “Song of the South”, oder der Süden wurde zum feminisierten Opfer, so in James Randalls “Maryland, My Maryland.” Im letzten Kriegsjahr dominierten Gedichte über Trauer und Heroisierung, die jetzt häufiger von Frauen verfasst waren. Nach 1865 vermied die Lyrik in den Nordstaaten Racheaufrufe und pries stattdessen die Versöhnung. Gedichte von Afroamerikanern, die allerdings nur selten publiziert wurden, konzentrierten sich auf die Emanzipation der Sklaven. Walt Whitmans “Leaves of Grass” wurde von vielen als Text wahrgenommen, der die Nation wieder vereinen würde. Whitman, der während des Krieges als Krankenpfleger im Dictrict of Columbia gearbeitet hatte, machte die Versöhnung auch zum Gegenstand in vielen anderen Gedichten, beispielsweise in “The Wound Dresser” und “Reconciliation.”

Abschließend wandte sich Professor Miller Emily Dickenson zu, die die Hälfte ihrer Gedichte während des Bürgerkrieges verfasste. Dickenson schrieb ebenfalls nicht über Schlachtfelder oder Helden, sondern thematisierte eher die Freiheit, den von Individuen erlittenen Tod oder die Rückkehr von Soldaten. In der anschließenden Diskussion betonte Professor Miller, dass Antikriegsgedichte immer noch verfasst werden, sich aber keiner großen Leserschaft mehr erfreuen. Unzweifelhaft waren sie im neunzehnten Jahrhundert eine viel wichtigere Literaturform als heute.

Anthony Santoro: "Exile and Embrace" (HCA Book Launch)

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​22. Oktober 2013

Am 22. Oktober 2013 stellte Dr. Anthony Santoro sein Buch Exile and Embrace: Contemporary Religious Discourse on the Death Penalty vor. Dieses Werk, das im Juli 2013 von der Northeastern University Press veröffentlicht wurde, basiert auf seiner Doktorarbeit, die Dr. Santoro im Rahmen des Doktorandenprogramms des HCA geschrieben und erfolgreich verteidigt hat.

Zunächst erklärte Dr. Santoro, wie er sein Thema gefunden hat. Er beschrieb seine Arbeit bei einer Non-Profit Organisation in seinem Heimatstaat Virginia und die Rolle, die diese Organisation bei Prozessen spielt, an deren Ende die Todesstrafe stehen könnte. Die Erfahrungen, die er dort sammeln konnte, und die Arbeit bei religiös motivierten Organisationen entfachten sein Interesse an der grundlegenden Frage: Was ist die Todesstrafe? Dies ist die zentrale Thematik in Dr. Santoros Buch. Seine Hauptthese ist, dass die Verhängung der Todesstrafe vergleichsweise wenig mit den Tätern und deren Taten zu tun hat. Vielmehr hängt die Todesstrafe mit der Gesellschaft zusammen, die entscheidet, ob sie sich der ultimativen Strafe bedient oder sich bewusst gegen diese Art der Bestrafung entscheidet.

Dr. Santoro erörterte die juristische Beziehung zwischen Leben und Tod für die Gegner und die Befürworter der Todesstrafe und wie religiös engagierte Menschen sich auf beiden Seiten dieses polarisierenden Themas auf der nationalen Ebene und in den Einzelstaaten einsetzen. Dr. Santoro präsentierte seinem Publikum die Kernpunkte seines Werkes, während er die Kapitel umriss, die sich mit den dogmatischen und gesellschaftlichen Ausführungen zur Todesstrafe befassen. In den vorgestellten Kapiteln geht es zudem um die Ergebnisse von Bibelstudien in Virginias Kirchen, um religiös motivierten öffentlichen Aktivismus auf beiden Seiten der Debatte, um die Verbindungen zwischen Religion und den politischen Diskursen zur Todesstrafe, um die Rolle religiöser Organisationen im Rechtsprozess nach der Verurteilung und schließlich um die Arbeit und die Perspektive von Seelsorgern für Insassen des Todestraktes. Im Laufe des Vortrags wurde immer deutlicher, auf welche Weise die Sterblichkeit, das Zusammenspiel von Glaube und Politik, die Verknüpfung von Glaube und Staat, und das Verständnis der Öffentlichkeit von der Todesstrafe das Selbstverständnis der Amerikaner definieren. Im Anschluss an die Buchvorstellung stellten einige Zuhörer kluge und aufschlussreiche Fragen, aus denen sich eine nachdenkliche und doch lebhafte Diskussion ergab.

Verleihung des Rolf-Kentner Preises 2013

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17. Oktober 2013

Am 15. November wurde am HCA zum dritten Mal der Rolf-Kentner Dissertationspreis verliehen. Der Stifter ist einer der ältesten und aktivsten Förderer des HCA und Vorsitzender der Schurmann Gesellschaft. Der Preis wird an eine herausragende noch unveröffentlichte Doktorarbeit in den Amerikastudien verliehen, die an einer deutschen Universität eingereicht wurde.

Der diesjährige Preisträger ist Dr. Jasper Trautsch, der zur Zeit als Postdoc am Deutschen Historischen Institut in Rom ist. Trautsch hat Kommunikationswissenschaften, Nordamerikastudien und Geschichte an der FU Berlin, der Sorbonne in Paris und der Tulane University in New Orleans studiert und 2011 seine Doktorarbeit an der Freien Universität abgeschlossen. Sein neues Forschungsprojekt untersucht, wie Öffentlichkeiten in Europa und Nordamerika kulturelle Räume wie “den Westen” konstruiert haben.

In seiner Festrede aber kehrte Trautsch zu den Themen seiner preisgekrönten Dissertation zurück. Nach einer kurzen Einführung durch Prof. Junker stellte Trautsch in dem Vortrag “Declaring War as an Act of Peace in 1812: The Paradoxes of American Foreign Policy” die wichtigsten Ergebnisse seiner Forschung vor. Auch wenn die Außenpolitik der Frühen Republik schon oft Gegenstand wissenschaftlicher Abhandlungen war und Historiker sich durchaus bewusst sind, dass sich Innen- und Außenpolitik gegenseitig beeinflussen, konnte Trautschs Arbeit zu diesem Forschungsstand signifikant beitragen: Sie fragt nach der Funktion der Außenpolitik für die Innenpolitik und umgekehrt und, was vielleicht noch wichtiger ist, erforscht Prozesse der Identitätsfindung in der noch jungen Nation. Diese Prozesse liefen nicht automatisch ab. Die frühe amerikanische Außenpolitik war stets darauf bedacht, das Land von anderen Staaten abzugrenzen, insbesondere von Großbritannien und Frankreich. Trautsch führt das Konzept des “identity engineering” für eine Analyse des Verhältnisses zwischen Außen- und Innenpolitik ein.

Die daraus resultierende Arbeit ist ein wichtiger Beitrag für die Diplomatiegeschichte, der durch Aspekte der Kulturgeschichte entscheidend bereichert wird. Dieser instruktive, klar strukturierte und provokante Vortrag erhielt viel Beifall und rief eine lebhafte Diskussion hervor. Der Abend wurde mit einem Empfang in der Bel Etage fortgesetzt, wo der Preisträger, der Stifter und viele Gäste die Debatte fortsetzten.

HCA trifft... Stefan Kornelius

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30. August 30

Am 30. August hob das HCA ein neues Format für sein Forum aus der Taufe: “HCA trifft …” will ausgewiesene deutsche USA-Experten nach Heidelberg bringen und sich dabei vornehmlich an ein deutsches Publikum richten. Die erste Veranstaltung dieser neuen reihe war vielversprechend: Drei Wochen vor der Bundestagswahl kam Stefan Kornelius nach Heidelberg, um seine Biografie der Kanzlerin vorzustellen: Angela Merkel. Die Kanzlerin und ihre Welt.

Stefan Kornelius ist Ressortleiter Außenpolitik der Süddeutsche Zeitung. Nach einem Studium der Politikwissenschaft, der Geschichte und des Rechts in Bonn und London ging er an die Henri-Nannen Schule und arbeitete danach als freier Mitarbeiter für den Stern, die BBC und die Süddeutsche Zeitung bevor er der Korrespondent der SZ in Bonn, Washington, D.C., und Berlin wurde.

Stefan Kornelius kennt Angela Merkel seit dem Beginn ihrer politischen Karriere Anfang der 1990er Jahre. Er hat ihren Aufstieg aufmerksam verfolgt und seine Biographie wirft viel Licht auf ihren bemerkenswerten Weg zur Staatsfrau. Die Tatsache, dass Merkel die ersten 35 Jahre ihres Lebens in der DDR verbrachte, macht diese Karriere umso bemerkenswerter. Das Buch ist eine gründlich recherchierte und intellektuell anregende Analyse von Merkels Leben vor und nach dem Fall der Mauer. Das HCA-Publikum erfuhr, wie sie mit der Wiedervereinigung umging, wie schnell sie sich im Westen anpasste, und wie ihr früheres Leben ihre Politik beeinflusste.

Stefan Kornelius beschrieb die faszinierende Wandlung einer Bürgerin eines autoritären Regimes zur führenden Politikerin einer wichtigen Demokratie, die die humanistischen Werte ihrer Erziehung als die Tochter eines lutheranischen Pastors bewahrte. Der Vortrag beleuchtete Merkels Stärken und Schwächen, ihre bemerkenswerten analytischen Fähigkeiten, ihre systematische Arbeitsweise, ihre Gradlinigkeit, Offenheit und Ehrlichkeit, und ihren Pragmatismus im Umgang mit Grundsätzen der Politik, der immer von ihren Kernwerten Freiheit und Toleranz geleitet wird.

Stefan Kornelius wandte sich dann seinem Kapitel über die deutsch-amerikanischen Beziehungen zu, einer detaillierten Analyse von Merkels Beziehung zu den US-Präsidenten Bush und Obama. Nach seiner Buchvorstellung ließ sich Stefan Kornelius noch auf eine angeregte Debatte mit dem Publikum ein.

David Wilson: "Deepening the Creative City: America’s New Development Machine"

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18. Juli 2013

Das HCA beschloss das dreizehnte Semester des Baden-Württemberg Seminars am 8. Juli 2013 mit einem Vortrag von David Wilson von der University of Illinois at Urbana-Champaign: „Deepening the Creative City: America’s New Development Machine“. David Wilson ist Professor für Geographie und Geographic Information Science und arbeitet insbesondere über Wirtschaftspolitik und Raumproblematik in amerikanischen Städten.

Professor Wilson begann seinen Vortrag mit der Beschreibung der Transformation von Städten im amerikanischen Rust Belt. Dort tritt eine ungleiche Entwicklung immer deutlicher hervor und insbesondere die ethnische Problematik ist im urbanen Bewusstsein ein heikles Thema, wie der Fall Trayvon Martin verdeutlicht hat. Zudem benannte Professor Wilson die Frage der Klassenzugehörigkeit als wunden Punkt. In der heutigen globalisierten Welt werden Städten zunehmend als Wirtschaftsmotoren gesehen. Wenn eine Stadt nicht wirtschaftlich genug ist, scheitert sie, erklärte Professor Wilson. Weiter führte er aus, dass die ideale Stadt ein schillerndes Zentrum, aufgewertete Wohngegenden und Kunstviertel benötigt.

Andere Eigenschaften dürfen dagegen nicht zutage treten. So sollte eine Stadt nach Möglichkeit keine isolierten afroamerikanischen oder Latinoviertel haben. Eine ideale Stadt – laut Professor Wilson ein kontroverses Konzept – solle keine sichtbaren „Schandflecken“ haben, wie etwa Obdachlosigkeit oder verkommene Gebäude. Dies wirft die Frage auf, wie potentiell explosive Städte mit ausgeprägten Rassen- und Klassenkonflikten weiter existieren und sogar wachsen können. Professor Wilson sieht die Antwort auf diese Frage in den zwei Säulen, auf die sich neu geplante Städte stützen: Eine wachsende Angst-Maschinerie und verbale Panikmache. Städte würden zunehmend von Ängsten vor durch die Globalisierung nötigen Sparmaßnahmen und vor Rassen- und Klassenkonflikten heimgesucht. Die durch den 11. September verursachte und von den noch Medien angeheizte Angst habe der Umstrukturierung der Städte Tür und Tor geöffnet. Professor Wilson schloss seinen Vortrag mit dem Argument, die US-Regierung nutze die Angst der Bevölkerung, um eine problematische der Veränderung amerikanischer Städte voranzutreiben.

Verleihung des James W.C. Pennington Award des Heidelberg Center for American Studies und der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg

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9. Juli 2013

Am 9. Juli 2013 fand im Atrium des HCA die zweite feierliche Verleihung des James W.C. Pennington Awards statt. In diesem Jahr ging der Preis an Professor Evelyn Brooks Higginbotham, Victor S. Thomas Professor für afrikanische und afroamerikanische Studien an der Harvard University. Sie hat unter anderem den Klassiker der afroamerikanischen Geschichte From Slavery to Freedom überarbeitet. Momentan arbeitet sie an einem Werk über Afroamerikaner und Menschenrechte. Nach der Eröffnung des Festakts durch den Rektor der Universität Heidelberg, Professor Bernhard Eitel, hielt Dr. h.c. Manfred Lautenschläger die Laudatio. Die Lautenschläger-Stiftung hat großzügig die Finanzierung der ersten Pennigton Preise übernommen. Professor Jan Stieverman stellte dann dem gespannten Publikum die Preisträgerin vor. Er wies darauf hin, dass Professor Higginbothams Familiengeschichte auf verschiedene Weise nicht nur mit der gesamten afroamerikanischen Gemeinschaft und Kirche, sondern auch mit dem Studium dieser Geschichte verwoben ist. Ihr Großvater, Walter Henderson Brooks (1851-1948) war über 60 Jahre lang der Pastor in Washingtons historischer Ninth Street Baptist Church. Ihr Vater, Alfred N.D. Brooks, arbeitete als Geschichtslehrer und Schulleiter in einer weiterführenden Schule im District of Columbia, wurde dann zu einer Führungsperson des African American history movement und einer Schlüsselfigur in der Association for the Study of African American Life and History. Professor Higginbothams Ehemann, der verstorbene A. Leon Higginbotham, war ein bedeutender Bürgerrechtler, Autor und Richter an einem staatlichen Berufungsgericht.

In ihrem Vortrag blickte Professor Higginbotham auf die Gewalt und Rassentrennung zurück, die Afroamerikaner während des größten Teils des 20. Jahrhunderts erdulden mussten. Afroamerikanische Kirchen, besonders die großen Baptisten- und Methodistenkonfessionen, dienten als bedeutender Rückzugsraum, in dem Afroamerikaner Schutz fanden und Strategien für den Kampf gegen Rassismus und Armut entwickelten. Professor Higginbotham hob die bislang nicht ausreichend gewürdigte Rolle hervor, die die Kirche in der afroamerikanischen Selbsthilfe gegen den Rassismus; dort entwickelten sich sowohl theologische Interpretationen wie auch praktische Strategien. Die Kirche war ein geeignetes und starkes Forum für die Verbreitung einer progressiven Agenda und förderte die gesellschaftliche Mobilität von Afroamerikanern. Dies galt sowohl im frühen 20. Jahrhundert als auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Professor Higginbotham beendete ihren Vortrag mit persönlichen Erinnerungen an einen entscheidenden Moment der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, Martin Luther Kings „I Have A Dream“-Rede beim Marsch auf Washington 1963. Nach Professor Higginbothams engagiertem Vortrag genossen die Gäste bei einem Empfang den schönen Sommerabend im Garten des HCA.

Mark McGurl: "The Institution of Nothing: David Foster Wallace in the Program"

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20. Juni 2013

Das HCA setzte sein Baden-Württemberg Seminar am 20. Juni mit einem Vortrag von Professor Mark McGurl von der Stanford University fort. Der Vortrag in der Alten Aula der Universität war auch die Keynote der Konferenz “Acquired Taste: Reading and the Uses of Literature in the Age of Academic Literary Studies”.

“The Institution of Nothing: David Foster Wallace in the Program” konzentrierte sich auf eine detaillierte Analyse der Romane und Kurzgeschichten des verstorbenen Gegenwartsautors David Foster Wallace. Im Mittelpunkt stand eine akribische Interpretation von Wallaces unvollendetem Roman The Pale King, anhand derer McGurl zeigte, inwieweit Wallaces Texte einer modernistischen Raum- und Landschaftsästhetik verpflichtet sind und wie diese Tendenz des literarischen Modernismus durch das Creative Writing System im Nachkriegsamerika institutionalisiert wurde.

In seiner Interpretation legte McGurl das Hauptaugenmerk auf die gleichzeitige Entwicklung von Wallace als Erzähler und als Creative Writing Lehrer und argumentierte, dass die Entwicklung von Wallaces literarischem Œvre nicht von seiner Rolle innerhalb der Universität getrennt werden könne. Wallaces Selbstreflektivität als Autor, so McGurl, ergab sich aus der Einsicht, dass er Teil eines Systems war, das er einerseits aufrechterhielt, von dem  er sich aber andererseits immer befreien wollte.

Der Vortrag schloss mit einer provozierend  biographistischen Interpretation von Wallaces Selbstmord, in der McGurl den offenen Entstehungsprozess von The Pale King in Relation zu Wallaces vorzeitigem Tod setzte.

Donna Leon: "A Guide to Writing/Reading a Crime Novel"

 
Donna Leon

4. Juni 2013

Am Nachmittag des 4. Juni konnte das HCA einen ganz besonderen Gast begrüßen: Die amerikanische Erfolgsautorin Donna Leon. Sie gab ihrem Publikum im voll besetzten Atrium einen ausführlichen Einblick in die Entstehungsgeschichte ihrer Bestseller und damit gleichzeitig eine kleine Anleitung zu deren Lektüre.

Die gebürtige Amerikanerin lebt seit fast fünfzig Jahren im Ausland, wo sie unter anderem als Reisebegleiterin, Werbetexterin und Lehrerin gearbeitet hat. Als sie in den siebziger Jahren im Iran unterrichtete, entstand eine Doktorarbeit über Jane Austen. Während der Revolution verschiffte sie ihre Bücher, Notizen und Entwürfe in die USA, wo sie aber nie ankamen, weil die iranische Regierung alles beschlagnahmte. Sie fragte sich: „Donna, kannst du den Gedanken ertragen, deine Dissertation noch mal komplett neu zu schreiben?“ und merkte nein, also ließ sie es sein und spürte eine unglaubliche Erleichterung.

Seit 1981 wohnt und arbeitet Donna Leon in Venedig. Die Brunetti-Romane machten sie weltberühmt, doch die Barockmusik ist ihr nicht weniger wichtig. Sie förderte zahlreiche Einspielungen, unter anderem mit dem Orchester „Il Pomo d'Oro“. Zu ihrem Erstlingswerk, so berichtete sie, kam Donna Leon über ihre Leidenschaft für die Oper. Während des Besuchs einer Probe im venezianischen Opernhaus La Fenice ereiferte sich ihr Begleiter: „Ich könnte den Dirigenten umbringen!“  – „Ich mach´s für dich, aber in einem Roman“, beruhigte sie ihn und erfand Commissario Guido Brunetti, der seit dem „Venezianischem Finale“ in 22 Romanen den Tätern auf der Spur ist. Donna Leon führt mit ihren Brunetti Krimis stets die deutschen Bestsellerlisten an. Doch in Italien werden ihre Romane nicht veröffentlicht. Sie möchte es nicht, weil sie keine gebürtige Italienerin ist und dort wegen ihrer oft kritischen Schilderung der italienischen Gesellschaft nicht für Unfrieden sorgen möchte. Von vielen ihrer amerikanischen Bestsellerkollegen ist sie nicht begeistert: „Ich mag keine Gewalt, ich kann nicht diesen amerikanischen blutrünstigen Stoff lesen. Es ärgert mich, dass so viele Menschen sich für diesen Kram interessieren.“

Bisher hat Donna Leon seit ihrem ersten Roman jedes Jahr ein Buch geschrieben. Schreibblockaden kennt sie nicht. „Schreiben ist ein Handwerk wie jedes andere auch“, beantwortete sie eine Frage des Publikums. „Man kann es jeden Tag acht Stunden ausüben und wenn man mit dem Resultat nicht zufrieden ist, muss man es nicht behalten.“ Nach anderthalb Stunden mit vielen Anekdoten aus dem Leben von Donna Leon kamen viele ihrer Leser bei einem Glas Weißwein und einem Tramezzino in der Bel Etage noch mit der  sympathischen Autorin ins Gespräch, die zudem zahlreiche Bücher signieren musste.

Film: Michael Verhoeven – "The Second Execution of Romell Broom"

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14. Mai 2013

Am 14. Mai konnte das HCA im vollbesetzten Atrium einen besonderen Gast begrüßen, den bekannten deutschen Regisseur Michael Verhoeven. Wir zeigten an diesem Abend seinen Film „Die zweite Hinrichtung“, der 2012 für den Prix d’Europe nominiert war.

Romell Broom wurde im Jahr 1985 für die Entführung, Vergewaltigung und Ermordung der 14-jährigen Tryna Middleton aus Cleveland, Ohio, zum Tode verurteilt und sollte im September 2009 durch eine Giftspritze hingerichtet werden. Nach zweieinhalb Stunden und 18 erfolglosen Versuchen, bei Romell Broom einen intravenösen Zugang zu legen, erklärte Gouverneur Ted Strickland Brooms Hinrichtung an dem Tag für gescheitert. Seitdem versuchen Romell Brooms Anwälte mit einer Klage gegen den Bundesstaat Ohio, die drohende zweite Hinrichtung von Romell Broom zu verhindern. Der Film rekonstruiert den Mordfall vom September 1984 und die Gerichtsverhandlung von Romell Broom im Jahr 1985. Noch heute sind viele Fragen offen. Er diskutiert außerdem die Folgen und Auswirkungen der Todesstrafe mit Rechtsexperten und legt die Fehler und Instabilität eines Systems offen, in dem die Wahrscheinlichkeit, zum Tode verurteilt zu werden, vor allem von der Finanzkraft des Beschuldigten und seiner Hautfarbe abhängt. Zudem sind die Karrieren von Staatsanwälten und Richtern oft abhängig von der Anzahl der Todesurteile, die sie erfolgreich anstreben oder verhängen.

Die Familie Romell Brooms und seine Verlobte geben Einblicke, wie zerstörend die Todesstrafe für diejenigen ist, die dem Verurteilten nahestehen. Dagegen steht die offenkundige Freude eines Opfers von Romell Broom, das er als Elfjährige auf brutale Weise entführen wollte. Sie hat ihr Trauma nie verwunden und kann seine Exekution nicht abwarten, weil sie hofft, danach endlich zur Ruhe zu kommen. Der Film lässt auch Yvonne Pointer zu Wort kommen, die Mutter des mutmaßlichen Opfers Brooms, die einen Weg gefunden hat, mit diesem Schicksalsschlag umzugehen. Sie hilft anderen, ihren Schmerz zu bewältigen, indem sie Verurteilte in Gefängnissen besucht und versucht, den Teufelskreis von Hass und Kriminalität zu durchbrechen.

Nach der Vorführung berichtete Michael Verhoeven über die Entstehungsgeschichte des Films und diskutierte seine Auswirkungen mit Prof. Manfred Berg, einem Experten für die Geschichte der Todesstrafe, und dem tief bewegten Publikum.

Walter Benn Michaels: "Formal Feelings: Political Economy and Aesthetic Autonomy"

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15. April 2013

Am 15. April 2013 setzte das HCA sein Baden-Württemberg Seminar mit einem Vortrag von Professor Walter Benn Michaels von der University of Illinois at Chicago fort. Bevor er nach Chicago kam, unterrichtete Professor Michaels an der Johns Hopkins University und in Berkeley. Er ist der Autor von Büchern wie „The Trouble with Diversity: How We Learned to Love Identity and Ignore Inequality” und „The Shape of the Signifier: 1967 to the End of History”. In seinem Vortrag stellte Professor Michaels kurz Maggie Nelsons Werk „Jane: A Murder“ vor. Das Buch erzählt die Geschichte von Leben und Tod von Maggie Nelsons Tante Jane, die 1969 ermordet wurde. Obwohl der Fall offiziell als ungelöst gilt, scheint klar, dass Janes Mord mit einer Reihe von brutalen Vergewaltigungen und Morden in der Gegend in Verbindung gebracht werden kann. Professor Michaels kritisierte die Politik der Gleichgültigkeit, die das Buch spiegelt, und stellte die Frage nach dem Wert eines Menschenlebens: Sind einige Menschenleben mehr wert als andere? Wiegen einige Verluste schwerer als andere? Er argumentierte, Befreiungsbewegungen, wie etwa die Bürgerrechtsbewegung in den USA, die Frauenrechtsbewegung, oder die Bewegung zur Stärkung der Rechte von Homosexuellen, seien eine Kritik des Gedanken, einige Leben seien wertvoller als andere. Dies betitelte Professor Michaels als Politik der Anerkennung. Während das Problem der Anerkennung durch Befreiungsbewegungen langsam gelöst wird, bleibt das Problem der Neuverteilung – also das Problem der Einkommensungleichheit – ungelöst. Professor Michaels erklärte, dass Diskriminierung aufgrund von Rasse, Geschlecht, oder sexueller Orientierung mittlerweile als falsch und unproduktiv wahrgenommen würden. Diskriminierung aufgrund von Klassenzugehörigkeit werde jedoch nicht als ebenso problematisch empfunden. Nach seinem Vortrag beantwortete Professor Micheals Fragen aus dem Publikum und diskutierte lebhaft mit einigen Gästen.

David Frum: "The Crisis of American Conservatism" (HCA Commencement)

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12. April 2013

Die Festrede anlässlich der HCA Absolventenfeier war 2013, wie in vielen Jahren, auch der Auftakt für das Sommersemester des Baden-Württemberg Seminars. Sie wurde von David Frum gehalten, einem amerikanischen Intellektuellen und republikanischen Aktivisten. Er diente Präsident George W. Bush als Redenschreiber und veröffentlichte ein Buch mit dem Titel „The Right Man: The Surprise Presidency of George W. Bush.“ David Frum ist außerdem Journalist, dessen Leitartikel in The Daily Beast, der National Post, Newsweek und The Week erscheinen. In seinen Artikeln in Zetischriften und Blogs bringt er immer wieder seine zunehmende Unzufriedenheit mit dem republikanischem Konservatismus zum Ausdruck. Obwohl er zuvor bereits Reden für Abschlussfeiern verfasst hatte, erstmals die Rede, die Präsident Bush 2001 in Yale hielt, war diese die erste, die er selbst vortrug. Nachdem er dem Abschlussjahrgang 2013 gratuliert hatte, erläuterte David Frum, warum er den Brauch, anlässlich Abschlussfeiern Ratschläge zu geben, für schwierig hielt: Die Redner seien mittleren Alters und wüssten oft nicht, welchen Rat sie den jungen Absolventen mit auf den Weg geben sollten. Er sinnierte über den englischen Begriff „Commencement“ für eine Abschlussfeier – das Wort bedeutet Beginn oder Anfang, obwohl die Feier das Ende des Studiums zelebriert. Jedoch beginne für die Absolventen auch etwas Neues: Ihre Karriere. Die Vorstellung von Neuanfang, so Frum, ist eine zentrale Idee in der Geschichte der USA. Der Gedanke, immer wieder neu beginnen zu können, manifestierte sich beispielsweise in der Frontier oder Roosevelts New Deal. Trotz dieser Idee des permanent möglichen Neubeginns gibt es in den USA aber auch viel Kontinuität. Frum erklärte, die Republikaner seien an die Macht gekommen, weil sie auf Themen, die die Wähler umtrieben – wie etwa Kriminalität oder Inflation – besser reagiert hätten, als andere Parteien. Er fügte hinzu, dass heute eine neue Generation von Problemen auf Lösung warte, und es so scheine, als ob die Republikaner keine passenden Antworten fänden. Aktuelle Probleme seien etwa folgende Fragen: Wie können amerikanische Einkommen steigen, obwohl die USA mit China und Indien konkurrieren? Wie kann man die Mittelschicht erhalten und unterstützen? Wie kann internationale Sicherheit gewährleistet werden, in einem eher anarchischen globalen System, in dem die USA immer mehr Macht einzubüßen scheinen? David Frum beschrieb die aktuellen republikanischen Politiker als ältere Herren mit überholten Ideen, die durch die politischen Medien mehr und mehr verbitterten. Er kam zu dem Schluss, dass die Absolventen die Botschafter ihrer Generation und auch ihrer Universität seien und es nun an ihnen läge, eigene Ideen zu entwickeln und diese zu verwirklichen.

Ausstellung: "The Early Days – HipHop in der DDR"

14. März bis 25. April 2013

Vom 14. März bis zum 26. April war am HCA die Ausstellung „The Early Days – HipHop in der DDR“ zu Gast. Mit Fotos, T-Shirts, Radiorekordern und anderen Alltagsgegenständen illustrierte sie ein ungewöhnliches Stück DDR-Geschichte und zeigte, dass HipHop als globale Jugendkultur in den 1980er Jahren auch den Eisernen Vorhang überwand.

Die „vier Elemente“ der HipHop-Kultur – Breakdance, DJ-ing, Rap und Graffiti – hatten ihre Ursprünge in der Bronx in New York. In der DDR entstand schnell eine eigene Szene, die den SED-Staat vor große Herausforderungen stellte. Spätestens mit dem Film „Beat Street“, der seit 1985 auch in den DDR-Kinos gezeigt wurde, entwickelte sich die HipHop-Kultur dort nahezu flächendeckend und die regionalen Szenen vernetzten sich miteinander. HipHop war in der DDR nicht verboten, sollte aber kontrolliert, überwacht und gegebenenfalls eingedämmt werden. Die Ausstellung warf einen Blick auf das Verhältnis zwischen den Akteuren der HipHop Bewegung und der DDR-Obrigkeit, sowie auf Freiräume für Breakdancer, Rapper und Graffitikünstler jenseits der Mauer.

Im Mittelpunkt der Ausstellung standen die Biographien der Akteure, basierend auf Zeitzeugeninterviews, Archivmaterial und Alltagsgegenständen aus privaten Sammlungen. Dabei konnte man insbesondere das Improvisationstalent der Jugendlichen jenseits der Mauer bewundern: „Fat Laces“ wurden aus alten Hemden hergestellt, Graffiti nach dem Verbot von Spraydosen kurzerhand mit Pinsel und Farbe angefertigt.

Zur Eröffnung konnten wir Reno Rössel vom Steinhaus Bautzen e.V. begrüßen, der die Ausstellung zusammen mit der Universität Leipzig konzipiert hat. Zudem kam das zahlreich erschienene Publikum in Anwesenheit des Regisseurs nochmals in den Genuss von Nico Raschiks Film „Here We Come“ (2006), der die Protagonisten der Szene und andere Zeitzeugen zu Wort kommen lässt. 

Tobias Endler: "How to Be a Superpower" (HCA Book Launch)

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5. Februar 2013

Am 5. Februar stellte Dr. Tobias Endler sein neues Buch How to be a Superpower – The Public Intellectual Debate on the Global Role of the United States after September 11 am HCA vor. Er ist dort verantwortlich für das strukturierte Doktorandenprogramm und andere Forschungsprogramme sowie für die Betreuung der Gastwissenschaftler.

Er begann seine Buchvorstellung mit einem Verweis auf Barack Obamas Rede an die Nation im Januar. Dort hatte der amerikanische Präsident betont, dass sie die USA keineswegs in einer Abwärtsphase befänden, sondern dass vielmehr politische Führungsqualitäten weltweit ein Problem darstellten. Dr. Endlers Buch widerspricht der Vorstellung, dass auch die Intellektuellen in den USA auf dem Rückzug seien. Seine wichtigste These ist, dass Intellektuelle eine wichtige Vermittlerrolle in der Bildung der öffentlichen Meinung spielen.

Er las aus der Einleitung seines Buches, in der er den Begriff des „öffentlichen Intellektuellen“ definierte: Er argumentierte, dass Politiker oft nicht über genügend Wissen über ein bestimmtes Thema verfügen und öffentliche Intellektuelle dann wichtig werden, weil sie neue Ideen hervorbringen. Oft können sie ein Thema in der Öffentlichkeit mitdiskutieren, auch wenn sie auf dem jeweiligen Feld keine ausgewiesenen Experten sind. Intellektuelle haben in den USA die öffentliche Meinung immer mit bestimmt. Gleichzeitig gab es immer eine gewisse Skepsis gegenüber solchen „öffentlichen Intellektuellen“. Viele von ihnen haben der Regierung als Berater gedient oder in Think Tanks oder an Universitäten gearbeitet. Dies bedeutet, dass sie nicht länger politisch neutral sein können, da ihre Arbeitgeber gewisse Interessen haben. Dennoch formen sie den öffentlichen Diskurs, beispielsweise die Debatte über amerikanische Identität und Moral.

Es gibt jedoch Probleme, die diese Diskussion behindern. Eine Herausforderung ist, dass die Kommunikation auch in einer polarisierten Gesellschaft aufrechterhalten werden muss. Es muss breite Debatten über amerikanische Werte geben und alle müssen daran teilnehmen. Dies schließt die Medien ein, die bewusst eine Kommunikationsplattform bieten müssen. Die Diskussion muss für alle offen sein, die daran teilnehmen möchten; allerdings glauben viele Bürger, dass sie nichts beizutragen haben. Deswegen fällt der Löwenanteil an dieser Diskussion den “öffentlichen Intellektuellen” zu.

Nach der Vorstellung seines Buchs beantwortete Dr. Endler Fragen aus dem Publikum und es entspann sich eine Diskussion über amerikanische Werte und Möglichkeiten der Kommunikation darüber.

John David Smith: "Abraham Lincoln, Emancipation, and the U.S. Colored Troops"

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17. Januar 2013

Am 17. Januar beging das HCA den 150. Jahrestag der Abschaffung der Sklaverei in den USA durch Abraham Lincolns Emancipation Proclamation. Anlässlich dieses Jahrestages hielt Professor John David Smith von der University of North Carolina in Charlotte einen Vortrag über Abraham Lincoln, die Sklavenemanzipation und die afro-amerikanischen Truppenteile der Nordstaatenarmee.

Professor Manfred Berg stellte den Gast als einen Kenner der afro-amerikanischen Geschichte in den USA vor. Professor Smith erhielt 1977 seinen Doktortitel von der University of Kentucky. Als angesehener und sehr produktiver Historiker ist er der Autor von mehr als zwanzig Monographien und der Herausgeber mehrerer wichtiger  Buchreihen.

Professor Smith stellte sein neues Buch Lincoln and the Colored Troops vor. Er ist davon überzeugt, dass Lincoln mehr als jeder andere Präsident fehlinterpretiert wurde. Er war kein Abolitionist, wie viele heute glauben. Er war vielmehr davon überzeugt, dass Schwarze minderwertige Menschen waren und äußerte häufig rassistische Bemerkungen. Er war ein Kind seiner Zeit. Dennoch war er davon überzeugt, dass Sklaverei moralisch falsch war und ein vormodernes, unwirtschaftliches System beförderte. Es lag ihm vor allem daran, die Union wieder zu herzustellen, mit oder ohne Sklaverei. Dies war ihm wichtiger als die Abschaffung der Sklaverei.

In einem ersten Entwurf der Emanzipationserklärung verkündete Lincoln, dass alle Sklaven, denen es gelang, in den Norden zu fliehen, frei sein sollten. Er drohte den Konföderierten außerdem damit, dass er alle Sklaven am 1. Januar 1863 befreien würde, sollte die „Rebellion“ nicht beendet werden. Der Black Recruitment Clause war fast ein Nachgedanke der Erklärung. Er besagte, dass Afro-Amerikaner Soldaten der Nordstaatenarmee werden konnte, dass es keine finanzielle Kompensation für Sklavenhalter geben würde und dass die Sklaven, die in den Südstaaten lebten, frei seien und nicht von der Regierung kolonisiert werden könnten. Auf diese Art und Weise stand Lincoln ein verführerisches Potential an Soldaten zur Verfügung, die hochmotiviert waren, gegen ihre ehemaligen Besitzer zu kämpfen. Afro-Amerikaner machten zwischen neun und zwölf Prozent der Nordstaatenarmee aus. Selbst vor der offiziellen Erklärung kämpften 4,000 schwarze Soldaten für die Union, von denen Lincoln angeblich nichts wusste, da er immer noch versuchte, die Südstaaten auf diplomatischem Weg zurückzugewinnen.

Die Präsenz schwarzer Truppenteile in Regionen, in denen sich noch Sklaven auf den Plantagen befanden führte zu Sklavenaufständen; viele Flohen und traten in die Armee ein. Professor Smith erklärte, dass die Emanzipationserklärung den Effekt eines “langsamen Sklavenaufstandes” hatte und für die Plantagenbesitzer in den Südstaaten letztlich den Ruin bedeutete. Sie schwächte die Widerstandskraft des Südens, stärkte den Kampfgeist des Nordens und unterstütze wesentlich die Kampfmoral der Nordstaatenarmee. Professor Smith beendete seinen Vortrag mit der Beobachtung, dass Lincolns Emanzipationserklärung auch die Frage aufwarf, was nun mit den befreiten Afro-Amerikanern geschehen sollte. Wenn sie als Soldaten dienten, bedeutete das auch, dass sie Bürger waren? Wenn sie Bürger waren, sollten sie wählen können? Lincoln wurde ermordet, bevor er sich diesen Fragen widmen konnte.

Im Anschluss an den Vortrag verwickelte Professor Smith seine Zuhörer in eine anregende Debatte. 

Podiumsdiskussion: "Toward a New Global Financial Architecture"

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14. Dezember 2012

Im Dezember fand das Baden-Württemberg Seminar erneut in einem ungewöhnlichen Format statt. Als Teil der Konferenz „Lessons from the North Atlatnic Financial and Economic Crisis“ erörterten die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion Wege zu einer neuen globalen Finanzarchitektur. Das hochkarätig besetzte Podium, von der Journalistin und Finanzexpertin Susanne Schmidt (London) moderiert, bestand aus Anat Admati (Stanford University), Mathias Drehmann (Bank für internationalen Zahlungsausgleich, Basel) und dem ehemaligen Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer.

Insbesondere Admati und Mayer bezogen in der Diskussion unterschiedliche Positionen zur Frage der Eigenkapitalquote. Während Mayer betonte, dass man nicht alles regulieren könne und niemand wisse, wie viel Eigenkapital ausreichend sei, hielt Admati dagegen, dass gerade wenn man dies nicht wisse, 30 Prozent besser als 3 Prozent seien. Auf Schmidts Frage, ob die Regulierungsbehörden mit ausreichenden Befugnissen ausgestattet seien, reagierte Mayer mit dem Hinweis, dass diese aufgrund der allseits herrschenden Unsicherheit zu stark auf den schlimmsten anzunehmenden Fall fixiert seien und nun die Fehler der Banker wiederholten, indem sie glaubten, das gesamte System kontrollieren zu können. Es sei aber eine Illusion zu glauben, man könne das gesamte System im Blick behalten; gerade diese Unmöglichkeit unterscheide eine Marktwirtschaft von einer Planwirtschaft.

Admati betonte demgegenüber, dass es nicht um Planwirtschaft gehe, sondern darum, wirksame Sicherheitsmaßnahmen zu verankern. Während Mayer es für ausreichend hielt, Finanzakteure haftbar zu machen, verglich Admati dies damit, einen Krankenwagen zu schicken, wenn der Unfall bereits passiert sei, und verlangte Reformen, die darauf ausgelegt seien, den Unfall selbst zu verhindern. Drehmann, der gemeinhin eine vermittelnde Position einnahm, wies darauf hin, dass die Regulierer keineswegs unabhängig von der Politik seien.

Die lebhafte Diskussion mit dem zahlreich erschienenen Publikum drehte sich unter anderem um die Frage, wie denn Haftung am besten herzustellen sei. Auf Martin Hellwigs Einwurf, dass die Diskrepanz zwischen privaten und öffentlichen Interessen stärkere Beachtung verdiene, reagierte Mayer mit dem Hinweis, dass die Banken lediglich gesetzlichen Steuerungsanreizen gefolgt seien. Seine kontroverse Warnung, dass ein Ersticken der Globalisierung durch Regulierungsmaßnahmen nicht zuletzt die Entwicklungschancen der ärmeren Weltregionen beeinträchtigen würde, lenkte die Diskussion abschließend noch auf die Frage, welche Rolle China und Indien überhaupt in einer neuen globalen Finanzarchitektur spielen sollten.

Dieter Schulz: "Emerson and Thoreau or Steps Beyond Ourselves"
(HCA Book Launch)

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4. Dezember 2012

Das HCA nahm im Wintersemester 2012 seine Veranstaltungsreihe mit Buchvorstellungen wieder auf. Am 4. Dezember führte Professor Dieter Schulz in seine neue Publikation ein: „Emerson and Thoreau or Steps Beyond Ourselves: Studies in Transcendentalism“. Professor Schulz ist seit 2008 emeritierter Professor für englische und amerikanische Literatur. Er hat in seinen Büchern eine große Bandbreite an Themen bearbeitet, darunter Transzendentalismus und Metaphysik. Sein neuestes Werk ist ein Sammelband mit Essays, die über einen Zeitraum von 15 Jahren entstanden sind. Professor Schulz gestand seinem Publikum, dass Emerson und Thoreau ihn bei der ersten Lektüre zunächst hätten. Im Laufe der Jahre habe er sich allerdings immer mehr mit Emerson identifizieren können. Er erklärte, er habe auf das Drängen amerikanischer Freunde hin, beiden Autoren „noch eine Chance gegeben“. Professor Schulz erläuterte seinen Zuhörern, dass die Kapitel seines Buches „Emerson and Thoreau or Steps Beyond Ourselves“ durch wiederkehrende Metaphern, hauptsächlich die Metapher des Laufens, miteinander verbunden sind. Die Essays in diesem Sammelband könnten als Kapitel in einem Buch verstanden werden, da sie um den Begriff und die Symbolik der Transzendenz kreisen. Dieses Konzept ist nicht nur für die Bewegung des Transzendentalismus mit Emerson und Thoreau als Schlüsselfiguren von größter Bedeutung, es ist ebenso wichtig für deren literarische Vorfahren, die Puritaner in Neuengland. Die Anhänger des Transzendentalismus standen der zeitgenössischen Politik, Gesellschaft und Kultur sehr kritisch gegenüber und hinterfragten wissenschaftliche Methoden. Nach der Vorstellung seines Buches beantwortete Professor Schulz bei einem Glas Wein Fragen aus dem Publikum.

Daniel Albright: "Setting James Joyce to Music: John Cage and Harry Partch"

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27. November 2012

Am 27. November begrüßte das HCA Daniel Albright zu einem Vortrag mit dem Titel “Setting James Joyce to Music: John Cage and Harry Partch”. Daniel Albright ist Ernest Bernbaum Professor für Literatur an der Harvard University und unterrichtet dort sowohl am Institut für Englisch als auch am Institut für Musikwissenschaft. Das Hauptaugenmerk seiner Forschung legt Professor Albright auf die Frage, wie künstlerische Medien wie Dichtkunst, Musik und Malerei sich gegenseitig beeinflussen. Sein im Jahr 2000 erschienenes Buch “Untwisting the Serpent: Music, Literature, and the Visual Arts“ gewann den Susanne M. Glasscock Humanities Book Prize for Interdisciplinary Scholarship.

In seinem Vortrag am HCA konzentrierte Professor Albright sich auf das Zusammenspiel von Musik und Literatur und erklärte sein Konzept von „belletristischer Musik“. Darunter versteht er Musik, die anstrebt, zu Literatur zu werden. Um seinem Publikum vor Augen zu führen, wie Musik und Literatur interagieren, stellte Professor Albright zwei Künstler und ihre Werke vor. Zunächst befasste er sich mit Harry Partch, einem amerikanischen Komponisten, der mit der sogenannten „Pseudomorphose“ arbeitet, dem Zusammenspiel von Musik und Literatur in Romanen. Er kreierte Sprechmusik aus Romanen wie James Joyces “Finnegan’s Wake“. Professor Albright erklärte, dass dies möglich sei, weil Joyces Romane sehr stark mit Sprache spielten. In seiner Arbeit vertonte Harry Partch einen Satz aus “Finnegan’s Wake“.

Ein weiterer Roman von Joyce, „Ulysse“s, wurde von dem Künstler Berio Omaggio vertont. Professor Albright spielte seinen Zuhörern einen Teil dieses Werks vor. In dem Klangmuster wird eine Textpassage vorgelesen und dann akustisch bearbeitet. Dieses Werk besteht nicht aus komponierter Musik, sondern vielmehr aus Experimenten mit Tonaufnahmen. Als letztes Beispiel für das Zusammenspiel von Literatur und Musik führte Professor Albright das Radiostück „Laughtears“ von John Cage vor. Laut Professor Cage ist “Laughtears“ die beeindruckendste Vertonung von Joyces „Finnegan’s Wake“. Der Künstler nahm an allen Orten Irlands, die im Roman erwähnt werden, Tonproben auf und ließ sie mit Worten aus dem Roman verschmelzen, deren erste Buchstaben insgesamt den Namen JAMES JOYCE buchstabierten. Zu diesem Zweck nahm er das erste Wort im Buch, das mit dem Buchstaben „J“ beginnt, gefolgt vom ersten Wort beginnend mit dem Buchstaben „A“ und führte diese Technik fort, bis er den kompletten Namen buchstabiert hatte. Dies untermalte der Künstler mit Tonaufnahmen von Donner, um das Werk akustisch abzurunden. Nach der Vorführung dieser sehr verschiedenen Kunstwerke regte Professor Albright eine Debatte über das Gehörte an.

Alice Eagly: "Women as Leaders: Negotiating the Labyrinth"

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21. November 2012

Am 21. November hieß das HCA Alice Eagly von der Northwestern University willkommen. Die bekannte Psychologin ist auf den Bereich Gender Studies spezialisiert. Professor Eaglys Vortrag trug den Titel “Women as Leaders: Navigating the Labyrinth”.

Professor Eagly beschäftigte sich mit der Frage, warum Frauen nach wie vor in Führungspositionen unterrepräsentiert sind. Sie kritisierte die Bezeichnung „gläserne Decke“, da diese den Eindruck vermittle, Frauen scheiterten „an der Spitze“, obwohl es vielmehr so sei, dass Frauen häufig gar nicht erst die Gelegenheit bekämen, an der „gläsernen Decke“ zu scheitern, weil sie bereits viel früher „aussortiert“ würden.

Daher bevorzugt Professor Eagly den Begriff „Labyrinth“, der der Komplexität der Entscheidungen, die Frauen im Laufe ihrer Karrieren treffen müssten, besser Ausdruck verleiht. Professor Eagly erklärte ihren Zuhörern den Zusammenhang zwischen nachteiligen Stereotypen von Männern, Frauen und Führungseigenschaften und dem Phänomen, dass Männer im Allgemeinen als bessere Führungskräfte angesehen werden. Gängige Geschlechterstereotypen stellen Männer als kompetitiv, aggressiv, extrovertiert und mutig dar, während Frauen eher als freundlich, sensibel, sanft, unterstützend und fürsorglich gesehen werden. Generell wird von einer Führungsperson erwartet, dass sie selbstbewusst, handlungsorientiert, durchsetzungsfähig, und risikofreudig ist. Diese „idealen Führungsqualitäten“ decken sich oft mit den männlichen Stereotypen, was zur Folge hat, dass Männer im Allgemeinen als Führungsperson bevorzugt werden.

Dies gilt jedoch nicht in „weiblichen“ Berufsbildern wie Krankenschwester oder Kindergärtnerin. In diesen Berufsfeldern werden Männer diskriminiert. Professor Eagly analysierte die Zwickmühle, in der sich Frauen befinden, die in die Chefetage aufsteigen wollen. Einerseits müssen diese Frauen streng und sehr fähig sein, um als Führungsperson anerkannt zu werden; andererseits sollten sie nicht zu „tough“ sein, um nicht unsympathisch zu wirken. Weiter ging Professor Eagly darauf ein, ob sich weiblicher Führungsstil vom männlichen unterscheidet. Sie erklärte, Frauen seien generell demokratischer als Männer und nutzten häufiger positive, belohnende Strategien. Männer hingegen favorisierten häufig Drohungen als Anreiz. In ihren Abschlussbemerkungen wies Professor Eagly darauf hin, dass gerade ein kultureller Wandel im Gange sei, der es früher oder später mehr Frauen ermöglichen werde, Führungspositionen zu bekleiden.

Verleihung des Rolf-Kentner Preises 2012

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15. November 2012

Am 15. November wurde am HCA zum dritten Mal der Rolf-Kentner Dissertationspreis verliehen. Der Stifter ist einer der ältesten und aktivsten Förderer des HCA und Vorsitzender der Schurmann Gesellschaft. Der Preis wird an eine herausragende noch unveröffentlichte Doktorarbeit in den Amerikastudien verliehen, die an einer deutschen Universität eingereicht wurde. Der diesjährige Preisträger ist Dr. Leonard Schmieding vom Historischen Seminar der Universität Leipzig, augenblicklich Fulbright Fellow an der Stanford University.

Nach einer kurzen Einführung durch Prof. Dr. Manfred Berg hielt Leonard Schmieding seinen Festvortrag mit dem Titel “Hip-Hop Under Honecker: This Is Our Party!” Eine eindrucksvolle Hip Hop Darstellung der jungen Tänzerinnen von AlphaBeats vom Haus der Jugend in Heidelberg hatte das Publikum vorher auf das Thema eingestimmt. Dr. Schmieding stellte einige Hauptthesen seiner preisgekrönten Arbeit vor, die sich mit der Begeisterung für Hip Hop Musik und Breakdance in der früheren DDR beschäftigte.

Der Vortrag begann mit einem Auszug aus dem Film Beat Street, der 1984 auch in den DDR-Kinos lief, und Leipzig, Berlin, Dessau und andere Städte schnell zu regelrechten Hochburgen dieser Jugendkultur machte. Dr. Schmiedings Arbeit analysiert die Faszination mit dieser Form der amerikanischen Populärkultur. Sie zeigt auf, dass viele DDR Hip Hopper quasi „schwarz“ wurden, indem sie sich kulturelle Formen, die “Schwarz” kodiert waren, aneigneten. Hip Hop wurde so zu einem wirkungsvollen Symbol für Rebellion und “Anderssein”. Der instruktive, provokative und unterhaltsame Vortrag bekam viel Applaus und resultierte in einer lebhaften Diskussion. Der Abend klang mit einem Empfang in der Bel Etage aus, wo der Preisträger, der Stifter und viele Gäste miteinander ins Gespräch kamen.

Yusuf Lateef: "Reflections on the Social Relevance of Black Improvised Music" & Archie Shepp: "Reflections on the Political Power of Black Improvised Music"

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8. November 2012

Der zweite Vortrag im Herbstprogramm des Baden-Württemberg Seminars fand in einem ungewöhnlichen Format statt. Im Rahmen des internationalen Symposiums “Lost in Diversity: A Transatlantic Dialogue on the Social Relevance of Jazz” begrüßte das HCA die Jazzgrößen Archie Shepp und Yusuf Lateef.

In der Alten Aula der Universität erklärte Yusuf Lateef in seinem Vortrag mit dem Titel “Reflections on the Social Relevance of Black Improvised Music” zunächst, warum er den Begriff “Jazz” als negativ besetzt ablehnt. Lateef zieht es vor, seine Musik als audiophysiopsychisch zu bezeichnen – also Musik, die sich aus dem körperlichen, spirituellen und mentalen Selbst ergibt, „Musik des Herzens“.

Er sieht afroamerikanische Musik als einen besonders bedeutenden Beitrag zur Restauration der amerikanischen Gesellschaft, vor allem in den 1950er und 1960er Jahren. Diese beiden Jahrzehnte stellen für Lateef einen starken Anstieg der afroamerikanischen Selbstbestimmung und Selbstdarstellung dar nach Jahrhunderten von beispielloser Misshandlung, Vorurteilen und Brutalität. In der afroamerikanischen Gemeinschaft gehen Arbeit, Freizeit, Freude, Leid, Feste und Verlust seit jeher mit Musik einher. An diesem Umstand haben auch Spott, Verachtung und Tadel nichts ändern können. Durch die Bewegung der afroamerikanischen Musik hin zum Mainstream der amerikanischen Kunst wurde laut Lateef die gesamte amerikanische Gesellschaft erhöht.

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Eine der Thesen in Archie Shepps Vortrag mit dem Titel “Reflections on the Political Power of Black Improvised Music” war: „Ja, Musik hat die Macht, Kriege zu beenden.“ Unter anderem berichtete Shepp von einer Begebenheit im Zweiten Weltkrieg, als ein temporärer Waffenstillstand ausgerufen wurde, damit die deutschen Soldaten in den Schützengräben eine Jam-Session mit dem legendären Bebop Schlagzeuger Kenny Clarke genießen konnten. Shepps Überzeugung, Jazz „gehöre“ den Afroamerikanern und weiße Jazzkünstler würden diese lediglich kopieren, führte im Anschluss zu einer recht kontroversen Diskussion mit dem Publikum.

US Elections 2012: "Wahlanalyse"

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7. November 2012

Am Tag nach der amerikanischen Präsidentschaftswahl fand am HCA eine Podiumsdiskussion zum Wahlausgang statt. Zu den HCA-Experten Dr. Wilfried Mausbach, Dr. Martin Thunert und Dr. Tobias Endler gesellte sich Dr. Robert Gerald Livingston, Gründungsdirektor des American Institute for Contemporary German Studies in Washington, D.C. Die Teilnehmer des Podiums erklärten warum diese Wahl einzigartig war und gaben eine Einschätzung der Wählerschaft und der Herausforderungen für die zweite Amtszeit Obamas.

Die Wahl 2012 war aus verschiedenen Gründen eine besondere Wahl. Zum einen hatte der Wahlkampf auf beiden Seiten astronomische Summen verschlungen. Eine weitere Neuheit war die professionelle Verwendung der Social Media wie Facebook und Twitter um mit potentiellen Wählern in Kontakt zu treten. Die Ehefrauen beider Kandidaten waren beide sehr populär und sehr aktiv. Nie zuvor hatten die Medien so viel Mühe auf die Überprüfung von Fakten im Wahlkampf aufgewendet. Die Wähleranalyse zeigte, dass DemoKraten und Republikaner auf sehr unterschiedliche Gruppen abzielten: Mitt Romney war hauptsächlich der Kandidat der weißen, älteren und männlichen Wähler, die zudem meist aus den Vororten kamen. Er wurde zudem überproportional von Militärangehörigen unterstützt. Barack Obama wurde von den 18- bis 40-jährigen gewählt, von Frauen, Hispanics, Afro-Amerikanern, Amerikanern asiatischer Herkunft und von jüdischen Amerikanern.

Die Teilnehmer des Podiums waren sich darüber einig, dass demographische Faktoren erheblich zu Obamas Sieg beigetragen hatten. Den Demokraten ist es gelungen, die wachsende Zahl Minderheiten anzusprechen, während die Republikaner zur Partei der weißen Männer geworden sind. Natürlich haben viele Faktoren zu Obamas Sieg beigetragen: Sein Kampf gegen den Terror und der Tod Bin Laden haben ihm eine große Popularität eingebracht, genauso wie das in Aussicht gestellte Ende der Kriege in Afghanistan und im Irak. Zwar sind viele Wähler nach wie vor unzufrieden mit der wirtschaftlichen Situation, die meisten aber schreiben sie der Bush-Präsidentschaft zu.

Die Experten skizzierten kurz die Herausforderungen der zweiten Amtszeit Obamas: Eines der dringendsten Probleme ist die unmittelbar bevorstehende Finanzklippe. Die republikanische Mehrheit im Repräsentantenhaus wird Verhandlungen und Kooperation notwendig machen; unter Umständen wird dies auch in einem politischen Stillstand enden. Die Belebung der Wirtschaft, eine Steuerreform und eine Reform des Immigrationsrechts sind weitere dringende Angelegenheiten. In der Außenpolitik wird Obama sich weiter mit dem Nahostkonflikt beschäftigen müssen; er muss zudem einen Weg finden, sich konstruktiv mit dem Aufstieg Chinas und dem Streben des Irans nach Nuklearwaffen auseinanderzusetzen, sowie einen Fortschritt bei Abrüstungsverhandlungen mit Russland erzielen. Im Anschluss an die Podiumsdiskussion stellten sich die Teilnehmer noch den Fragen des Publikums.

US Elections 2012: "Countdown für Obama – Die USA vor den Präsidentschaftswahlen"

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30. Oktober 2012

Eine Woche vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen fand am HCA eine weitere Podiumsdiskussion, diesmal mit dem Titel “Countdown für Obama – Die USA vor den Präsidentschaftswahlen.” Auf dem Podium begrüßten wir einen Historiker, Professor Manfred Berg, und zwei Politologen, Dr. Martin Thunert und Dr. Tobias Endler. Per Skype wurden im Laufe der Veranstaltung drei weitere Experten in Washington, D.C., Iowa und Kalifornien zugeschaltet, die zu aktuellen Lage befragt wurden.

Die Veranstaltung begann mit einer kurzen Einführung durch Dr. Thunert, der die Grundzüge des amerikanischen Wahlsystems und die Bedeutung der sogenannten Swingstates erklärte. Alle Einzelstaaten außer Nebraska und Maine operieren nach dem “Winner-takes-all”-System, das heißt, alle Wahlmännerstimmen dieses Staates gehen an den Kandidaten, der die einfache Mehrheit auf sich vereinigen kann. Die Zahl der Wahlmänner eines Staates korrespondiert mit der Zahl seiner Einwohner. Die Wahlmänner bilden ein Gremium, das “Electoral College”. Kann ein Kandidat 270 Wahlmännerstimmen auf sich vereinigen, wird er Präsident. In dem unwahrscheinlichen aber technisch möglichen Fall, dass beide Kandidaten 269 Stimmen auf sich vereinigen, wählt das Repräsentantenhaus den Präsidenten und der Senat den Vizepräsidenten. In diesem hypothetischen Szenario könnte es passieren, dass Mitt Romney Präsident und Joe Biden Vizepräsident wird, da es wahrscheinlich ist, dass die Republikaner die Kontrolle im Repräsentantenhaus behalten und die Demokraten weiter den Senat dominieren.

Nach dieser Einführung stellte Professor Berg ein paar Fragen an den ersten Skype-Teilnehmer, Dr. Marcus Pindur, der Korrespondent des Deutschlandfunks in Washington, D.C. Professor Berg fragte nach Dr. Pindur, ob die anstehenden Wahlen seiner Meinung nach fair verlaufen würden, nachdem einige von den Republikanern regierte Staaten “Wahlreformen” durchgeführt haben, die vor allem jungen Wählern, Schwarzen und Hispanics den Gang an die Wahlurne erschweren könnten. Dr. Pindur bestätigte, dass dieses Thema heftig diskutiert worden sei, beispielsweise in Florida, wo es um Restriktionen bei der verfrühten  Stimmabgabe, dem sogenannten „early voting“ ging. Diese Debatte endete in einem „Kompromiss“: Am letzten Sonntag vor den Wahlen wird es kein “early voting” geben. Dies würde vor allem die „Souls to the Polls”-Bewegung treffen, Gruppen schwarzer Kirchgänger, die traditionell sonntags nach dem Gottesdienst ihre Stimme abgeben. Afro-Amerikaner stimmen mehrheitlich für den Kandidaten der Demokraten.

Dr. Endler interviewte dann den zweiten Gast via Skype, den HCA-Doktoranden Styles Sass, der aus dem Swingstate Iowa zugeschaltet wurde. Er sprach über den möglichen Einfluss des Hurrikan Sandy, der seiner Meinung nach nur schwer einzuschätzen sei. Allerdings könne er dazu führen, dass Mitt Romneys Wahlkampagne an Schwung verliert, da in Krisenzeiten der amtierende Präsident ins Rampenlicht rückt. Präsident Obama hat tatsächlich schon viel Lob für sein Krisenmanagement erhalten; die Erwartungen an ihn sind nach dem Desaster der Bush-Administration nach Hurrikan Katrina in New Orleans hoch.

Im dritten Skype-Interview sprach Dr. Thunert mit Professor Andrea Römmele, die er in Kalifornien erreichte. Sie berichtete, dass dort kaum Wahlkampf stattfindet, da der Staat alles andere als umkämpft ist. Professor Römmele kommentierte außerdem die Rolle der Medien im Wahlkampf. Insbesondere kritisierte sie, dass im Mittelpunkt der Fernsehdebatten weniger Inhalte gestanden hätten als vielmehr die Frage, wer was gesagt habe. Sie wies zudem darauf hin, dass die Medien wenig getan hätten, um die Fakten zu überprüfen, insbesondere nach den Fernsehdebatten; der erste Eindruck der Zuschauer blieb in der Regel bestehen, auch wenn sich später herausstellte, dass die Aussagen der Kandidaten nicht der Wahrheit entsprachen.

In ihren abschließenden Statements waren sich die HCA Experten einig, dass die Außenpolitik am Wahltag eine zu vernachlässigende Rolle spielen würde, dass die Wirtschaftslage ausschlaggebend belieb würde und dass die Kandidaten eine Woche vor der Wahl Kopf an Kopf lägen.

US Elections 2012: "Debatte"

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23. Oktober 2012

Zum Ende des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes gab es auch am HCA eine politische Debatte mit Repräsentanten der Republicans und Democrats Abroad, Phil Zeni beziehungsweise Dennis O’Donohue. Beide begannen mit einer kurzen Stellungnahme zu den Wahlprogrammen ihrer Parteien und beantworteten dann abwechselnd Fragen der beiden Moderatoren, Dr. Anja Schüler und Dr. Martin Thunert vom HCA.

In seinem Eröffnungsstatement erklärte Phil Zeni, warum Präsident Obama seiner Meinung nach keine zweite Amtszeit verdient: Die Wirtschaft bleibt relative anämisch und die Arbeitslosenzahl hoch. Zeni führte zudem aus, dass der Kandidat der Republikaner, Mitt Romney, durchaus Staatliche Unterstützung bereitstellen, die Bürger aber nicht davon abhängig machen wollte. Sein „Gegner“, Dennis O’Donohue, betonte, dass die heutige Republikanische Partei vor allem Extremisten beherberge, die einen “Krieg gegen Frauen führen”, da sie Abtreibungen kategorisch ablehnen und in anderen Fragen der sexuellen Selbstbestimmung, insbesondere von jungen Frauen, äußerst restriktiv sind. O’Donohue führte außerdem an, dass der Präsident durchaus bereit sei, mit dem politischen Gegner zusammenzuarbeiten und dass diese  Zusammenarbeit sehr notwendig sei, dass aber die Republikaner jeden solcher Versuche boykottieren würden.

Die erste Frage der Moderatoren war – „Was wird Ihr Kandidat tun, um die Staatsverschuldung der USA zurückzufahren?“ Phil Zeni antwortete, dass Mitt Romney alle Ausgabenprogramme überprüfen würde und die Ausgaben der Bundesregierung überall da, wo es möglich sei, zurückfahren würde. Eine wachsende Zahl an Beschäftigten würde zudem das Steueraufkommen erhöhen, was die Wirtschaft weiter wachsen lassen würde. Zeni warf Präsident Obama vor, dass dieser staatliche Programme künstlich aufgebläht und so die Staatsausgaben nach oben getrieben habe.

Dennis O’Donohue dagegen argumentierte, dass Obama zwei äußerst kostspielige Kriege beendet habe und die Staatsverschuldung bereits zurückgegangen sei. Auf die Frage nach ihrer Meinung zum Affordable Care Act antwortete Phil Zeni, dass Gesundheitsfürsorge sehr wichtig sei, die Wähler „Obamacare“ ablehnten, weil sie glaubten, dass der Staat sich damit zu sehr in diese Fragen einmische. Er bemerkte, dass Romney die Gesundheitsfürsorge den Einzelstaaten überlassen würde und diese sicherstellen würden, dass chronisch Kranke und Arme versorgt seien.

Dennis O’Donohue stritt dies ab und erklärte, dass der Affordable Care Act die Versicherungsgesellschaften und nicht die Bürger kontrollieren wolle. Er führte zudem aus, dass Versicherungen vor Obamacare Policen wegen Krankheit kündigen konnten. Obamacare hat dies illegal gemacht und so den Bürgern genutzt. Zeni und O’Donohue beantworteten außerdem Fragen zur Energieunabhängigkeit der USA und zur Außenpolitik bevor sie Fragen aus dem Publikum entgegennahmen. Wie vorauszusehen war, folgte eine erhitzte Debatte zwischen dem Publikum und den Repräsentanten der beiden amerikanischen Parteien.

Matthew A. Sutton: "Is Obama the Antichrist? The Rise of American Fundamentalist Anti-Liberalism"

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18. Oktober 2012

Zum Auftakt des 12. Baden-Württemberg Seminars hieß das HCA Matthew A. Sutton von der Washington State University und dem University College Dublin willkommen.  Professor Sutton ist Historiker mit dem Schwerpunkt Religionsgeschichte, im Besonderen Forschungen zum konservativen Protestantismus des 20. Jahrhunderts und seiner Rolle in der US-Politik. Professor Sutton sprach zum Thema “Ist Obama der Antichrist? Der Aufstieg des amerikanischen fundamentalistischen Anti-Liberalismus“.

Sein Vortrag analysierte die apokalyptische Weltanschauung eines großen Teils der amerikanischen Evangelikalen und die daraus resultierenden Auswirkungen auf die amerikanische Politik, insbesondere auf die Wahlen im November 2012. Danach glauben viele Evangelikale, dass das Ende der Welt naht und ein neues Millennium bevorsteht. Doch bevor es dazu kommen kann, wird der Antichrist sich erheben, an Macht gewinnen und über die Weilt herrschen. Viele Evangelikale glauben zudem, dass das herannahende Reich des Teufels sich durch eine Reihe wichtiger Zeichen ankündigen wird, darunter moralischer Verfall und das Entstehen mächtiger Reiche in Rom, Russland und im Fernen Osten. Außerdem werden Kriegsgerüchte, die „Entrückung“, in der Gott gläubige Christen aus dem Leben auf der Erde direkt ins Himmelreich holt, und der Einzug der Juden in Palästina als Schlüsselzeichen gewertet. Schon seit Langem sind die Evangelikalen der Überzeugung, das Ende der Welt stehe unmittelbar bevor. Der Erste Weltkrieg wurde aufgrund der Eroberung Jerusalems durch die Briten und dem damit einhergehenden Versprechen, es den Juden zu überlassen, als Zeichen dafür bewertet. Einige Evangelikale sahen sogar Hitler als Gottes Werkzeug, weil er die Juden nach Israel zurücktrieb. Dies bedeutet nicht, dass die Evangelikalen Hitlers Handeln unterstützt oder für moralisch vertretbar gehalten hätten – sie sahen es lediglich als ein weiteres Zeichen für das Herannahen des Millenniums. Auch der Aufstieg der Sowjet Union und Japans in den 1930ern wurden so interpretiert.

Auch im 21. Jahrhundert suchen fundamentalistische Evangelikale nach Anzeichen für die Stärkung der Macht des Teufels. Im Jahr 2012 mangelte es nicht an Krisenherden; so wird beispielsweise in den Augen der Evangelikalen Israel nicht ausreichend von der Obama-Administration unterstützt. Professor Sutton machte allerdings auch deutlich, dass nur ein geringer Anteil der Evangelikalen den amerikanischen Präsidenten für den „Leibhaftigen“ hält. Dennoch sind viele unter ihnen der Ansicht, Obama bereite dem Teufel den Weg für eine Machtübernahme. Der Glaube an ein unmittelbar bevorstehendes gewaltsames Ende der Welt bestimmt im Allgemeinen nicht nur die religiösen Gefühle der Evangelikalen, sondern auch ihr Wahlverhalten. Auch die bevorstehende Präsidentschaftswahl wird davon nicht ausgenommen sein. Im Anschluss an seinen Vortrag diskutierte Professor Sutton mit seinem sehr interessierten Publikum über andere Auswirkungen von Religion auf die Politik der Vereinigten Staaten.

"The American Presidency: Multidisciplinary Perspectives" (HCA Book Launch)

 
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16. Oktober 2012

Rechtzeitig zu den amerikanischen Präsidentschatfswahlen erschien der Band The American Presidency: Multidisciplinary Perspectives, herausgegeben von Wilfried Mausbach, Dietmar Schloss und Martin Thunert, der am 16. Oktober am HCA vorgestellt wurde. Als Gastrednerin konnten wir Britta Waldschmidt-Nelson, die stellvertretende Direktorin des Deutschen Historischen Instituts in Washington, D.C., begrüßen, die ebenfalls eine Autorin des Bandes ist.

Das Buch ist eine Sammlung von Aufsätzen, die auf die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien in Heidelberg 2008 zurückgehen. Sie analysieren die Institution der amerikanischen Präsidentschaft aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven wie der Politikwissenschaft, der Geschichte oder den Kulturwissenschaften. Einige Beiträge konzentrieren sich auf bestimmte Ereignisse oder Personen, andere behandeln den Einfluss von fiktionalen Darstellungen in Literatur oder Filmen wie Airforce One, oder die präsidentielle Rhetorik.

Die Herausgeber stellten einzelne Teile des Bandes vor und sprachen über seine Entstehungsgeschichte. Britta Waldschmidt-Nelson hielt einen kurzen Vortrag über “How White is the White House? American Presidents and the Politics of Race.” Anhand von Fallstudien über Jefferson, Lincoln, Wilson und Johnson diskutierte sie deren Verhältnis zur Rassenfrage. So stellte sie beispielsweise klar, dass Abraham Lincoln zwar die Institution der Sklaverei beendete, ursprünglich aber auf ihre Eingrenzung und nicht ihre Abschaffung hingearbeitet hatte. Nachdem die Herausgeber den Band in seiner ganzen Breite vorgestellt hatten, beantworteten sie noch zahlreiche Fragen aus dem Publikum.

US Elections 2012: "What Role Will Religion Play?"

Podiumsdiskussion24. Juli 2012

Am­­­ Dienstag, den 24. Juli 2012, fand am Heidelberg Center for American Studies (HCA) eine Podiumsdiskussion zu der Frage „Die US Wahlen 2012 – Welche Rolle wird die Religion spielen?“ statt. An der Diskussion nahmen die scheidenden Gastdozenten am HCA,  Professor Kirsten Fischer von der University of Minnesota und Professor Charles Postel von der San Francisco State University teil. Mit ihnen diskutierten Daniel Silliman, wissenschaftlicher Mitarbeiter am HCA, sowie Bryce Taylor, ein mormonischer Master-Student am HCA. Moderiert wurde die Podiumsdebatte von Professor Jan Stievermann, Professor für die Geschichte des Christentums in den USA am HCA und dem theologischen Seminar der Universität Heidelberg.

Vor einem sehr interessierten Publikum befassten sich die Wissenschaftler mit der brandaktuellen Frage, welche Rolle die Religion im diesjährigen Präsidentschaftswahlkampf spielt. Die Rhetorik des amerikanischen Wahlkampfes scheint sehr von religiösen Themen geprägt, doch welchen Stellenwert haben diese tatsächlich? Ein großer Teil der Diskussion jedenfalls drehte sich um die Religionszugehörigkeit der Kandidaten und die historische Bedeutung der Religion für die amerikanische Parteienlandschaft.

Die Republikaner sind ursprünglich eine protestantisch geprägte Partei, die sich aktuell sehr um ein ökumenisches Auftreten bemüht. Ihre führenden Politiker betonen immer wieder, dass ihre Partei ein jüdisch-christliches Weltbild vertritt, das alle Strömungen dieser beiden monotheistischen Religionen umfasst. Diese Haltung verkörpert auch der mormonische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney. Die Demokraten dagegen stehen für religiöse Toleranz und Offenheit. Nicht zuletzt weil Präsident Barack Obama sich für die Gleichstellung homosexueller Paare ausgesprochen hat, verlieren die Demokraten bei religiös aktiven Wählern an Boden.

Professor Postel, Experte für populistische Bewegungen in den USA, betonte, dass nicht unterschätzt werden dürfe, dass der „christliche Nationalismus“ der Republikaner sich besonders in Abgrenzung zum Islamismus definiert. Die Experten auf dem Podium waren sich einig, dass es bei den Republikanern weniger darum gehe, dem Wähler Mitt Romney zu „verkaufen“, sondern eher darum, eine zweite Amtszeit Barack Obamas zu verhindern. Dies geschieht, so Postel, indem man ein Angstbild von Obama erzeugt: Ein geradezu bedrohlicher Präsident, ein „verkappter Moslem“, ein, „farbiger Immigrant“, der nicht in den USA aufgewachsen ist, zum Teil von Muslimen abstammt und angeblich heimlich Friedenspolitik mit den islamistischen Erzfeinden betreibt.

Obwohl in der Debatte die Beziehung zwischen Religion und Wahlkampf klar im Vordergrund stand, machten die Diskutanten klar, dass Faktoren wie ethnische Zugehörigkeit und Geschlecht eine ebenso ausschlaggebende Rolle bei der Entscheidung für Obama oder Romney darstellten. Professor Postel erläuterte darüber hinaus den direkten Zusammenhang zwischen Religion und Generationszugehörigkeit. Je jünger die Wähler sind, desto weniger religiös aktiv, argumentierte Professor Postel. Zudem verlassen viele jüngere Menschen aufgrund ihrer Politisierung ihre Kirchen und sind zunehmend liberaler eingestellt. Die Debatte machte außerdem deutlich, dass ethnische Minderheiten tendenziell für die Demokraten stimmen.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die religiöse Überzeugung der Kandidaten für die Öffentlichkeit von Interesse ist. Amerikanische Präsidentschaftskandidaten werden von den Medien regelrecht auf ihren Glauben hin „getestet“. John Kerrys Nominierung 2008 scheiterte beispielsweise daran, dass er als Katholik nicht glaubwürdig war, weil er das Recht von Frauen auf Abtreibung befürwortete. Bryce Taylor zeigte sich überzeugt, dass es mittelfristig nicht dazu kommen werde, dass ein Atheist Präsident werde – dazu sei die Bedeutsamkeit der Religion in der öffentlichen Meinung zu hoch angesiedelt.

Trotz der enormen religiösen Aufladung des Wahlkampfes, so stellten die Diskutanten einhellig und nüchtern fest, gehe es in dieser Wahl aufgrund der aktuellen Lage inhaltlich vorrangig um wirtschaftliche Themen und die Kandidaten müssten sich eher zu ihren Steuererklärungen bekennen als zu irgendeiner Kirche.

Im Anschluss an die Podiumsdiskussion standen die Experten dem Publikum für Fragen zur Verfügung. Die Beiträge der Zuhörer führten zu einer lebhaften Debatte über das Werte- und Moralverständnis und die Religion in den USA.

Karsten Senkbeil: "Ideology in American Sports: A Corpus-Assisted Discourse Study" (HCA Book Launch)

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3. Juli 2012

Für den letzten Book Launch des Sommersemesters begrüßte das Publikum im Atrium des HCA Karsten Senkbeil, der seine Studie Ideology in American Sports: A Corpus-Assisted Discourse Study vorstellte. Karsten Senkbeil war einer der ersten Absolventen des Ph.D. Programms des HCA. Sein Buch analysiert den kulturellen Einfluss des Sports auf die amerikanische Identität.

Er begann seine Präsentation mit der Aussage dass „Sport und Wissenschaft Brüder sind – beide lehren uns etwas.“ Karsten Senkbeil betonte, dass American Football und Basketball an amerikanischen Colleges erfunden wurden, was das starke Band zwischen Sport und Wissenschaft illustriert, das es auch heute noch gibt. Er erklärte zudem die Rolle des Sports in den postindustriellen westlichen Gesellschaften; sie bieten eine „sichere Langeweile“ und die Bühne für emotionale Spektakel, epische Geschichten von Erfolg und Niederlage und über das „Gute“ und das „Böse“.

Er verdeutlichte diese Rolle am Beispiel des American Football, speziell an einer Eigenschaft, die er ein Kapitel seines Buches gewidmet hat: Gewalt und körperliche Grobheiten. Wissenschaftler gehen oft davon aus, dass American Football ein hoch rationalisiertes Kriegsspiel ist, mit dem Ziel, Territorium gut zu machen. Der Sport ist hoch technologisiert und daher eher ein industrialisiertes und kein gewaltsames Spiel. Karsten Senkbeil allerdings widersprach dieser Annahme. Er erklärte, dass Sportanthropologen ein Kontinuum von fünf verschiedenen Arten von Gewalt entwickelt haben: An einem Ende des Spektrums steht die kühle, rational gebrauchte Gewalt, wie zum Beispiel in der puren Form der Staatsgewalt. Diese Art von Gewalt wird normalerweise als notwendiges Übel für das große Ganze verstanden und mit „humaner Kriegsführung“ assoziiert. Am anderen Ende steht die affektive, emotional aufgeladene Gewalt, die „zum Spaß“ ausgeübt wird, so im American Football. Diese „Gewalt zum Spaß“ findet sich auch im „gewaltsamen Voyeurismus“, beispielsweise beim Anschauen von Filmen. Wenn Gewalt beim Football affektiv und „zum Spaß“ ist, kann man den Sport kaum als moderne Form der Kriegsführung bezeichnen.

Was aber ist er dann? Zur Beantwortung dieser Frage griff Karsten Senkbeil auf die Geschichte der amerikanischen Frontier und den „Prozess der Zivilisation“ nach Norbert Elias zurück, der Gewalt oder den Ausdruck starker Emotionen in der Öffentlichkeit unterband. Im einundzwanzigsten Jahrhundert gibt es keine Frontier mehr; der Sport hat ihren Platz eingenommen. Dort greifen einige Regeln der Zivilisation nicht und gewisse Formen der Gewalt sind zulässig. Die Spieler werden zu modernen Waldläufern, die über die Frontier hinaus in die Wildnis vordringen. In diesem Sinne repräsentiert der Sport eine Insel der Ent-Zivilisation.

Im Anschluss an die Präsentation beantwortete Dr. Senkbeil die Fragen seiner aufmerksamen Zuhörer und ließ sich auf eine lebhafte Diskussion über Gewalt und Hooliganismus ein.

Hans Vaget: "Der Gesegnete: Thomas Manns FDR" (HCA Book Launch)

Book Launch Vaget

12. Juni 2012

Am 12. Juni konnte das HCA Hans Vaget, den Helen & Laura Shedd Professor Emeritus of German Studies am Smith College zu einem weiteren Book Launch willkommen heißen. Professor Dieter Borchmeyer führte seinen amerikanischen Kollegen ein und nannte sein Buch ein “großes Epos”, das die Eigenschaften eines großen wissenschaftlichen Werkes mit einem geradezu dramatischen Narrativ verbindet.

Professor Vaget teilte darauf einige der Einsichten aus seinem hochgelobten Buch Thomas Mann, der Amerikaner. Sein Vortrag „Der Gesegnete: Thomas Manns FDR” drehte sich um Manns Perzeption des amerikanischen Präsidenten. Beide sind sich mehrere Male persönlich begegnet. Mann verehrte FDR und sah ihn als „gesegnet“ an. Gelegentlich äußerte sich Mann wohl auch kritisch, machte solche Kommentare aber nie öffentlich, um FDRs Anziehungskraft nicht zu schmälern. Mann sah in Roosevelt einen außerordentlichen Politiker und verehrte ihn so wie er Napoleon oder Bismarck verehrte. Die beiden trafen drei Mal zusammen. Bei der zweiten Gelegenheit zeigte Mann sich schockiert über Roosevelts Gesundheitszustand. Dennoch bewunderte Mann FDR als politisches Genie und stellte fest, dass seine körperlichen Behinderungen sein kraftvolles Handeln nicht behinderten.

Mann bewunderte Roosevelt nach eigenem Bekunden aus drei Gründen: Er war davon fasziniert, dass Roosevelt Politik als Verpflichtung empfand; FDR symbolisierte Freiheit und Fortschritt; und Roosevelts Charisma zog Mann in seinen Bann. Als Roosevelt, für Mann überraschend, kurz vor dem Sieg der Alliierten 1945 starb, war Mann so erschüttert, dass er die Arbeit an Dr. Faustus unterbrach. Mann sah FDR als „helles Licht im Kampf gegen den Faschismus“ und als einen Künstler unter den Politikern. Für Thomas Mann war Hitler der Feind der Menschheit und Roosevelt sein natürlicher und selbsternannter Gegner.

Auf die Buchpräsentation folgte eine lebhafte und kenntnisreiche Debatte. 

Manfred Berg and Simon Wendt: "Globalizing Lynching History: Vigilantism and Extralegal Punishment from an International Perspective" (HCA Book Launch)

31. Mai 2012

Im Sommersemester 2012 setzte das HCA ein Format fort aus dem Jahr davor fort. Studierende, Lehrende und die Heidelberger Öffentlichkeit waren erneut eingeladen, um Publikationen von HCA-Mitarbeitern aus der Taufe zu heben. Den diesjährigen Auftakt machten Professor Dr. Manfred Berg, Curt Engelhorn Professor für Amerikanische Geschichte an der Universität Heidelberg, und Jun.-Prof. Dr. Simon Wendt von der Goethe University Frankfurt. Sie stellten ihr Buch Globalizing Lynching History: Vigilantism and Extralegal Punishment from an International Perspective vor. Der Band fasst die Ergebnisse einer Konferenz zusammen, die zwei Jahre zuvor am HCA stattgefunden hatte. Dort waren fünfundzwanzig Wissenschaftler aus zehn Ländern zusammengekommen, um Formen extralegaler Gewalt in internationaler Perspektive zu diskutieren. Der vorliegende Konferenzband enthält dreizehn Essays zur Lynch- und Selbstjustiz weltweit. Professor Berg und Professor Wendt haben beide ausführlich zum Phänomen des Lynchens in den USA geforscht.

In seiner Einführung erklärte Professor Berg, dass es das Ziel der Konferenz gewesen sei, die amerikanische Lyncherfahrung in eine neue Perspektive zu setzen. Dazu habe man zunächst eine vergleichende Perspektive gewählt und vorsichtig nach Verallgemeinerungen gesucht, die man aus individuellen Fallstudien ableiten konnte. Die Autoren des Bandes wandten sich dem Phänomen außerdem länderübergreifend zu und untersuchten die Terminologie. Das Wort „lynching“ kommt ursprünglich aus dem amerikanischen Englisch, wurde aber schnell im Deutschen, Spanischen, Französischen und Italienischen adoptiert, vor allem, weil Angehörige dieser Staaten gelyncht wurden. Insbesondere in den USA gibt es eine Geschichte des Lynchens von Ausländern, hauptsächlich Chinesen, Mexikaner und Italiener. Lynchen wurde außerdem oft als „notwendig“ angesehen, um die „Kriminalität“ von Schwarzen unter Kontrolle zu halten, insbesondere mutmaßliche Vergewaltigungen weißer Frauen durch schwarze Männer.

Lynchen wird oft als ein spezifisch amerikanisches Phänomen gesehen, das eng mit dem Rassismus verbunden ist. Der vorliegende Band möchte zeigen, dass diese Vorstellung eines negativen amerikanischen Exzeptionalismus zu eng ist und dem Phänomen als Ganzem nicht gerecht wird. So haben beispielsweise Ethnologen Fälle von Selbstjustiz in Südamerika und Afrika untersucht. Die Professoren Berg und Wendt betonten, dass es keineswegs ihr Ziel sei, die Bedeutung des Rassismus und das Leiden schwarzer Männer in den USA zu relativieren. Vielmehr wollen sie zeigen, dass Formen kollektiver Gewalt weltweit verbreitet sind und waren. Professor Berg definiert Lynchen als eine extralegale Strafe, die von einer Volksmenge verhängt wird, die dies wiederum als Ausdruck des Willens ihrer Gemeinschaft sieht. Sie glauben, das Recht zur Selbstjustiz in Anspruch nehmen zu können, wenn die staatliche Justiz ihre Aufgabe nicht erfüllt. Die Menge nimmt das Gesetz in die eigenen Hände und übt eine „vom Volke ausgehende“ Justiz aus.

Es gibt unterschiedliche Theorien, warum Selbstjustiz ausgeübt wird: Die Frontiertheorie besagt, dass eine Gemeinschaftsjustiz dort als erster Schritt zu Recht und Gesetz gesehen wird, wo es noch kein staatliches Gewaltmonopol gibt, zum Beispiel im „Wilden Westen“. In schwachen oder gescheiterten Staaten, so eine zweite Hypothese, wird Lynchen zur Selbstverteidigung der Schutzlosen. Das Buch und die Konferenz haben gezeigt, dass es keinen negativen amerikanischen Exzeptionalismus des Lynchens gibt. Es gibt allerdings spezifische Komponenten des Lynchens in den USA: Als Instrument des Rassismus war Lynchen auf die USA beschränkt, auch in Siedlergemeinschaften wie Australien oder Südafrika trat es so nicht auf. Ebenfalls nur in den USA gab eine positive Konnotation von Gemeinschaftsjustiz und ausgeprägten Traditionen von Volkssouveränität und Graswurzeldemokratie sowie ein nur schwaches Konzept eines staatlichen Monopols legitimierter Gewalt. Dazu kommt eine hohe Toleranz für legitime Selbstverteidigung.

Auf die Buchvorstellung folgte eine lebhafte Debatte, in der es auch um den historischen Zusammenhang zwischen der Lynchjustiz und der Todesstrafe ging.

Bonnie Anderson: "Ernestine Rose as International Citizen"

Anderson29. Mai 2012

Am Donnerstag, den 29. Mai, hielt Bonnie Anderson im Rahmen der Baden-Württemberg Seminare am HCA einen Vortrag zum Thema “Ernestine Rose als Weltbürgerin”. Bonnie Anderson ist Professor Emerita am Brooklyn College and am Graduate Center der City University of New York. Gemeinsam mit Judith Zissner verfasste sie die beiden Werke A History of Their Own: Women in Europe from Prehistory to Present (1988) und Women in Early Modern and Modern Europe. Im Jahr 2000 publizierte sie außerdem Joyous Greetings: The First International Women’s Movement, 1830-1860. Momentan arbeitet sie an einer Biographie von Ernestine Rose.

In ihrem Vortrag am HCA stellte Professor Anderson Ernestine Rose als Freidenkerin, Feministin und Schlüsselfigur der amerikanischen Frauenrechtsbewegung im neunzehnten Jahrhundert vor. Die 1810 in Polen als Tochter eines Rabbis und seiner Frau geborene Rose war seit Kindertagen eine Rebellin. Sie lehnte sich gegen die strenge religiöse Erziehung ihres Vaters auf und brach im Alter von zwölf Jahren mit dem Judentum. Ihre Mutter starb drei Jahre später und hinterließ ihr etwas Geld. Ihr Vater verlobte Rose gegen ihren Willen mit einem Fremden. Der Heiratsvertrag legte fest, dass Rose im Falle ihrer Nichteheschließung ihre gesamte Erbschaft an ihren Verlobten abzutreten habe. Rose verklagte ihren Vater an, vertrat ihre Interessen selbst vor Gericht – und gewann. Sie verließ das Haus ihres Vaters und zog nach Berlin.

Professor Anderson beschrieb Ernestine Rose als „wahre internationale Bürgerin“: Sie unternahm ausgedehnte Reisen durch Europa, lebte in Berlin und zog nach England, wo sie heiratete. Später siedelten sie und ihr Mann in die Vereinigten Staaten über, wo Rose sich für die Frauenrechtsbewegung engagierte. Ihr missfielen die Versuche ihrer Zeitgenossen, sie in bestimmte Schubladen einordnen zu wollen. Sie wollte weder durch ihr Herkunftsland noch durch ihre religiöse Zugehörigkeit definiert werden. In Rose Augen war es vor Allem die Menschlichkeit, die Leute verband - auf jeden Fall mehr als die Nationalität dies vermochte. In England trat Ernestine Rose der sozialen Bewegung der Oweniten bei. Die Oweniten nahmen auch Frauen in ihre Bewegung auf, erlaubten ihnen, öffentlich zu sprechen – eine Seltenheit zu dieser Zeit – und standen für Integration und Internationalität, beides Ideale, mit denen Ernestine Rose sich sehr identifizierte. Laut Professor Anderson sprechen einige Instanzen in Roses Leben dafür, dass sie es genoss, eine Außenseiterin und ein Sonderling zu sein.

Während Ernestine Rose vor Allem für ihr Engagement für die Frauenrechte und ihre fesselnden öffentlichen Reden bekannt ist, war es besonders ihre Arbeit in der Freidenkerbewegung, die sie von ihrer zeitgenössischen Gesellschaft unterschied. Ein Freidenker zu sein bedeutete, sich zum Atheismus zu bekennen, was als Blasphemie angesehen wurde und illegal war. Es schockierte die Gesellschaft besonders, wenn eine Frau sich öffentlich als Atheistin darstellte. Rose hielt öffentliche Reden für die Freidenkerbewegung und bildete viele internationale Freundschaften. Leider entfremdete sie sich unabsichtlich von einigen Mitstreiterinnen aus der Frauenbewegung, die kein Verständnis für ihr Engagement bei den Freidenkern aufbringen konnten.

Professor Andersons Theorie zu der Frage, warum Ernestine Rose trotz ihres großen Einflusses auf die Frauenrechtsbewegung heute fast vergessen ist, ist Folgende: Zum einen verließ Rose die USA – und damit den Fokus der amerikanischen Frauenhistoriker. Außerdem war sie eine Freidenkerin, was zu dieser Zeit als inakzeptabel galt und für ihre „Verbannung“ aus der zeitgenössischen Aufmerksamkeit sorgte.

Nach ihrem Vortrag beantwortete Professor Anderson Fragen aus dem Publikum, das eine lebhafte Debatte über die Frauenrechtsbewegung im Allgemeinen und Ernestine Roses Rolle im Besonderen anregte. 

Karen Offen: "The French Connection: Building a Transatlantic Women’s Network, 1888-1893"

Offen

15. Mai 2012

Das HCA setzte am 15. Mai sein Baden-Württemberg Seminar mit einem Vortrag von Karen Offen fort, die als Historikerin am Michelle R. Clayman Institute for Gender Research der Stanford University arbeitet. Ihre Spezialgebiete sind europäische, insbesondere französische Geschichte und die Geschichte des Feminismus.

Dr. Offens Vortrag beleuchtete das Leben zweier Frauen und ihre internationalen Kampagnen für Frauenrechte: die Amerikanerinnen May Wright Sewall und Bertha Honoré Palmer. Beide waren aktiv im Internationalen Frauenbund (ICW), der ersten internationalen Frauenorganisation. Der Internationale Frauenbund hatte es sich zum Ziel gesetzt, ein internationales Forum für Frauen zu schaffen, das Frauen- aber auch Menschenrechte diskutierte. 1888 trafen sich Repräsentantinnen von mehr als 50 Frauenorganisationen aus 9 Ländern in Washington, D.C. Sowohl  May Wright Sewall als auch Bertha Honoré Palmer hatten bereits enge Verbindungen zu französischen Feministinnen, da beide eine Weile in dem Land gelebt hatten. Sie nahmen sich vor, die Weltausstellung 1893 in Chicago zu nutzen, um den Kampf für die Frauenrechte voranzutreiben. Sewell und Palmer wollten unbedingt französische Frauen in dieses Unterfangen einbinden, da sie sich dieser Nation schwesterlich verbunden fühlten.

May Wright Sewall, die immer für das Frauenwahlrecht gekämpft hatte, wurde 1899 die Präsidentin des ICW. Sie war eine Visionärin, die die Idee vertrat, dass jedes Land einen nationalen Frauenbund gründen sollte, der Repräsentantinnen zu internationalen Konferenzen entsandte. Sie arbeitete Zeit ihres Lebens für internationale Zusammenarbeit von Frauen. Ein wichtiges Instrument dafür waren die Publikationen des ICW, die tausendfach auf Englisch und Französisch erschienen. Noch heute hat der ICW eine beratende Funktion bei den Vereinten Nationen, die höchste Akkreditierungsform für eine Nichtregierungsorganisation.

Neil Sheehan: "A Unique Gift to Truth and Freedom: The First Amendment to the Constitution of the United States"

Sheehan10. Mai 2012

Am 10. Mai 2012 hielt Neil Sheehan im Rahmen des Baden-Württemberg Seminars einen Vortrag über die Bedeutung des ersten Verfassungszusatzes für die amerikansichen Medien. Der Jounnalist und Autor ist zweifacher Pulitzer Preisträge. Während des Vietnamkrieges berichtete er aus dem Kriegsgebiet und zog somit das Interesse der New York Times auf sich. Dort publizierte er vertrauliches Material, das ihm zugespielt worden war. Bei diesen geheimen Unterlagen, die Sheehan 1971 als die „Pentagon Papers“ veröffentlichte, handelte es sich um Papiere, die die Rolle der USA in Südasien ab 1945 dokumentierten. Die New York Times publizierte die „Pentagon Papers“, einschließlich einiger Teile der Geheimdokumente. Als Reaktion auf den Versuch der Nixon-Administration, eine gerichtlichen Unterlassungsbefehl gegen die Veröffentlichung zu erwirken, erklärte des Oberste Gericht die Veröffentlichung für legal. Das Argument des Gerichtes bezüglich dieser Entscheidung war, dass der Inhalt der „Pentagon Papers“ von öffentlichem Interesse sei. Sheehans Veröffentlichungen, die somit unter dem Schutz des First Amendments standen, wurden mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet.

Das First Amendment sichert unter anderem die Meinungs- und Pressefreiheit in den USA. In seinem Vortrag betonte Neil Sheehan, dass das First Amendment die amerikanischen Reporter zu den „freiesten Journalisten im freiesten Land“ mache und daher eine wichtige Aufgabe und eine große Verantwortung mit sich bringe. Es sei die Pflicht eines Journalisten, wichtige Wahrheiten ans Licht zu bringen. Neil Sheehan berichtete auf eine bewegte und bewegende Weise von den Ereignissen, die zur Publikation der „Pentagon Papers“ geführt hatten. Er erzählte von der festen Entschlossenheit seines Redakteurs, A.M. Rosenthal, der gewillt war, für die Veröffentlichung der Dokumente seine Karriere zu riskieren. Rosenthal war der Überzeugung, das Richtige zu tun, weil er glaubte, die amerikanische Öffentlichkeit habe das Recht, informiert zu werden. Neil Sheehan zitierte seinen Redakteur mit den Worten: „ Diese Dokumente gehören dem amerikanischen Volk. Sie haben dafür mit dem Blut ihrer Söhne bezahlt.“

Neil Sheehan äußerte sich kritisch über die Entwicklung der amerikanischen Medienlandschaft unter George W. Bush. Er beschuldigte die Medien, ihre Pflicht gegenüber der Bevölkerung vernachlässigt zu haben. Sheehan betonte, die Aufgabe eines Journalisten sei nicht, der Regierung bei ihrer Selbstdarstellung zu unterstützen, sondern die Öffentlichkeit zu informieren. Er rief die heutigen Journalisten dazu auf, sich dieser Pflicht wieder bewusst zu werden. „Nehmen Sie nichts als gegeben hin! Sie müssen fragen, fragen, fragen! Graben Sie tiefer!“

In der lebhaften Diskussion, die Neil Sheehan im Anschluss an seinen Vortrag mit seinem beeindruckten Publikum führte, hob er seine Überzeugung hervor, dass das Veröffentlichen von geheimen Informationen der Öffentlichkeit diene – vorausgesetzt dass die Quellen geschützt würden und dass die Publikation des Materials keine Menschenleben gefährde. Im Hinblick auf diese Bedingungen kritisierte Neil Sheehan Wiki Leaks als „schrecklich verantwortungslos“, da in diesem Fall die Quellen veröffentlicht worden waren. Viele Gäste setzten diese Diskussion bei einem Empfang im Garten des HCA fort.

 William Chafe: "The Politics of the Personal"

Chafe.jpg3. Mai 2012

Am 3. Mai wurde die Vortragsreihe “Baden-Württemberg Seminar” mit einem Beitrag von Professor William Chafe, dem Alice Mary Baldwin Professor für Geschichte an der Duke University, fortgeführt. Professor Chafe ist ein angesehener Forscher im Bereich der Geschlechtergeschichte. Er ist der ehemalige Präsident der Organization of American Historians, Empfänger zahlreicher Forschungsstipendien sowie Gründer und ehemaliger Direktor des Duke UNC Center for Research on Women. Professor Chafe hat zwölf Bücher veröffentlicht; sein neuestes Werk mit dem Titel Bill and Hillary, the Politics of the Personal wird im September erhältlich sein.

In seinem Vortrag am HCA fragte Professor Chafe danach, ob die Persönlichkeit politischer Führungspersonen einen Einfluss auf ihre Politik habe. Professor Chafe stellte drei Fallbeispiele vor: John F. Kennedy, Richard Nixon und Bill und Hillary Clinton. Anhand des Werdegangs dieser Politiker kam er zu einer eindeutigen Schlussfolgerung: Ja, die persönlichen Umstände und der Charakter einer Führungsperson spielen tatsächlich eine große Rolle für die Politik.

Im Fall von John F. Kennedy argumentierte Professor Chafe, Kennedys persönliche Erfahrungen im US Militär im Zweiten Weltkrieg hätten ihn als Person geprägt, aber auch einen Einfluss auf Kennedys Handhabung der Kubakrise gehabt. Laut Professor Chafe sorgten Kennedys eigene Abneigung gegen unnötiges Blutvergießen, aber auch sein Misstrauen dem US Militär gegenüber, das er nach seinem Dienst hegte, dafür, dass der Präsident dem militärischen Rat, Kuba anzugreifen nicht folgte. Daher hatten Kennedys persönliche Erfahrungen und die daraus resultierenden Überzeugungen einen einen geradezu dramatischen Einfluss auf den Ausgang der Kubakrise. Professor Chafe stellte als Nächstes Richard Nixon vor und betonte, dass Nixons misstrauische Natur und sein starker Ehrgeiz, kombiniert mit einer persönlichen Unsicherheit, seine Präsidentschaft geprägt hätten und von großer Bedeutung für seine Politik gewesen seien.

Doch das überzeugendste Beispiel für seine These waren Bill und Hillary Clinton. Zunächst zeichnete Professor Chafe die Karrieren der Eheleute Clinton nach sowie die Geschichte ihrer Liebe und Ehe. Professor Chafe verdeutlichte seinem interessierten Publikum, wie sehr sich das Privatleben und die Politik der Clintons überschnitten. Er beschrieb mehrere Instanzen, in denen Hillary die politische Karriere ihres Mannes rettete – und ihre eigene auf diese Art aufbaute – indem sie ihm trotz  seiner zahlreichen mutmaßlichen Affären öffentlich beistand und so die Stärke ihrer Ehe demonstrierte. Hillary Clinton war in der Politik ihres Mannes eine gleichgestellte Partnerin und hielt während seiner  Präsidentschaft immer äußerst wichtige Positionen inne. Professor Chafe stellte die Behauptung auf, dass die persönliche Chemie zwischen Hillary und Bill Clinton jede einzelne Entscheidung, die im Weißen Haus während Clintons Amtszeit getroffen wurde, stark geprägt habe. Also, schloss der Vortragende, sei  das Persönliche in der Tat politisch.

Nach dem Vortrag beantwortete Professor Chafe ausführlich die zahlreichen Fragen seines faszinierten Publikums.

Philip Kitcher: "Rethinking Social Values: The Enduring Significance of John Dewey"

Kitcher Web

19. April 2012

Das HCA setzte sein Baden-Württemberg Seminar am 19. April mit einem Vortrag von Philip Kitcher fort. Professor Kitcher ist John Dewey Professor an der Columbia University und auf die Philosophie der Naturwissenschaften, Bioethik und Pragmatismus spezialisiert. Sein Vortrag drehte sich um die beiden amerikanischen Philosophen und Psychologen John Dewey und William James, deren Ideen für den Pragmatismus als bahnbrechend gelten. Professor Kitcher definierte Pragmatismus als das Verlangen, die Welt zu erforschen und so viel Informationen wie möglich zu sammeln, um in der Zeit, die uns bleibt, das gesellschaftliche Ganze ein Stück zu vervollkommnen. Dazu müssen alle Wissenschaften zusammenarbeiten; gleichzeitig muss eine möglichst sinnvolle Arbeitsteilung erfolgen.

Professor Kitcher wies darauf hin, dass William James eher an der Bedeutsamkeit philosophischer Fragen interessiert war, weniger an ihrer Bedeutung. Für John Dewey dagegen war es wichtig, die Verbindung von philosophischen und gesellschaftlichen Fragen herzustellen. Philosophie sollte die Wirklichkeit beeinflussen und gesellschaftliche Diskussionen beflügeln. Sie sollte Vorschläge unterbreiten, die dem Gemeinwohl dienen und zur Lösung aktueller Probleme beitragen.

Als Beispiel führte Professor Kitcher die Debatte über den Klimawandel an: So gelingt es demokratischen Systemen nur unvollständig, naturwissenschaftliche Erkenntnisse in die Debatte einzubetten. Politik und Gesellschaft machen sie sich nicht zu Nutzen. Außerdem würden wirtschaftliche Interessen die Fragestellungen bestimmen. Professor Kitcher wies darauf hin, dass der politische Prozess die Naturwissenschaften nicht nur mehr oder weniger ignoriere, sondern dass diese auch unter Druck sind, weil ökonomische Interessen nicht zuletzt das Bildungssystem beeinflussen.

In der anschließenden Diskussion betonte er, dass Philosophie ihre Bedeutung in der amerikanischen Gesellschaft verloren habe. Es gebe jedoch eine neue kleine Bewegung, die Deweys Kernthemen wieder diskutiere; dies würde jedoch bei Weitem nicht ausreichen.

Lisa McGirr: "Evangelicals and U.S. Politics in the Twentieth-Century"

17. April 2012Mcgirr

Am 17. April 2012 eröffnete das Sommersemester des Baden-Württemberg Seminars des HCA  mit einem Vortrag von Lisa McGirr zum Thema „Evangelicals and U.S. Politics in the Twentieth-Century“. Lisa McGirr ist Professorin für Geschichte an der Harvard University mit Schwerpunkt auf der amerikanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Autorin des mit dem New England Historical Book Award ausgezeichneten Werkes Suburban Warriors: The Origins of  the New American Right stellte ihrem großen und interessierten Publikum ein historisches Thema vor, das gerade in Bezug auf die anstehenden Präsidentschaftswahlen in den USA brandaktuell ist: Die Verflechtung zwischen Evangelikalen und der amerikanischen Politik. Professor McGirr machte deutlich, dass es sich bei den Evangelikalen in den Vereinigten Staaten um eine sehr heterogene Gruppe von Protestanten handelt, die die Bibel wörtlich nehmen.

Die Historikerin erklärte, dass es die heute existierende Verbindung zwischen dieser religiösen Gruppe und der US-Politik so vor dem 20. Jahrhundert nicht gegeben habe und sieht ihre Ursprünge in der Prohibition der zwanziger Jahre. Diese ging auf das starke politische Engagement der evangelikalen Abstinenzbewegung zurück, die als Graswurzelbewegung versuchte, ihr Ziel der Errettung des Seelenheils durch Abstinenz mit politischen Mitteln durchzusetzen. Die Umsetzung des  18. Verfassungszusatzes resultierte allerdings vielerorts in Gewalt und Rechtlosigkeit, was dazu führte, dass moderate Protestanten sich  von der Prohibition distanzierten. Seitdem haben Evangelikale als „moralische Instanz“ Einfluss auf die amerikanische Politik. Heute manifestiert sich das evangelikale Moralverständnis besonders in der Partei der Republikaner. Obwohl laut Professor McGirr Phänomene wie die Tea Party Bewegung nicht allein durch den Einfluss der Evangelikalen erklärt werden können, wären sie ohne eine breite Basis an fundamentalistischen Christen nicht möglich.

Professor McGirr rief am Ende ihres Vortrags dazu auf, sich der Rolle der Religion und Weltanschauung in der Politik bewusster zu werden. Im Anschluss an ihren Vortrag beteiligte sich das Publikum rege an einer Debatte über die Implikationen der Verbindung zwischen Evangelikalen und der US-Politik.

 

Ausstellung: "Cold War Politics: Melvin J. Lasky – New York, Berlin, London"

Lasky Flyer Web

22. März bis 26. April 2012

Zum zweiten Mal dienten der Eingangsflur und das Atrium des HCA als Ausstellungsraum. Vom 22. März bis zum 26. April beleuchtete eine Ausstellung das Leben von Melvin Lasky, einer herausragenden Persönlichkeit des kulturellen Kalten Krieges. Weinige amerikanische Journalisten waren in Westeuropa so präsent wie er, so belesen, so gut vernetzt. Und wenige waren so umstritten. Geboren 1920 in New York und aufgewachsen in der Bronx als Sohn jüdischer Einwanderer aus Polen, wandelte Lasky sich von einem begeisterten Trotzkisten zum leidenschaftlichen Antikommunisten und „Kulturkrieger“. In seiner Biografie spiegeln sich die großen ideologischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung, kuratiert von Maren Roth und Charlotte Lerg, beide vom Lasky Center for Transatlantic Studies der Universität München, zeichnete Laskys Leben nach, das er selbst als eine „Fabel dreier Großstädte“ bezeichnete: New York – Berlin – London.

Der erste Teil dokumentierte Laskys frühe Jahre in New York, sein Studium am City College, der University of Michigan und der Columbia Universität und seine Arbeit für den New Leader in New York, wo er von 1942 bis 43 als Redakteur arbeitete. Nach seinem Kriegseinsatz als Historiker in der 7. Armee blieb Lasky in Berlin, wo er für den Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone, Lucius D. Clay, arbeitete. Schon bald konnte Lasky mithilfe von Mitteln aus dem Marshallplan die deutschsprachige Zeitschrift Der Monat gründen, die zu einer der einflussreichsten Publikationen der jungen Bundesrepublik wurde. Ihr Zielpublikum waren progressive aber antikommunistische Intellektuelle. Zu den Autoren des Monats zählten unter anderem George Orwell, Hannah Arendt, Thomas Mann, Heinrich Böll, Max Frisch, T. S. Eliot, Saul Bellow und Richard Löwenthal.

Die Ausstellung am HCA zeichnete detailliert die extensiven Netzwerke nach, die Lasky aufbaute und unterhielt. Sie speisten sich zum einen aus seiner Tätigkeit als Herausgeber des Monats, zum anderen aus seiner Funktion als Gründer des Kongresses für kulturelle Freiheit (CCF), der 1950 in Berlin gegründet wurde und teilweise von der CIA finanziert war. Ab 1953 gab Lasky außerdem die Zeitschrift Encounter heraus, in vieler Hinsicht das britische Pendant zum Monat. In den späten Fünfzigern zog er nach London. Nach Ende des Kalten Krieges zog Lasky endgültig nach Berlin zurück, wo er bis zu seinem Tod als hellsichtiger Intellektueller und vielbeschäftigter Netzwerker lebte. Die zahlreichen Besucher dieser Ausstellung über die Politik des Kalten Krieges verließen sie zweifellos mit neuen Einsichten über seine kulturellen Dimensionen.

Michael Herron: "Blacks, Whites, and Hispanics: A Study of Race-based Residual Vote rates in Chicago"

Herron8. Dezember 2011

Warum gibt es bei Wahlen immer wieder Bürger, die zwar ins Wahllokal gehen, aber keine gültige Stimme abgeben? Im letzten Heidelberger Vortrag des Baden-Württemberg Seminars 2011 bot Michael Herron, Professor für Politikwissenschaft am Dartmouth College und an der Hertie School of Governance, seinem Publikum am HCA ein paar Antworten auf diese Frage. Er wies zunächst darauf hin, dass ethnische Zugehörigkeit ein wichtiger Faktor ist und dass weiße Wähler historisch weniger ungültige Stimmen abgeben als Angehörige von Minderheiten. Ein großer Teil der Literatur zu dieser Frage beschäftigt sich allerdings mit Wahlen, die vor der Verabschiedung des Help America Vote Act stattgefunden haben. Deswegen ist es nur folgerichtig, danach zu fragen, ob diese Auffälligkeiten fortbestehen, zumal auch die Technologie der Stimmabgabe vorangeschritten ist.

Eingedenk dieser Fragestellung zeigen Prof. Herrons Studien, dass selbst mit moderner Technik der Stimmabgabe, etwas optischem Scan, merkliche Unterschiede zwischen weißen, schwarzen und hispanischen Wählern hinsichtlich des Prozentsatzes ungültiger Stimmen fortbestehen. Dies trifft auf die Kommunalwahl in Chicago 2011 wie auf die Wahl in Illinois im Jahr zuvor zu. Zudem veränderte sich dieser Prozentsatz, wenn Kandidaten der eigenen ethnischen Zugehörigkeit zur Wahl standen. In Chicago findet sich der höchste Prozentsatz ungültiger Stimmen häufig unter hispanischen Amerikanern, und Prof. Herrons Untersuchungen fanden zahlreiche Fälle, in denen eine Gruppe ethnischer Wähler keine gültige Stimme abgaben, weil der Kandidat nicht ihre ethnische Zugehörigkeit besaß. Prof. Herron schloss daraus, dass der Prozentsatz ungültiger Stimmen immer noch eine ethnische Variable bei amerikanischen Wahlen reflektiert, wenn der Ablauf der Wahlen und die verwendete Technologie konstant bleiben. Außerdem sind die politischen Inhalte höchst relevant für die Zahl der ungültigen Stimmen. Prof. Herron beantwortete zahlreiche Fragen des Publikums, das jetzt gut informiert einem spannenden Wahljahr entgegensieht.

Robin Einhorn: "Same as It Ever Was? American Tax Politics in Perspective"

Einhorn22. November 2011

Robin Einhorn beschloss die Novemberveranstaltungen des Baden-Württemberg Seminars am 22. des Monats. Die Geschichtsprofessorin an der University of California, Berkeley, und Autorin des Buches American Taxation, American Slavery gab dem Publikum einen äußerst lehrreichen Überblick über die Geschichte der Steuern in den USA: „Same as It Ever Was? American Tax Politics in Perspective“. Professor Einhorns Vortrag zeigte auf, warum die amerikanische Ablehnung von und die Angst vor Steuern so tiefgreifendend, breit und kontinuierlich ist. Von der frühen Kolonialzeit bis zum Bürgerkrieg waren es insbesondere die sklavenhaltenden Eliten, die eine starke demokratische Bundesregierung fürchteten.

Professor Einhorn legte dar, dass die hitzigen Debatten über Besteuerung, die Macht, Steuern zu erheben, und die Verteilung von Steuerlasten sich nicht notwendigerweise in einem Diskurs über persönliche Freiheit gründen. Sie entlarvte außerdem die antidemokratischen Ursprünge von Jeffersons Rhetorik über einen schwachen Staat, die sich anhaltender Beliebtheit erfüllt. Das faszinierte Publikum erfuhr zudem vieles über die komplexen und sich ständig verändernden Steuersysteme und ihr Verhältnis zur lokalen und zur Bundespolitik.

Jennifer Culbert: "Reflections on the Death Penalty"

17. November 2011 Hca3045

Das Baden-Württemberg Seminar wurde im November mit einem Vortrag von Jennifer Culbert fortgesetzt. Sie ist Professorin für Politikwissenschaft und Direktorin des Graduiertenprogramms Politikwissenschaft an der Johns Hopkins Universität in Baltimore und Siemens Fellow an der American Academy in Berlin. Die Autorin des vielgelobten Buches Dead Certainty: The Death Penalty and the Problem of Judgment nahm ihr zahlreich erschienenes Publikum mit auf eine philosophische Tour de Force, welche die unterschiedlichen Argumente erläuterte, mit denen der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten seine Entscheidungen über Leben und Tod gerechtfertigt hat; als philosophisches Gerüst diente ihr dabei Nietzsches Konzept der „Wahrheit“.

Ausgehend von der Entscheidung Furman v Georgia, die 1972 die Todesstrafe als verfassungswidrig einstufte, interpretierte Prof. Culbert die nachfolgende Geschichte der Todesstrafe in den USA und konzentrierte sich dabei darauf, ob und wie der Gerichtshof seine Urteile basierend auf der „Wahrheit im außermoralischen Sinne“ fällte. Ihre faszinierenden Einsichten beinhalteten die Entscheidung, Aussagen der Opfer zuzulassen genauso wie den Diskurs der „neuen Abolitionisten“ um den Gouverneur Ryan aus Illinois und die Beweisführung mittels DNA. Darüber hinaus diskutierte Prof. Culbert auch einen aktuellen Fall, die hoch umstrittene Hinrichtung von Troy Davis in Georgia im September. Dabei betonte Prof. Culbert, dass ihre Analyse sich nicht für oder gegen die Todesstrafe richtet; vielmehr bot sie ihrem Publikum eine philosophisch überzeugende Schilderung, wie sich das Verfassungsgericht bemüht, die Todesstrafe zu legitimieren. Dieses Bemühen, so Culbert, enthüllt Essentielles über den Charakter der Bestrafung an sich. Wie zu erwarten schloss sich an den Vortrag eine äußerst lebhafte Diskussion an.

Lev Raphael: "Haunted By Germany: Memories of a Jewish-American Author"

15. November 2011Raphael

Für die zweite Heidelberger Veranstaltung im Herbstprogramm des Baden-Württemberg Seminars konnten wir den jüdisch-amerikanischen Autor Lev Raphael am HCA begrüßen. Er gilt als Pionier des Genres der „Zweiten Generation“ in den USA. Aus seinen zahlreichen Publikationen hatte er für seinen Vortrag Episoden aus seinen Memoiren My Germany ausgewählt, das von seinen ersten Reisen durch Deutschland handelt, dem Land, das ihn seit seiner Kindheit verfolgt hat. Nach einer Einführung durch Janet Miller, Konsulin für öffentliche Angelegenheiten des U.S. Konsulats in Frankfurt, entführte Lev Raphael sein Publikum in das New York der Nachkriegszeit, wo er als Kind von Holocaust-Überlebenden aufwuchs.

Seine Eltern, deren Familien aus Litauen und der Tschechoslowakei stammten, hatten sich bei Kriegsende im Hillersleben Displaced Persons Camp bei Magdeburg kennengelernt, nachdem seine Mutter aus der Polte Munitionsfabrik geflohen und sein Vater aus einem der Evakuierungszüge aus Bergen-Belsen befreit worden war. Nachdem sie einige Jahre in Belgien verbracht hatten, waren Lev Raphaels Eltern in die USA emigriert, wo er und sein Bruder aufwuchsen – verfolgt von den Gespenstern der Vergangenheit. Lev Raphael fesselte seine Zuhörer mit Geschichten aus einem Elternhaus, das klassische Musik verehrte aber nie eine Platte der Deutschen Grammophone anschaffte; in dem der Ankauf von Haushaltsgeräten schwierig war, weil sie nicht aus Deutschland stammen durften; und in dem selbst schöne Erinnerungen gefährlich werden konnten, weil sie unweigerlich zu traumatischen Ereignissen führten. Dieser Hass auf alles Deutsche prägte Lev Raphaels jüdische Identität, sein Leben und seine Berufslaufbahn. Seine Geschichte ist aber auch die Geschichte einer Versöhnung, die mit seiner ersten Lesereise in Deutschland begann und ihn schließlich dazu brachte, die Vergangenheit zu konfrontieren und hinter sich zu lassen. Das HCA Publikum hatte nach dem Vortrag nicht nur viele Fragen sondern auch zahlreiche Signierwünsche für My Germany.

Enjoy Jazz am HCA

27. Oktober, 3. November und 10. NovemberEj11 Web

Während des Enjoy Jazz Festivals in der Metropolregion verwandelte sich das Atrium des HCA an drei Donnerstagen zum Kinosaal. In Kooperation mit dem Festival zeigten wir drei Episoden des preisgekrönten Dokumentarfilms Jazz: A History of America’s Music von Ken Burns. Der Soziologe und Musikwissenschaftler Dr. Christian Broecking führte an den drei Filmabenden in die Geschichte des amerikanischen Jazz ein; er unterrichtete außerdem ein Seminar im MAS.

Die erste Folge, „Our Language”, entführte die Zuschauer in die “Goldenen Zwanziger” Jahre, als der Jazz sich in den USA fest etabliert hatte. Sie machten die Bekanntschaft von Bessie Smith, deren Musik den harten Alltag vieler Afroamerikaner leichter machte und mit deren Hilfe afroamerikanische Geschäftsleute begannen, eine schwarze Plattenindustrie aufzubauen; mit Bix Beiderbecke, der, inspiriert von Louis Armstrong, zum ersten weißen Star des Jazz wurde; und mit zwei brillianten Söhnen jüdischer Einwanderer, Benny Goodman und Artie Shaw, denen der Jazz half, dem Ghetto zu entkommen und ihre Träume zu verwirklichen. In New York trat Duke Ellington in Harlems berühmtesten Nachtklub, dem Cotton Club, auf, zu dem nur Weiße Zutritt hatten, und bekam dann die Chance seines Lebens, als das Radio begann, seine Musik im ganzen Land auszustrahlen. In Chicago machte sich derweil Louis Armstrong daran, mit einer Serie von Plattenaufnahmen die Zukunft des Jazz zu entwerfen – Aufnahmen, die in seinem zeitlosen Meisterwerk West End Blues kulminierten.

Die nächste Folge, „Dedicated to Chaos”, begann in Europa, wo Jazzmusiker wie der Sinti Gitarrist Django Reinhardt trotz des Verbots durch die Nazis weiterspielten und die „Swingkids” dem „Dritten Reich“ trotzten. In den USA wurde der Jazz zur Verkörperung der Demokratie; Bandleader wie Glenn Miller und Artie Shaw rückten zum Militär ein und nahmen ihre Musik mit. Für Afroamerikaner aber bestand die Rassentrennung fort, zu Hause und in den Streitkräften. Sie kämpften auf der anderen Seite des Atlantiks für Freiheiten, die ihnen zu Hause verwehrt blieben. So wurde der Savoy Ballroom verriegelt, um schwarze Soldaten daran zu hindern, dort mit weißen Frauen zu tanzen. Aber Jazz Musiker unterstützten die Kriegsanstengungen – so sammelte die Premiere von Duke Ellingtons umfassenden Tonportrait Black, Brown and Beige Spenden für die Kriegsfürsorge. Im Untergrund und nach den Konzerten aber begann der Jazz sich zu verändern. In Minton's Playhouse in Harlem entdeckte eine kleine Band junger Musiker, unter ihnen der virtuose Trompeter Dizzy Gillespie und der brilliante Saxophonist Charlie Parker, eine neue Art von Jazz – schnell, kompliziert, stimulierend und manchmal chaotisch. Wegen des kriegsbedingten Aufnahmeverbotes wurde diese Musik nicht im Radio gespielt, aber kurz nach der Explosion der ersten Atombombe und der Kapitulation Japans gingen Parker und Gillespie ins Studio, um ihre eigene Explosion festzuhalten. Sie hieß Ko Ko, der Sound wurde bald „Bebop” genannt und nichts im Jazz war mehr wie es einmal gewesen war.

Die letzte Folge, „The Adventure”, zeichnete zunächst die gesellschaftlichen Veränderungen in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg nach: Familien zogen in die Vororte und das Fernsehen wurde zur nationalen Freizeitbeschäftigung. In der Jazzszene brannten alte Sterne wie Billie Holiday und Lester Young aus, aber zwei Jazzgrößen waren nach wie vor präsent: 1956, als Elvis die Spitzen der Hitlisten erklomm, wurde Duke Ellingtons Konzert beim Newport Jazz Festival zu seiner am meisten verkauften Platte. Im folgenden Jahr machte Louis Armstrong Schlagzeilen, weil er die Untätigkeit des Staates während der Rassenunruhen in Little Rock, Arkansas, anklagte. Derweil testeten neue Virtuosen die Grenzen des Bebop: der kolossale Saxophonist Sonny Rollins; die Jazzdiva Sarah Vaughan; der Schlagzeuger Art Blakey. Die herausragende Persönlichkeit der Zeit aber war Miles Davis — Davis war ein Katalysator, der ständig wechselnde Bands zusammenstellte, um unterschiedliche Facetten seines heftigen, introspektiven Sounds herauszustellen; ein Popularisator, dessen satte Aufnahmen mit Arrangeur Gil Evans sein Publikum vergrößerten; und eine kulturelle Ikone, dessen Charisma bestimmte, was angesagt war. Mit den turbulenten Sechzigern kamen zwei Saxophonisten, die den Jazz gewagt zu neuen Ufern führten. John Coltrane ließ den Popsong „My Favorite Things” in ein Kaleidoskop freilaufender Klänge explodieren und Ornette Coleman sprengte alle Konventionen mit etwas, das er „Free Jazz“ nannte. Wieder einmal schien Jazz auf neue Abenteuer aus, aber diesmal fragten sich viele, auch viele Jazzmusiker – ist das noch Jazz?

Nach drei Wochen Jazz Dokumentarfilmen am HCA waren viele Zuschauer sicherlich sehr neugierig auf eine Antwort. Wir freuen uns auf eine erneute Kooperation mit Enjoy Jazz im nächsten Jahr!

Enjoy Jazz im MAS
MAS-Studierende des HCA  schreiben über ihre 'Entdeckung' des Jazz

Verleihung des Rolf-Kentner Preises 2011

13. Oktober 2011Kentner2011

Seit Beginn des strukturierten Promotionsprogramms am HCA 2006 haben sich mehr als zwanzig Nachwuchswissenschaftler aus elf Ländern entschieden, ihren Doktortitel an Deutschlands ältester Universität zu erwerben. Am 13. Oktober wurden vier junge Wissenschaftler im gut gefüllten und festlich dekorierten Atrium des HCA neu in das Programm aufgenommen, die Ph.D. Class of 2014: Michael Drescher (Deutschland), Axel Kaiser (Chile), Styles Sass (USA), und Kathleen Schöberl (USA). Prof. Dr. Detlef Junker hieß sie herzlich willkommen und stellte dann die neuen MAS Studierenden – Class of 2013 – vor. Er gratulierte außerdem einem weiteren Doktoranden, Mohamed Motawe aus Ägypten, zum Erwerb des Doktortitels und einer Position an der Kairoer Universität. Prof. Junker schaute dann auf die kurze aber erfolgreiche Geschichte des Programms zurück, das sich von einer kleinen Gruppe hochmotivierter junger Wissenschaftler zu einem gefragten internationalen und interdisziplinären Promotionsstudiengang entwickelt hat.

Die Hauptattraktion des Abends jedoch war die zweite Verleihung des Rolf Kentner Preises. Dieser Preis wurde von einem der aktivsten Unterstützer des HCA, Rolf Kentner, gestiftet, der auch Vorsitzender des Schurman Vereins ist. Der Kentner Preis zeichnet jährlich eine herausragende Dissertation in den Amerikastudien an einer deutschen Universität aus und ging in diesem Jahr an Frank Usbeck von der Universität Leipzig. In seiner Laudatio führte der Dekan der philosophischen Fakultät, Prof. Dr. Manfred Berg, das Publikum in die komplexe und ambivalente Geschichte des deutschen „Indianthusiasm” ein. Für die Propaganda der Nationalsozialisten, so Frank Usbecks These, wurde der „Indianthusiasm“ zur Grundlage eines ertragreichen Diskurses, der unterschiedlichen Zwecken diente und in vielen Kontexten verwendet werden konnte. Frank Usbecks Forschung lässt uns unsere Vorstellungen über das rassistische Gedankenguts der Nazis und über den Rassismus im Allgemeinen überdenken. Sie zeigt, dass „Rasse” keine in Stein gehauene ideologische Doktrin darstellt, sondern vielmehr ein sehr flexibles und anpassungsfähiges Konzept ist. Die Nazi Propaganda beutete rassistische und kulturelle Stereotypen über amerikanische Indianer erfolgreich aus, weil sie eine lange Tradition in der deutschen Populärkultur hatten und deshalb nicht sofort als Propaganda erkannt wurden. Aus demselben Grund lebten diese Stereotypen nach dem Ende des „Dritten Reiches” fort. Prof. Berg betonte, dass die Ideologie und Propaganda der Nationalsozialisten keineswegs eine monolithische Weltanschauung darstellte, die sauber von anderen Ideologien wie Sozialismus, Liberalismus oder Konservatismus getrennt werden kann. Stattdessen bediente sich der Nationalsozialismus, wie Dr. Usbecks Dissertation auf brilliante Art und Weise ausführt, einer ganzen Palette von Ideen, Diskursen und Tropen und adaptierte sie für den Eigengebrauch. Dazu gehörte auch die Vorstellung, dass amerikanische Indianer „verwandte Stämme“ waren.

Frank Usbeck führte diese Thesen dann in seinem Festvortrag “Tribe, Nation, Volksgemeinschaft: German Indianthusiasm and the Construction of National (Socialist) Identity” näher aus. Er präsentierte dem faszinierten Publikum einige seiner Hauptthesen und argumentierte unter anderem, dass die nationalsozialistische Ideologie sich auf indianische Bildersprache berief, um eine spezifische nationale Identität zu konstruieren und zu verfestigen. Danach beschränkten sich die Nationalsozialisten nicht auf historische Parallelen sondern konstruierten biologische und kulturelle Verbindungen zwischen Deutschen und Indianern. Dieser instruktive wie provokative und unterhaltsame Vortrag wurde mit viel Applaus und einer regen Diskussion belohnt. Der Preisträger, der Stifter und das Publikum konnten dann ihre Unterhaltung bei einem Empfang in der Bel Etage fortsetzen.

Aldon Morris: "W.E.B. Du Bois and the Founding of American Sociology: The German Connection"

Morris11. Oktober 2011

Das zehnte Semester des Baden-Württemberg Seminars eröffnete mit einem fulminanten Vortrag, der die engen Verbindungen eines Begründers der amerikanischen Soziologie zu einem der berühmtesten Heidelberger aufzeigte. Aldon Morris, Leon Forrest Professor of Sociology an der Northwestern University, sprach über die Rolle, die W.E.B. Du Bois bei der Ausbildung der  amerikanischen Soziologie spielte, sowie über die wichtigen Einflüsse, die Du Bois Deutschlandaufenthalt auf seine Weltsicht und seine sozialwissenschaftlichen Ansätze hatte. Durch diese deutschen Einflüsse wurde Du Bois zu einer zentralen, ja geradezu historischen, Figur für die Entwicklung der wissenschaftlichen Soziologie in den USA. In seinem Vortrag machte Prof. Morris drei Hauptargumente geltend: Erstens beeinflussten Du Bois’ Aufenthalte in Berlin und Heidelberg in den 1890er Jahren seine Haltung zur Rassenfrage in den USA zutiefst; zweitens versahen ihn seine Studienaufenthalte mit dem Rüstzeug, das er für den Auf- und Ausbau einer eigenständigen amerikanischen Schule der Soziologie benötigte. Drittens formte Max Weber, zu der Zeit bereits ein renommierter Wissenschaftler, Du Bois‘ Intellekt zutiefst. Dieser wiederum beeinflusste Webers Forschung sowie seine politische Einstellung zu Fragen der gesellschaftlichen Gleichberechtigung.

Prof. Morris führte darüber hinaus aus, wie sich Weber über den Atlantik hinweg Du Bois‘ Forschungsergebnisse zu eigen machte und ihn als herausragenden Wissenschaftler anerkannte. Du Bois‘ Forschung auf und bereicherte Webers Arbeit signifikant und Du Bois‘ politische Ansichten halfen Weber, seine provinziellen Vorbehalte gegenüber anderen Ethnien abzulegen und sich pluralistische und echte demokratische Vorstellungen anzueignen. Prof. Morris‘ Vortrag zeigte die enge wechselseitige Beziehung zwischen Du Bois Pionierrolle in der amerikanischen Soziologie und der deutschen Welt der Sozialwissenschaft um die Jahrhundertwende auf, die sich gegenseitig verstärkten. Prof. Morris Thesen führten dann zu einer angeregten Diskussion mit einigen Weber-Kennern im Publikum.

Susan Strasser: "Woolworth to Wal-Mart: Mass Merchandise and the Changing American Culture of Consumption"

7. Juli 2011Bws Strasser-8

Den Schlusspunkt des neunten Semesters des Baden-Württemberg Seminars setzte am 7. Juli Susan Strasser, Richards Professor of American History an der University of Delaware. Prof. Strasser, eine ausgewiesene Expertin der amerikanischen Konsumgeschichte, zeichnete die Entwicklung von Marketingstrategien und Einkaufsgewohnheiten von den Tante Emma Läden des 19. Jahrhunderts bis zu den heutigen Discountketten nach. Ihr Vortrag begann mit einem Blick auf die Ursprünge des Massenmarketing. Mit der Industrialisierung der USA entstanden unzählige neue Produkte; um die Jahrhundertwende aßen, tranken und trugen Amerikaner aller Schichten Sachen, die in Fabriken entstanden waren. Diese verarbeiteten fast unvorstellbare Mengen Rohstoffe am Fließband. Hand in Hand mit neuen Produktionsmethoden entwickelten sich neue Marketingstrategien. Sie sollten eine Bevölkerung, die bis vor kurzem noch fast alle Gegenstände des täglichen Bedarfs selbst hergestellt hatte, davon überzeugen, dass standardisierte und aufwändig beworbene Markenprodukte ihr Geld wert waren. Bis zu dieser Zeit waren die meisten Produkte als anonyme Ware von Großhändlern vertrieben worden; in den Jahrzehnten nach dem Bürgerkrieg begannen große Hersteller, eigene Vertriebswege zu etablieren und ihre Ware zu bewerben. Immer mehr Amerikaner zogen jetzt verpackte Uneeda Biscuits den Crackern aus dem offenen Fass vor und Quaker Oats den losen Haferflocken; sie verlangten jetzt Coca-Cola statt einer namenlosen Brause. Die heutige Konsumkultur nahm hier ihren Anfang.

Prof. Strasser analysierte dann den Wandel der Vertriebswege. Neue Marketingmethoden verlangten nach neuen Ladentypen. Die Massenvermarktung brachte drei neue Ladentypen hervor: das Kaufhaus, den Versandhandel und die Ladenkette. Alle drei hielten sich an moderne Verkaufsprinzipien: Preise waren und blieben festgelegt, Verkäufer schlecht bezahlt, und die Waren wurde in Warengruppen eingeteilt und so ausgezeichnet, dass sie schnell abgesetzt wurden. Mit A.T. Stewarts “Marmor Palast” eröffnete 1846 das erste Kaufhaus in New York; Macy’s and Marshall Field’s in Chicago folgten kurz danach. Viele Kaufhäuser betrieben einen Versandhandel, um Kunden in ländlichen Gegenden zu bedienen. Der Katalog von Sears, Roebuck umfasste 1906 fast 1000 Seiten; die Firma bearbeitete jeden Tag neun Säcke mit Bestellungen und betrieb eine eigene Druckerei sowie das zweitgrößte Kraftwerk in Chicago. Zur selben Zeit wurden im ganzen Land traditionelle Kaufmannsläden zunehmend durch Ladenketten ersetzt, deren bekannteste die Atlantic and Pacific Tea Company war. A&P begann als Einzelhändler in den 1890er Jahren, hatte fast 200 Filialen in 28 Staaten um Jahrhundertwende und 16, 000 Ende der zwanziger Jahre. Lange vorher hatte 1916 der erste Piggly Wiggly in Memphis, Tennessee, eröffnet und das Konzept der Selbstbedienung eingeführt. Diese Kette umfasste schließlich 2.660 Läden und gab ihr System an Franchisenehmer weiter. In den 1930er Jahren wies die amerikanische Konsumlandschaft bereits viele Merkmale auf, die bis heute bestehen: Ihre Kunden waren zunehmend motorisiert, verlangten nach Markenprodukten und niedrigen Preisen, die sie in riesigen Supermärkten auf der grünen Wiese fanden. Wie die heutigen Wal-Mart Kunden konnten sie jetzt nicht nur das einkaufen, was sie tragen konnten, begannen, auf Vorrat zu kaufen und garantierten so großen und schnellen Absatz. Es überraschte nicht, dass Prof. Strassers faszinierender Vortrag eine rege Diskussion auslöste – schließlich kauft der Anwesenden regelmäßig etwas ein.

Kristin Hoganson: "Buying into Empire: U.S. Consumption and the World of Goods, 1865-1920"

30. Juni 2011Bws Hoganson-28

Das Baden-Württemberg Seminar des HCA wurde am letzten Junitag mit einem Vortrag von Kristin Hoganson fortgesetzt, einer ausgewiesenen Expertin für transnationale Geschichte und die Kulturgeschichte des amerikanischen Imperialismus. In ihrem Vortrag argumentierte Prof. Hoganson, dass die Konsumgewohnheiten der amerikanischen Mittelschicht um die Jahrhundertwende das Scharnier zwischen dem politischen und militärischen Imperialismus und einem ebenso wichtigen wirtschaftlichen Imperialismus bildeten. Die wirtschaftliche Expansion der USA resultierte in der zunehmenden Globalisierung des Konsums genauso wie der wachsende Appetit des amerikanischen Verbrauchers für exotische Produkte die wirtschaftliche Expansion vorantrieb; beispielsweise vervierfachten sich die amerikanischen Lebensmittelimporte zwischen dem Ende des Bürgerkrieges und der Jahrhundertwende. Diese Entwicklung wurde aber nicht nur von Verbrauchern, sondern auch von Produzenten, Importeuren, Einzelhändlern, Werbeleuten, Verfassern von Ratgebern und Innenarchitekten geprägt. „Angemessener Konsum“ wurde zum Markenzeichen eines relativ kosmopolitischen Lebensstils weißer und wohlhabender Amerikaner.

In ihrer Analyse rekonstruierte Prof. Hoganson zum einen “Geographien des Konsums”: die Teile des öffentlichen Diskurses, die die Herkunft von Importgütern erklärten oder ihren Gebrauch kontextualisierten. So bewarben Modehäuser und Kataloge nicht nur Wäsche, sondern ihre asiatische Herkunft; Kochbücher erteilten Lektionen über den U.S. Imperialismus in der Karibik oder den Philippinen; Innenarchitekten priesen “chinesisches Rattan” oder „Perserteppiche“. Diese Verbrauchergeographien zeichneten sich oft durch eine militärische Sprache aus und bewerteten die amerikanische Expansion als segensreich für den inländischen Verbraucher wie für den ausländischen Produzenten.

Man kann dieses Verhältnis zwischen Konsum und Empire auch durch einen Blick auf die kulturelle Praxis verstehen: Importierte Waren wurden Gegenstand des alltäglichen Lebens und oft ein Zeichen sozialer Distinktion; sie galten als zivilisatorische Errungenschaft und machten ihre Benutzer zum Teil einer globalen Elite. Prof. Hoganson wies in diesem Zusammenhang auf die “cosey corners” – „orientalische Nischen“ – hin, vor der Jahrhundertwende die große Mode in bürgerlichen Haushalten. Auch exotische Gesellschaften wie Tee à la Russ oder “chinesische Vergnügen” erfreuten sich großer Popularität. Wohltätigkeitsbasare zeichneten sich oft durch entsprechende Buden aus: Auch im Mittleren Westen konnten Hausfrauen Parfüm aus Paris, Kaffee aus Konstantinopel oder Chinoiserie aus Shanghai erwerben. So war der amerikanische Konsum fremder Güter letztlich weder Grund für noch Resultat des amerikanischen Imperialismus, sondern vielmehr ein wesentlicher Teil davon.

"Hot Off the Press, Hot Off the Reel, Hot Off the Grill" – UniMeile am HCA

25. Juni 2011

Während der UniMeile zum Jubiläumsjahr der Ruperto Carola ging es am HCA „heiß“ her. Unter dem Motto „Hot Off the Press, Hot Off the Reel, Hot Off the Grill“ hatten Dietmar Schloss und Heiko Jakubzik wieder einmal ein attraktives Programm zusammengestellt, das stündlich aktuelle Romane, Filme, Fernsehserien und andere kulturelle Themen aus den USA vorstellte. Die Veranstaltung ging aus dem Kolloquium "Hot Off the Press" am Anglistischen Seminar hervor, dessen Mitglieder bereits seit sieben Jahren neuen Trends der amerikanischen Literatur, Popmusik, Filmszene und des Internets auf der Spur sind.

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Das zahlreich erschienene Publikum hörte kurze Vorträge über die Berichterstattung über den Tod Osama Bin Ladens, über neue Romane von Paul Auster, Jennifer Egan, und David Foster Wallce, und über die TV Serie „Mad Men“ und die Filme Black Swan und The Social Network, denen jeweils eine offene Gesprächsrunde folgte. Dieses Format erwies sich wieder einmal als sehr erfolgreich, zumal die Besucher diesmal im Innenhof des HCA amerikanische Barbecue Spezialitäten genießen konnten. Ein großes Dankeschön geht an den Partyservice „Tischlein Deck Dich“, der leckere Spare Ribs, Maiskolben und andere Köstlichkeiten anbot.

Amerikatag der Ruprecht-Karls-Universität

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Als Teil der Feierlichkeiten zum Universitätsjubiläum beging die Ruperto Carola am 24. Juni den Amerikatag. Er würdigte die langen und engen Beziehungen der Universität zu den Vereinigten Staaten und begann mit einer Podiumsdiskussion zum Thema: „The Obama Presidency: Will There Be a Second Term?“ Teilnehmer waren der Politikwissenschaftler und HCA Fellow Patrick Roberts, der Autor und HCA Absolvent Styles Sass, die Amerikanistin Dorothea Fischer-Hornung von der Universität Heidelberg und die Geschichtsprofessorin Manisha Sinha, University of Massachussetts, Amherst. Die Moderation übernahm Martin Thunert auf Deutsch und Englisch. Nach einem musikalischen Intermezzo mit Eva Mayerhofer und Christian Eckert wurde in festlichem Rahmen das James W.C. Pennington Distinguished Fellowship vorgestellt, das vom Heidelberg Center for American Studies und der Theologischen Fakultät eingerichtet wurde. Es erinnert an den amerikanischen Pastor und ehemaligen Sklaven James W.C. Pennington, dem die Ruprecht-Karls-Universität 1849 als erstem Afroamerikaner die Ehrendoktorwürde verlieh.

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Nach den Grußworten von HCA Gründungsdirektor Prof. Dr. Dr. h.c. Detlef Junker und Ehrensenator Dr. h.c. Manfred Lautenschläger hatte U.S. Konsulin Jeanine Collins eine Überraschung mitgebracht – eine Grußadresse des amerikanischen Präsidenten! Barack Obama dankte dem HCA für diese Initiative, die die starke Allianz und andauernde Freundschaft zwischen den USA und Deutschland widerspiegele. Er zeigte sich überzeugt davon, dass die Hochachtung vor den Leistungen Penningtons zukünftige Generationen von Amerikanern und Deutschen inspirieren werde. Der langjährige Förderer des HCA, Dr. h.c. Manfred Lautenschläger, legte durch eine großzügige Spende den Grundstock für die ersten Forschungsaufenthalte. Der Amerikatag endete mit einer spannenden Festrede von Prof. Sinha: „James W.C. Pennington and Transatlantic Abolitionism“ und klang stilvoll bei einem Glas Wein und leckeren Häppchen im Garten und im Atrium des HCA aus.

Manfred Berg: "Popular Justice – A History of Lynching in America" (HCA Book Launch)

26. Mai 2011Book-launch-manfred-berg Web

Zum Auftakt der dritten Buchvorstellung am HCA in diesem Jahr begrüßte Gründungsdirektor Professor Detlef Junker einen langjährigen Freund und Kollegen, Professor Manfred Berg, den Inhaber des Curt Engelhorn Lehrstuhls an der Universität Heidelberg. Er stellte an diesem Abend seinneues Buch Popular Justice – A History of Lynching in America seinen Studenten, Kollegen und der interessierten Öffentlichkeit vor.

Die Lesung zeichnete den Wandel der Lynchjustiz in der amerikanischen Geschichte nach, ausgehend vom Ursprung des Begriffs. Charles Lynch war der Vorsitzende eines außergesetzlichen Gerichts in Virginia während der amerikanischen Revolution, das Kriminelle, Verräter und Loyalisten bestrafte. Obwohl Lynch und seine Mitstreiter sich selbst ermächtigten, auch die von ihnen festgesetzten Strafen auszuführen, betonte Professor Berg, dass man ihre Handlungen nicht mit der Mobgewalt späterer Jahre gleichsetzen könne. Sie brachen das Gesetz in einer Zeit, zu der eine klare militärische Bedrohung und Kriegschaos herrschten. Dennoch wird außergesetzliche Gewalt seit dieser Zeit unweigerlich mit dem Namen „Lynch“ verknüpft. Im Kapitel „unbeschreibliche Barberei“ schilderte Professor Berg Lynchmorde als ein Instrument rassistischer Unterdrückung in den Südstaaten der Jim Crow Ära. Schwarze, die einer Vergewaltigung oder eines Mordes an Weißen verdächtigt wurden, wurden oft nicht durch die Justizbehörden einer „gerechten Strafe“ zugeführt sondern durch einen Mob, der mit Stricken, Fackeln und Kameras bewaffnet war. Die meisten Mitglieder dieser Gruppe waren „ganz normale Leute“, die unsägliche Straftaten begingen, weil sie Anordnungen folgten, an eine „höhere Sache“ glaubten oder eine vermeintlich unsichere Gemeinde sicher machen wollten. Lynchjustiz war ein sehr sichtbares und damit sehr effektives Instrument um die weiße Überlegenheit auch nach Abschaffung der Sklaverei zu gewährleisten. Sie beschränkte sich nicht auf Afroamerikaner; auch Mexikaner, chinesische Immigranten oder weiße Amerikaner fielen ihr zum Opfer. Professor Berg beschrieb in diesem Zusammenhang den Fall des jüdischen Fabrikaufsehers Leo Frank, der 1913 der Vergewaltigung und des Mordes an einer 13jährigen Arbeiterin in seiner Fabrik beschuldigt wurde. Obwohl er unschuldig war, wurde er zunächst zum Tode verurteilt, nicht zuletzt aufgrund von antisemitischen Ressentiments, einer aggressiven Boulevardpresse und ehrgeizigen Südstaatenpolitikern. Nach seinem Freispruch wurde er durch einen wütenden Mob entführt und gelyncht. Im letzten Teil der Lesung analysierte Professor Berg den Übergang vom Lynching zu Hatecrimes, die zwar ebenfalls durch bestimmte Ideologien befeuert werden aber anders als die Lynchjustiz keinen Rückhalt in einer Gemeinschaft haben.

Professor Bergs Lesung stieß auf großes Interesse und mündete in eine rege Diskussion. Viele Zuhörer nutzten die Gelegenheit, bei einem Glas Wein mit dem Autor ins Gespräch zu kommen und Popular Justice zum Einführungspreis zu erwerben.

Robert Isaak: "The Great Bluff – America’s Temporary Escape from
the Financial Crisis"

23. Mai 2011Isaak

Während Rettungsaktionen für überschuldete EU-Staaten und die europäische Währung die Nachrichten auf dieser Seite des Atlantiks beherrschen und die Angst vor den Konsequenzen der Finanzkrise umgeht, scheinen viele Amerikaner die wirtschaftliche Situation im eigenen Land weitaus optimistischer einzuschätzen. Tatsächlich aber hat diese scheinbare finanzielle Sicherheit durchaus Schwachstellen, wie Robert Isaak, Professor für Internationales Management an der Pace University und Autor von Geldherrschaft – Ist unser Wohlstand noch zu retten? in seinem provokativen Vortrag ausführte.

Für Professor Isaak handelt es sich bei der amerikanischen Kultur um eine Geldkultur, deren Realität durch Banker bestimmt wird. Um die augenblickliche Reaktion der Amerikaner auf die Finanzkrise richtig einzuschätzen, muss man die besondere Beziehung der Amerikaner zu Geld verstehen. In den USA wird Geld oft mit Freiheit gleich gesetzt. Die Rettungsaktionen für die Banken stellen unter anderem eine Verlagerung der Verantwortung vom privaten auf den öffentlichen Sektor dar. Dies ist nicht nur eine schlechte Nachricht für den Steuerzahler, sondern verletzt auch eine Maxime, der viele Amerikaner anhängen: Dass die Regierung die beste ist, die am wenigsten regiert.

Aber waren die dramatischen Rettungsaktionen im Jahr 2008, die der amerikanischen Kultur und Tradition so widersprachen, überhaupt erfolgreich? Laut Professor Isaak stellten sie nur einen vorübergehenden Ausweg dar – einen „Großen Bluff“. Erstens traf die Finanzkrise vor allem kleine Banken, die Geschäftspartner kleiner und mittlerer Firmen und damit der amerikanischen Mittelschicht; die großen Banken dagegen, die ihre Profite in den Jahren vor der Finanzkrise vor allem mit fragwürdigen Hypotheken und der Schaffung von Vermögenswerten erzielten, wurden mit Unsummen von Steuergeldern gerettet. Zweitens sichern die USA im Vergleich zu Russland oder China nur einen kleinen Teil ihrer Geldmenge mit Devisen oder Gold ab. Drittens geben die USA vergleichsweise viel Geld für Bildung oder Gesundheitsfürsorge aus, ohne davon adäquat zu profitieren – die Lebenserwartung beispielsweise ist vergleichsweise niedrig. Zudem hat die Finanzkrise konservativen Politikern Auftrieb gegeben.

Professor Isaak sieht den einzigen Weg aus dieser Krise in der Lösung des Konflikts zwischen den entwickelten Ländern mit einem starken Bankensektor und den unterentwickelten Ländern mit einem schwachen Bankensektor. In der Ernennung von Dominique Strauss-Kahn zum Direktor des Internationalen Währungsfonds sieht er eine Chance für eine solche Lösung, da Strauss-Kahn sich für eine größere Rolle der Schwellenländer einsetzt.

Professor Isaaks eher pessimistische Einschätzung der aktuellen und zukünftigen weltweiten Finanzlage löste eine angeregte Diskussion im zahlreich erschienenen Publikum aus, die sich vornehmlich um die Rolle des IWF und der Weltbank sowie die Zukunft des Euro und die Rechtfertigung der Bankenrettungen drehte.

Adam Tooze: "Never Again: Memories of the Great Depression and America’s Reaction to Today’s Financial Crisis"

19. Mai 2011Tooze Web

Die Große Depression und der New Deal gelten bis heute geradezu als Ausnahmesituation in der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte, die geradezu zwanghaft und immer wieder diskutiert wird. Dabei war die Politik des New Deals von Anfang an umstritten, wie Professor Adam Tooze in seinem aufschlussreichen Vortrag darlegte. Für viele Amerikaner war und ist die Politik der Roosevelt Administration dem American Way of Life feindlich gesonnen und dieser Diskurs hat sich in den letzten Jahren zunehmend radikalisiert. Insbesondere die Zunft der Ökonomen an den Hochschulen ist dramatisch gespalten und jede Seite kann Nobelpreisträger und einflussreiche “public intellectuals” vorweisen. Die Bewertung wird zusätzlich dadurch kompliziert, dass die New Deal Historiker über Techniken streiten und allen Facetten des politischen Spektrums angehören; außerdem hat sich die Geschichtsschreibung selbst gewandelt. Um Ordnung in dieses verwirrte und verwirrende Gebilde zu bringen, stellte Professor Tooze vier Positionen vor, die unterschiedliche politische und ökonomische Theorien mit unterschiedlichen Vorstellungen über Sinn und Zweck von Geschichte verbinden.

Für große Teile der liberalen amerikanischen Öffentlichkeit bleiben der New Deal, die amerikanischen Rolle im Zweiten Weltkrieg und der Marshall Plan der nostalgische Ausweis einer kollektiven Identität, eine unverzichtbare Reformbewegung in der amerikanischen Geschichte, gepaart mit einem Anflug von Bedauern über die Gegenwart und Nostalgie für die Vergangenheit. Die amerikanische Linke dagegen – zugegebenermaßen eher eine Randfigur in der öffentlichen Debatte – hat die Politik des New Deals von Anfang an angegriffen, da sie zwar die Aufgaben des Staates ausweitete, kapitalistische Strukturen aber intakt ließ und damit die populistischen Graswurzeln der amerikanischen Demokratie zerstörte. Weitaus dominanter ist die lauthals geäußerte und populäre Interpretation der Rechten, die behauptet, dass die staatlichen Interventionen des New Deals vor allem Unsicherheit unter Geschäftsleuten hervorrief und die Krise damit verlängerte. Die sogenannte Freshwater School besteht sogar darauf, dass alle ökonomischen Aktivitäten, auch Arbeitslosigkeit, auf rationalen Entscheidungen von ökonomisch frei handelnden Individuen basieren.

Als einflussreichste Position aber sieht Professor Tooze den „skeptischen Optimismus“, den wichtige Mainstream-Intellektuelle wie Ben Bernanke, Paul Krugman, oder Christina Romer in der wahren Tradition des amerikanischen Pragmatismus vertreten. Skeptische Optimisten glauben daran, dass rationales Denken und Handeln viel, wenn nicht alles, bewegen kann. Eine historische und ökonomische Betrachtung der Großen Depression liefert zwar keine Antworten auf die Fragen, die sich den USA heute stellen, aber der skeptische Optimismus könnte dazu beitragen, ein neues Kapitel in der amerikanischen Geschichtsschreibung aufzuschlagen, das die Saga des amerikanischen Exzeptionalismus beendet. Die Gelegenheit zur anschließenden Diskussion wurde von den zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörern gerne wahrgenommen.

Tobias Endler: "After 9/11: Leading Political Thinkers about the World, the U.S. and Themselves" (HCA Book Launch)

21. April 2011Tobias-endler-book-launch Web

Bei der zweiten Buchvorstellung im Atrium des HCA präsentierte Tobias Endler, Ph.D. Koordinator am HCA, sein neues Buch After 9/11: Leading Political Thinkers about the World, the U.S. and Themselves. Er gab dem Publikum zudem einen kleinen Einblick in das Quellenmaterial seiner in Kürze erscheinenden Dissertation.

Während eines Lehr- und Forschungsstipendium an der Yale University interviewte Tobias Endler vierzehn Männer und drei Frauen, die zu den bekanntesten „public intellectuals“ der Vereinigten Staaten gehören. Unter ihnen waren zum Beispiel John Bolton, Francis Fukuyama, James M. Lindsay und Nancy Soderberg, um nur einige zu nennen. Die Befragten zeichnen sich nicht nur durch eine hohe Medienpräsenz aus, sondern haben auch alle Bücher über die amerikanische Außenpolitik nach den Terroranschlägen des 11. Septembers veröffentlicht.

Tobias-endler-book-launch-2 WebTobias Endler bat seine Interviewpartner einerseits die Rolle der Vereinigten Staaten in der Weltpolitik zu definieren: Welche Außenpolitik verfolgt die USA seit den Anschlägen des 11. Septembers? Welche sollte sie verfolgen? Was führte zu der Katastrophe am 11. September? Gibt es Wege eine weitere Katastrophe dieser Art zu verhindern und den beschädigten Ruf Amerikas wieder herzustellen? Was kann von Obama erwartet werden? Und sind die USA immer noch eine Supermacht? Andererseits wurde auch die Rolle der „public intellectuals“ selbst in den Interviews thematisiert: Was ist ein „public intellectual“? Ist dies immer noch ein relevantes Konzept? Wuchs ihre Autorität nach den Anschlägen des 11. Septembers? Welche Rolle spielen die „public intellectuals“ in der öffentlichen Diskussion?

Nachdem Tobias Endler sein konzeptionelles und methodisches Vorgehen erklärt hatte, fuhr er mit der Präsentation von Audio-Mitschnitten der Interviews fort. Dieser Teil der Buchvorstellung beeindruckte das Publikum besonders. Durch die Mitschnitte bekamen die Zuhörer nicht nur einen tieferen Einblick in Vorgehensweise des Autors, sondern fühlten sich auch den Intellektuellen selbst näher. So wurde deutlich, dass die meisten der Interviewten an einer globalen Führungsrolle der USA, auch wenn sie sehr unterschiedliche politische und berufliche Milieus repräsentieren. Die Überzeugungen, wie dies erreicht bzw. erhalten werden kann, sind jedoch sehr unterschiedlich..

Die Beiträge von Dr. Martin Thunert, Dozent für Politikwissenschaft am HCA, und Prof. Dr. Dietmar Schloss, einem der Betreuer der Dissertation, rundeten den Abend ab. Nach den Vorträgen beantworteten alle drei Wissenschaftler Fragen aus dem Publikum und führten danach bei einem Glas Wein die angeregte Diskussion mit den Zuhörern fort.

Todd Gitlin: "The Press and the Romance of the Financial Bubble"

15. April 2011Gitlin Web

Am 15. April konnte das HCA Todd Gitlin, Professor für Journalismus und Soziologie an der Columbia University, in Heidelberg begrüßen. Ein „not very private intellectual“, wie er sich selbst beschreibt, wurde Gitlin insbesondere auch als der dritte Präsident der Students for a Democratic Society (1963-1964) bekannt. Während seiner Amtszeit organisierte er unter anderem die ersten nationalen Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg und gegen das Apartheitsregime in Südafrika. Darüber hinaus ist Professor Gitlin der Autor zahlreicher Bücher, und viele der Zuhörer hatten ihr persönliches Exemplar mitgebracht.

Professor Gitlins Vortrag “The Press and the Romance of the Financial Bubble” beleuchtete die unrühmliche Rolle der amerikanischen Presse während der Hypothekenspekulationen, die 2008 und 2009 zur weltweiten Finanzkrise führten. Anstatt die Risiken dieser hochspekulativen Geldanlagen aufzuzeigen, priesen die Medien den Finanzsektor und feierten dessen Topmanager als „Herren des Universums“. Es gab so gut wie keine investigative Berichterstattung über diese mächtigen Männer und Institutionen. Professor Gitlin betonte, dass die Investment-Banker so zu unbestrittenen moralischen Autoritäten für die amerikanische Öffentlichkeit werden konnten. Sie wurden dafür bewundert, dass sie Profite für ihre Firmen und Wohlstand für die amerikanische Gesellschaft aber auch für sich persönlich schufen. Die Presse allerdings war lediglich ein „Wachhund der im Angesicht der Gefahr nicht bellte“. Professor Gitlin zufolge scheiterte sie, weil es für eine ständig schrumpfende Zahl von Journalisten unmöglich war die Komplexität des Finanzsektors zu durchschauen. Angesichts des eklatanten Versagens des konventionellen Journalismus unterstützt Gitlin die Idee, dass in Zukunft non-profit Journalisten und Organe wie Wikileaks die Aufgabe übernehmen sollen, solche komplexen Themen zu recherchieren.

Professor Gitlins Vortrag stieß auf großes Interesse und der Abend wurde mit einer langen und angeregten Diskussion fortgesetzt. Am Ende nutzten viele Zuhörer die Chance, den Redner persönlich zu begrüßen und ihre Bücher signieren zu lassen.

Mischa Honeck: "We are the Revolutionists: German-Speaking Immigrants and American Abolitionists after 1848" (HCA Book Launch)

12. April 2011Book Launch Mischa Honeck-3

In diesem Frühling erweiterte das HCA seinen Veranstaltungskalender mit einem neuen Format. Studenten, Kollegen und die interessierte Öffentlichkeit waren zur ersten Buchvorstellung ins Atrium eingeladen. Dr. Mischa Honeck, Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Ph.D- Koordinator am HCA, präsentierte sein erstes Buch: We Are the Revolutionists: German-Speaking Immigrants and American Abolitionists after 1848.

Der Abend begann mit Musik und Bildern, die das Publikum in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts zurückversetzten. Nach einer herzlichen Einführung durch Dr. Wilfried Mausbach nutzte Dr. Honeck die Gelegenheit seinen Kollegen am HCA und insbesondere seiner Frau für die Unterstützung während der Entstehungszeit von We Are the Revolutionists zu danken.

In dem anschließenden Vortrag ging Dr. Honeck auf die Geschichte der sogenannten Forty-Eighters ein, die in den gescheiterten Revolutionen von 1848-49 für ihre Ideale in Europa gekämpft hatten. Tausende von ihnen flohen als politisch Verfolgte nach Nordamerika. Ihr Streben nach Freiheit allerdings endete mit ihrer Ankunft in einem fremden Land keineswegs. Vielmehr kollaborierten die deutschsprachigen Einwanderer nach 1848 mit den amerikanischen Abolitionisten und überwanden dabei ethnische und kulturelle Grenzen für ein gemeinsames Ziel: die Abschaffung der Sklaverei. In seinem Vortrag analysierte Dr. Honeck jedoch auch die Grenzen dieser transatlantischen Allianz. Die amerikanischen und deutschen Revolutionäre waren sich nicht nur uneinig darüber, wie sie ihre gemeinsamen Ziele erreichen sollten, sondern zudem Gefangene ihrer jeweiligen sozialen Umfelder aus Ethnozentrismus und Rassismus. Auf den Tag genau 150 Jahre nach der Schlacht von Fort Sumter, mit der der amerikanischen Bürgerkrieg begann, eröffnete Dr. Honeck so eine neue transnationale Perspektive auf den Kampf für die Abschaffung der Sklaverei.

Mit einer Würdigung von We are the Revolutionists durch den Bürgerkriegshistoriker Martin Öfele, Fragen aus dem Publikum und einer angeregten Diskussion wurde der Abend fortgeführt. Bei einem Glas Wein hatten die Zuhörer anschließend die Möglichkeit die Unterhaltung mit dem Autor fortzusetzen. Das HCA freut sich auf die nächste Veranstaltung in dieser Reihe.

Stunde der Universität: "Brücken in die Neue Welt"

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31. März 2011

In ihrem Jubiläumsjahr präsentiert sich die Ruprecht-Karls-Universität jeweils donnerstags der Heidelberger Öffentlichkeit. Während der „Stunde der Universität“ öffnet jede Woche um 17:00 Uhr ein anderes Institut die Türen, um seine Lehr- und Forschungstätigkeit vorzustellen. Am 31. März wurden am HCA im Rahmen dieser Veranstaltung „Brücken in die Neue Welt“ geschlagen. Eine Videokonferenz via Skype bot Mitarbeitern und Besuchern die Gelegenheit, mit den Kooperationspartnern des HCA auf der anderen Seite des Atlantiks ins Gespräch zu kommen.

Den Anfang machte Felix Lutz am Center for European Studies der Harvard University, der unter anderem über die finanzielle Situation der amerikanischen Eliteuniversitäten seit Ausbruch der Finanzkrise berichtete. Die zweite Schaltung führte ans Vassar College, wo Maria Höhn über die Genese der Ausstellung „Kampf um die Bürgerrechte“ berichtete, die zur selben Zeit am HCA zu sehen war. Nach einem Gespräch mit HCA Doktorand Johannes Steffens in New York City ging es weiter nach Washington, DC, ans Deutsche Historische Institut, das in vieler Hinsicht eng mit dem HCA verbunden ist. Danach schalteten wir zu David Morris, dem Deutschland Spezialisten der Kongressbibliothek in Washington. Im Mittleren Westen der USA kam eine Schaltung mit Jeannette Jones und Alexander Vazansky, zwei ehemaligen Mitarbeitern des HCA, zustande. Eine Schaltung nach Denver zu Kathleen Lance, der Präsidentin von Heidelberg Alumni USA, gab Irmtraud Jost auf dieser Seite des Atlantiks die Gelegenheit, die Alumni Arbeit der Universität vorzustellen. Die virtuelle Reise über den amerikanischen Kontinent endete in einem Gespräch mit Bob Cherny und Charles Postel, der eine ein ehemaliger Fulbright Professor am HCA, der andere ab Herbst der Scholar in Residence. Bei Wein und Brezeln erhielten die Besucher in knapp zwei Stunden zweifellos interessante Einblicke in die Arbeit des HCA und seiner Kooperationspartner.

Hartmut Berghoff: "Lässt sich der Kapitalismus zähmen? Die Anfänge des 'Credit Rating' in den USA und Deutschland vor 1914"

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17. März 2011

Hartmut Berghoff, Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Washington D.C., konnte für seinen Vortrag über die Geschichte der Credit Rating Agencies zahlreiche Zuhörer interessieren, die sich sicherlich auch eine Erklärung für das eklatante Versagen dieser Agenturen in der seit drei Jahren währenden Finanzkrise versprachen. Tatsächlich, so führte Professor Berghoff aus, haben diese Agenturen „die Risiken hochgradig unterschätzt, … waren von der Komplexität der neuen Finanzvehikel schlichtweg überfordert“ und befanden sich darüber hinaus in einem „Interessenkonflikt“. Professor Berghoff bot aber auch einen Einblick in ein wenig erforschtes Kapitel der Wirtschaftsgeschichte: die Entstehung der Credit Rating Agencies in den Vereinigten Staaten des neunzehnten Jahrhunderts. Diese Agenturen waren ursprünglich eine institutionelle Antwort auf die Herausforderungen einer sich industrialisierenden Nation und einer sich industrialisierenden Welt. In einem expandierenden Markt, der den Großteil seiner Waren auf Kredit lieferte, benötigten Geschäftsleute ein System, das wirtschaftliche Unsicherheiten in ein beherrschbares Risiko verwandelte. Credit Rating Agencies griffen auf das soziale Kapital zurück, das sich in Familien, Kirchen und ethnischen Gemeinschaften gebildet hatte, und ersetzten diese hergebrachten Formen des geschäftlichen Vertrauens sukzessive durch enorme Datenmengen, die ihre Agenten sammelten, und die dann in den Firmenzentralen ausgewertet und zusammengefasst wurden.

Ihren Kunden konnten die Agenturen somit eine Vertrauensbasis in einer zunehmend anonymen und unsicheren Geschäftswelt bieten. Die Rating Agenturen waren aber auch Disziplinierungsinstrumente, die von den Werten der weißen angelsächsischen Mittelschicht geprägt waren. Sie wuchsen im neunzehnten Jahrhundert exponentiell; das Hauptbuch der Dun Agentur, die als Mercantile Agency 1841 von dem Seidenhändler Lewis Tappan gegründet worden war, enthielt 1859 10.000 Einträge; 1915 waren es bereits 1,8 Millionen. Dun & Bradstreet ist noch heute der führende Anbieter in diesem Bereich. Professor Berghoff wies außerdem darauf hin, dass die relative Stärke der Credit Rating Agenturen auch ein Ausweis für die relative Schwäche des amerikanischen Bankensystems war. Geschäftsleute in Deutschland dagegen verließen sich – nicht zuletzt aufgrund der geringeren geographischen Ausdehnung des Landes – eher auf die Auskünfte der lokalen Handelskammern für die Herstellung von Geschäftskontakten und Informationen über Vertrauenswürdigkeit. Dennoch konnte sich das System des Credit Rating im deutschen Kaiserreich etablieren, nicht zuletzt, weil auch dessen Exporteure zunehmend auf Informationen über ihre globalen Handelspartner angewiesen waren.

Ausstellung: "Der Kampf um die Bürgerrechte – afroamerikanische GIs und Deutschland"

Ausstellung

15. März 2011

Seit dem Zweiten Weltkrieg waren fast drei Millionen afroamerikanische Soldaten und ihre Familien in Deutschland stationiert. Viele von ihnen hatten zuvor das nationalsozialistische Regime mitbesiegt. Ihre Erfahrungen als Teil der amerikanischen Besatzungsarmee im besiegten Deutschland, wo es im Gegensatz zu den USA keine institutionalisierte Rassentrennung gab, befruchteten den Kampf schwarzer Amerikaner gegen Rassismus und für ihre Bürgerrechte – ein Aspekt der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, der bis jetzt wenig beleuchtet war. In den 1960er Jahren wurde nicht zuletzt die deutsche Studentenbewegung zu einer Plattform für die Anliegen afroamerikanischer Soldaten. Diese Erfahrungen sind in einem digitalen Archiv und der Fotoausstellung dokumentiert, die im März und April nach vielen Stationen, u.a. in Berlin, München, Hamburg und San Francisco, am HCA zu Gast ist. Das Spektrum der Ausstellungsobjekte reicht von Fotos schwarzer GIs bei Kriegsende über Cartoons der Nachkriegszeit und Flugblätter bis zu einem Solidaritätsplakat für Angela Davis.

In dem Begleitprojekt unter der Leitung der beiden Ausstellungskuratoren Prof. Dr. Maria Höhn vom Vassar College und Dr. Martin Klimke vom HCA und vom Deutschen Historischen Institut in Washing­ton, DC, gehen Wis­senschaftler dieser drei Institutionen unter anderem der Frage nach, in welchem Um­fang die Er­richtung von US-Militärstützpunkten außerhalb Nordamerikas die Anliegen der afroamerikanischen Bürgerrechts­bewegung inner­halb der USA gefördert hat. Das digitale Archiv dokumentiert die Erfahrungen, die afroamerikanische Soldaten, Aktivisten und Intellektuelle in Deutsch­land während des 20. Jahrhunderts gemacht haben und erweitert damit die Geschichte der afroamerikanischen Bürger­rechtsbewegung über die Grenzen der USA hinaus. Mit der Fotoausstellung „Der Kampf um die Bürgerrechte“ nutzt das HCA sein 2009 eingeweihtes Atrium erstmals als Ausstellungsraum und konnte sich bereits bei der Eröffnung über zahlreiche Besucher freuen, darunter Angehörige der amerikanischen Armee und der Rhein-Neckar Branch der National Association for the Advancement of Colored People.

Darrell Bock – "The Da Vinci Code and History: Sorting Out the Claims of a Worldwide Best-Seller"

9. Dezember 2010Bock Web

Für den letzten Vortrag im Herbstprogramm des Baden-Württemberg Seminars konnte das HCA Professor Darrell Bock vom Dallas Theological Seminary gewinnen, dessen Buch Breaking the Da Vinci Code: Answers to the Questions Everyone's Askingauf der Sachbuchbestsellerliste der New York Times stand. Professor Bock stellte die Grundannahmen in Dan Browns Buch und die alternativer christlicher Glaubensrichtungen infrage, dass eine Revision der Urgeschichte des Christentums erforderlich sei, auf der Grundlage gnostischer Texte und insbesondere ihrer Darstellung des menschlichen Jesus und der Rolle von Frauen.

Professor Bock stellte die „verloreren Gospel“ und die damit verbundenen religiösen Bewegungen vor und analysierte Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den bekannten Evangelien. Nach seinen Schlussfolgerungen ist die Behauptung, dass gnostische Christen zeitgleich mit orthodoxen Christen gelebt haben, „einfach falsch“; gnostische Texte sind zu spät entstanden, um noch unmittelbar mit Jesus in Verbindung gestanden zu haben, und es gab keinen „Kernglauben im ersten Jahrhundert, den man später hätte Orthodoxie nennen können“. Wir freuen uns auf ähnlich gute Vorträge und ein ähnlich enthusiastisches Publikum im Frühjahrsprogramm 2011.

Richard Wolin – "Anti-Intellectualism in American Life: The Case of Richard Rorty"

23. November 2010Wolin Web

Der dritte Novembervortrag des Baden-Württemberg Seminars trug den provokativen Titel „Anti-Intellectualism in American Life: The Case of Richard Rorty”. Richard Wolin vom Graduate Center der City University New York bot einen neuen Blick auf einen der bekanntesten amerikanischen Philosophen. Richard Rorty etablierte sich spätestens 1979 mit seinem Werk Der Spiegel der Natur. Eine Kritik der Philosophie, das die zentralen Probleme der modernen Philosophie thematisierte: das Körper-Geist Problem; die Natur des Selbst und die Einheit der Wahrheit. In Kontingenz, Ironie und Solidarität, das vielleicht einen noch größeren Einfluss hatte, nahm Rorty es mit führenden Repräsentanten der europäischen Literatur auf: Marcel Proust, Vladimir Nabokov und George Orwell.

Trotz dieser bahnbrechenden Werke wurde Richard Rorty laut Professor Wolin zu einem eher merkwürdigen Charakter in der amerikanischen Philosophie: Ein Philosoph, der die Philosophie faktisch aufgab und ihr Ziel und Zweck wagemutig als Totgeburt erklärte. Im Mittelpunkt des Vortrags stand Rortys unbehagliche Allianz in den 1970er Jahren mit den von Nietzsche inspirierten „anti-philosophischen“ Doktrinen von Michel Foucault, Jacques Derrida und Jean-Francois Lyotard, deren epistemologische Skepsis Rorty teilte, auch wenn er ihre antiliberalen politischen Ansichten als zunehmend geschmacklos und unvereinbar mit seinen eigenen verhaltenen sozialdemokratischen Sympathien ansah. Dennoch war Rorty trotz seiner manifesten Gelehrsamkeit und seiner europäischen Ausrichtung wahrscheinlich amerikanischer als er selbst dachte. Das zahlreich erschienene Publikum am HCA hat diesen Vortrag zweifellos genossen und bisweilen auch kritisch kommentiert.

Anne Hull – "Confronting the Broken and Forgotten: The Essential Need for Journalism"

11. November 2010Bws-anne-hull Web

Für die dritte Veranstaltung im Herbstprogramm des Baden-Württemberg Seminars konnte das HCA Anne Hull in Heidelberg begrüßen, die das Publikum mit ihrem engagierten Vortrag über die essentielle Rolle des Qualitätsjournalismus begeisterte. Anne Hull kam als Holtzbrinck Fellow von der American Academy in Berlin und ist National Reporter bei der Washington Post. Ihre Reportagen berichten zumeist über marginalisierte Gruppen der amerikanischen Gesellschaft und erkunden das Spannungsverhältnis von Klassenzugehörigkeit, Ethnizität und Immigration. Vor fünf Jahren berichtete sie über die Folgen von Hurrikan Katrina aus New Orleans. Für ihre Reportagen über die Vernachlässigung von Kriegsveteranen im Walter Reed Army Medical Center in Washington erhielt sie 2008 zusammen mit Dana Priest den Pulitzerpreis und den Robert F. Kennedy Jr. Journalism Award.

Am HCA sprach Anne Hull unter anderem über die Hintergründe dieser Reportage und betonte, dass es das größte Privileg einer Reporterin sei, das Geld, die rechtliche Absicherung und die Zeit, zu erhalten, um eine Geschichte lange und intensiv zu verfolgen. Sie berichtete außerdem über die Dilemmas, die Journalisten in der „vor Ort“ Berichterstattung bewältigen müssen; andererseits wecke nur diese Art von Reportage die Neugier von Journalisten und erweitere ihr Gesichtsfeld, auch wenn sie die Annehmlichkeiten des urbanen Lebens für Wochen oder Monate verlassen müssen, um über das „wahre Amerika“ zu berichten. Anne Hull schilderte schließlich die erheblichen Probleme, die sich auch den Redaktionen großer amerikanischer Zeitungen stellen, bei denen inzwischen mehr Ressourcen in die online Redaktionen fließen als in die Art von Investigationsjournalismus, die die Walter Reed Reportagen hervorgebracht hat. Ihre eigene Arbeit, so Anne Hull, könne man am besten mit einem Zitat der amerikanischen Schriftstellerin Eudora Welty charakterisieren: „Es ist nicht meine Aufgabe zu urteilen, sondern vielmehr den Vorhang zurückzuziehen, um die dahinter verborgene Welt sichtbar zu machen.“

Robert J. Norrell – "The Media and the Movement: How Racial Images Thwarted and Enabled Race Reform in the US"

2. November 2010Norrell

Robert J. Norrell, Bernadotte Chair of Excellence an der University of Tennessee, eröffnete die Novembervorträge des Baden-Württemberg Seminars mit einem Vortrag über “The Media and the Movement: How Racial Images Thwarted and Enabled Race Reform in the US”. Er analysierte die Darstellung von Afro-Amerikanern in US-amerikanischen Massenmedien von 1890 bis 1958 und verfolgte damit die Geschichte des Protestes gegen die Rassendiskriminierung; dabei stellte er die Verstärkung dieses Protests in den 1950er und 60er Jahren in Verbindung mit einer veränderten Darstellung von Afro-Amerikanern in den Massenmedien. Die amerikanische Popkultur – Comics, Werbung und die Minstrelshow mit schwarz geschminkten weißen Darstellern – hatten schwarze Amerikaner nach dem Ende des Bürgerkriegs lange dämonisiert und so die weiße Vorherrschaft gestützt. Der Dandy Zip Coon and sein Begleiter Jim Crow waren allgegenwärtige rassistische Stereotypen im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert. Dazu kamen äußerst populäre rassistische Romane und Filme, die ein breites Publikum fanden. Rassistischer Humor fand sich auch in beliebten Zeitschriften wie Collier’s und der Saturday Evening Post und in radiosendungen wie Amos’n’Andy.

Diese Entwicklung machte 1938 eine jähe Kehrtwendung, gerade rechtzeitig zur Unterstützung der aufkommenden schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Vor dem Hintergrund von Gerichtsurteilen, die die schwarzen Bürgerrechte stärkten, und zunehmender Aufhebung der Rassentrennung im Sport, wurde der Boxkampf zwischen Joe Louis und Max Schmeling im Juni 1938 zu einem der Schlüsselmomente für die Darstellung von Afro-Amerikanern in den amerikanischen Medien. Nach 1941 tat die Kriegspropaganda ein Übriges um die Missstände in den Rassenbeziehungen anzuprangern. Rassistische Darstellungen nahmen in LIFE und LOOK, in der Saturday Evening Post und im Reader’s Digestmerklich ab und brachten Reportagen, die schwarze Amerikaner deutlich sympatischerer porträtierten. Mit Johnson Publication entstand gleichzeitig ein schwarzes Medienimperium, das schwarze Kultur für Schwarze akzeptabel machte. Zwar blieben die Zeitungen in den Südstaaten der Bürgerrechtsbewegung weiterhin feindlich gesonnen, aber überregionale Zeitungen, allen voran die New York Times, berichteten über Sit-ins und die Freedom Rides – auch wenn sie Probleme in den Ghettos der Großstädte im Norden und Westen ignorierten bis diese in der Mitte der 1960er Jahre explodierten.

"Studying and Teaching in the United States and Germany – A Transatlantic Dialogue: Experiences of German and American Exchange Participants"

28. Oktober 2010Sat Web

Am letzten Donnerstag im Oktober fand am HCA eine Podiumsdiskussion statt, deren Teilnehmer ihre Erfahrungen über Studium und Lehre auf beiden Seiten des Atlantiks austauschten. Dieser Abend war Teil einer Veranstaltungswoche für Universitätsangestellte aus den USA, die eine Reihe von Bildungseinrichtungen in Baden-Württemberg besuchten. Darüber hinaus waren etliche Studenten gekommen, um sich über die Studienbedingungen in den USA zu informieren. Die Veranstaltung wurde gemeinsam von HCA, dem Akademischen Auslandsamt der Universität Heidelberg und der Heidelberg Alumni U.S. (HAUS) organisiert worden und wurde vom Deutschen Akademischen Austauschdienst mitfinanziert.

Nach einer Begrüßung durch den Gründungsdirektor des HCA, Prof. Dr. Detlef Junker, eröffnete Dr. Martin Thunert (HCA) die Debatte. Auf dem Podium diskutierten Prof. Dr. Patrick Roberts (Virginia Tech University/HCA) und Prof. Dr. Kathleen Donahue (Central Michigan University/HCA) die unterschiedlichen Arbeitsbedingungen für Dozenten und betonten dabei besonders die unterschiedliche Arbeitsdisziplin und das Engagement der Studierenden sowie die unterschiedlichen Methoden bei der Notenfindung. Prof. Dr. Michael Gertz (Institute of Computer Science, Universität Heidelberg) kommentierte unter anderem das unterschiedliche Hierarchiedenken an deutschen und amerikanischen Universitäten und die Forschungsimpulse, die er an der University of California/Davis erhalten hatte. Die Erfahrungsberichte der Studierenden – Gordon Friedrichs und Johanna Illgner aus Deutschland und Jennifer Martens aus den USA – drehten sich hauptsächlich um die Struktur des Studiums, die Arbeitsbelastung während des Semesters, Transparenz in der Notengebung und die Verfügbarkeit der Dozenten. Auch das Publikum trug erheblich zu dieser Diskussion bei. Nach der Veranstaltung hatten alle die Gelegenheit, sich bei einem Empfang in der Bel Etage näher kennenzulernen und das Gespräch fortzusetzen.

Absolventenfeier des Ph.D. Programms in American Studies und Verleihung des Rolf Kentner Preises 2010

21. Oktober 2010Phdgrad1 Web

Seit der Begründung des Ph.D. Programms in American Studies am HCA 2006 haben sich fast zwei Dutzend Doktoranden aus zehn Ländern dazu entschieden, ihren Doktortitel in dieser Disziplin an Deutschlands ältester Universität zu erwerben. Am 21. Oktober konnte das HCA der akademischen Öffentlichkeit die ersten vier erfolgreichen Absolventen dieses Programms präsentieren: Raluca-Lucia Cimpean, Christian Maul, Anthony Santoro und Karsten Senkbeil erhielten ihre wohlverdienten Zeugnisse. Zu Beginn der Zeremonie “schwebten” die vier Absolventen – begleitet von einer Classic Rock Hymne – in Talaren und Doktorhüten – in das Atrium des Curt und Heidemarie Engelhorn Palais. HCA Gründungsdirektor Prof. Dr. Detlef Junker rekapitulierte kurz die Entwicklung des Ph.D. Programms von einer kleinen Gruppe ambitionierter Nachwuchswissenschaftler zu einem der internationalsten und interdisziplinärsten Programme in Deutschland, das Doktoranden aus der ganzen Welt anzieht. Danach überreicht er die Zeugnisse über die erfolgreiche Absolvierung des Programms an Raluca-Lucia Cimpean für ihre Dissertation mit dem Titel “John F. Kennedy Through the Looking Glass: Docudramatic Representations of the JFK Image”; an Christian Maul für seine Studie “From Self-Culture to Militancy, From Conscience to Intervention: Henry David Thoreau Between Liberalism and Communitarianism”; an Anthony Santoro für seine Dissertation “Exile or Embrace: The Religious Discourse on the Death Penalty in the Contemporary Era”; und an Karsten Senkbeil für seine Arbeit über “The Language of American Sports: A Corpus-Assisted Discourse Study.”

Nach einem musikalischen Intermezzo, in dem Eva Mayerhofer und Christian Eckert mit Stücken von Louis Armstrong begeisterten, leitete Prof. Junker zum zweiten Teil des Abends über, der Verleihung des Rolf Kentner Preises. Mit diesem Dissertationspreis werden herausragende Arbeiten auf dem Gebiet der Amerikastudien an einer deutschen Universität Phdgrad2 Webausgezeichnet. Er ist nach Rolf Kentner benannt, dem Vorsitzenden der Jacob Gould Schurman Stiftung und einem der rührigsten Unterstützer des HCA. Der erste Preisträger ist Daniel Stein von der Universität Göttingen. Nach einer kurzen Einführung durch Prof. Dr. Günter Leypoldt, Vorsitzender des Kentner Preis Komittes, hielt Daniel Stein den Festvortrag “My Life Has Always Been an Open Book: Louis Armstrong, American Autobiographer”. Er präsentierte darin einige der zentralen Argumente seiner Dissertation, die das Leben und Werk Armstrongs in der weitergefassten Tradition der amerikanischen Autobiographie verorten. Dieser interessante und unterhaltsame Vortrag wurde vom zahlreich erschienenen Publikum enthusiastisch aufgenommen und hat die Messlatte für die nächsten Preisträger hoch gelegt. Nachdem das zweite musikalische Intermezzo die Themen des Festvortrags gekonnt aufgegriffen hatte, bot ein festlicher Empfang in der Bel Etage dem Preisträger und den Absolventen sowie ihren Gästen Gelegenheit, ausgiebig zu feiern.

Victoria DeGrazia – "Can We Write a History of 'Soft Power'?"

4. Oktober 2010Degrazia Web

Zur ersten Veranstaltung im Herbstprogramm des Baden-Württemberg Seminars konnte das HCA neben zahlreichen anderen Zuhörern auch die neuen Studierenden des Masters in American Studies begrüßen. Victoria DeGrazia, Moore Collegiate Professor of History an der Columbia University, hat in ihrem soeben auf deutsch erschienenen Buch Das unwiderstehliche Imperium den Siegeszug der amerikanischen Konsumkultur im Europa des 20. Jahrhunderts untersucht. In ihrem Versuch, eine Geschichte der „soft power“ zu konzipieren, bezog sich Prof. DeGrazia zunächst auf den Ursprung des Begriffs, den Joseph Nye erstmals 1992 verwendete. „Soft Power“ erlebte seine erste Konjunktur nach dem 11. September 2001; er stand zunächst für eine erfolgreiche diplomatische Strategie und wurde oft synonym mit den Begriffen „kulturelle Diplomatie“, „Öffentlichkeitsarbeit für das Ausland“ oder „McDonaldisierung“ verwandt.

Prof. DeGrazia wandte sich dann der Frage zu, warum die USA begannen, diese Strategie zu favorisieren, welchen Zweck sie damit verfolgten und wie sich damit die amerikanische Hegemonie neu definieren ließ. Dabei stellen die Ausübung von „Hard Power“ und „Soft Power“ keineswegs ein Paradox dar, sondern können aufeinander folgen oder sich ergänzen. Prof. De Grazia diskutierte diese Thesen ausführlich anhand der Geschichte des Marschallplans. Nach Ende des Kalten Krieges sind die Instrumente des „Soft Power“ allerdings keineswegs überflüssig geworden und haben sich insbesondere im Präsidentenwahlkampf 2008 zum „Smart Power“ gewandelt.

Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande an den Gründungsdirektor des HCA

24. September 2010Junker Bvk 1

Fast genau ein Jahr nach der Einweihung des Anbaus gab es am HCA einen weiteren Grund zu feiern: Im Namen des Bundespräsidenten verlieh der baden-württembergische Wissenschafts­minister, Prof. Dr. Peter Frankenberg, dem Gründungsdirektor des HCA das Verdienst­kreuz am Bande. Er würdigte damit Prof. Dr. Detlef Junkers außerordentliches Engagement als Förderer der Wissenschaften, als akademischer Lehrer und kreativer Administrator.

Nach einführenden Worten des Vorsitzenden des Schurman Vereins, Rolf Kentner, und des Rektors der Ruperto Carola, Prof. Dr. Bernhard Eitel, ging Prof. Dr. Philipp Gassert (Universität Augsburg) in seinem Festvortrag auf die inhaltliche und institutionelle Entwicklung der Amerikastudien in der Bundesrepublik ein. Inhaltlich folgte auf die Gründungsperiode Mitte der 1940er bis Mitte der 1960er Jahre, die sich vor allem auf das Vorbild Amerika für den Aufbau der demokratischen Bundesrepublik konzentrierte, eine kritische Periode bis 1990; danach richtete sich das Augenmerk der deutschen Amerikaforscher auf Fragen der Entgrenzung und Globalisierung. Nach der Gründung von Amerikainstituten in München (1949), Berlin (1964) und Frankfurt (1979) betrat das Heidelberg Center for American Studies 2004 Neuland: als Public Private Partnership mit einer nie dagewesenen Vielfalt der Ansätze und disziplinären Kooperation. Der „Heidelberger Weg“, so Philipp Gassert, wurde eine Erfolgsgeschichte und das HCA „eine der feinsten Adressen der Amerikastudien in Europa“.

Minister Frankenberg betonte in seiner Würdigung, dass es Detlef Junker darüber hinaus gelungen sei, den guten wissenschaftlichen Ruf Deutschlands in den USA zu mehren, Kenntnisse über das jeweils andere Land zu vertiefen und damit die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA zu fördern. In seinen Dankesworten ging Detlef Junker auf die Amerikaerfahrungen seiner Generation, der ersten „wirklich transatlantische Generation in der deutschen Geschichte“, ein, bevor die zahlreich erschienenen Gäste auf das Wohl des Geehrten anstießen.
> Pressemitteilung  > RNZ-Artikel

Betsy Erkkilä – "Romancing the Revolution: Jefferson's Declaration"

15. Juli 2010Erkkilae Web

Der letzte Vortrag im Frühjahrsprogramm des Baden-Württemberg Seminars faszinierte das zahlreich erschienene Publikum und bot besonders Historikern und Amerikanisten eine neue Perspektive auf die Entstehungsgeschichte der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Betsy Erkkiläs Untersuchungen stellen sich quer zu den weit verbreiteten Annahmen über den ursprüngliche und die endgültige Version des wohl berühmtesten Textes Thomas Jeffersons. Die historische und kontextuelle Analyse Erkkiläs, die immer eng am Text bleibt, stellt eine weltliche, körperliche, „qualvolle“, leidenschaftliche, sentimentale, dichterische, moralisch utopische und radikale Version der Unabhängigkeitserklärung in den Vordergrund, die auch Auswirkungen auf die Revolution und die Gründung der Vereinigten Staaten gehabt hätte, wenn sie in der endgültigen Fassung Bestand gehabt hätte.

Die Wissenschaft hat die Änderungen des Continental Congress an Jeffersons ursprünglichem Text fast einhellig gutgeheißen und sie mit der „literarischen Qualität“ der Endversion begründet; Erkkilä dagegen plädiert dafür, die zeitgenössischen literarischen Standards anzulegen, nach denen die ursprüngliche Version eine beeindruckende, ästhetisch und moralisch einheitliche, revolutionäre Geschichte erzählt, die den Verlauf der amerikanischen Geschichte hätte beeinflussen können. Erkkiläs Argument fußt auf einer Analyse von Jeffersons erstem publizierten Werk, A Summary View of the Rights of British America (1774) und macht deutlich, das die ursprüngliche Version der Unabhängigkeitserklärung eine amerikanische Fabel über verletzte Tugenden, „qualvolle Zuneigung“, und einen königlichen Sklavenhalter ist; mit Bezug auf Jeffersons Theorie über die moralische Macht der Literatur über den Verlauf der Geschichte analysierte Professor Erkkilä die leidenschaftliche und utopische Geschichte der Revolution, die Jefferson verfassen wollte. Dieses wird besonders in den Passagen deutlich, in denen Jefferson die Sklaverei und den Sklavenhandel als eine Verletzung der „heiligsten Rechte auf Leben und Freiheit“ verurteilt, sowie in seiner leidenschaftlichen Verurteilung der Briten, die ihre rechtschaffenen amerikanischen „Brüder“ im Kampf gegen die Tyrannei im Stich gelassen hätten.

Abschließend richtete Professor Erkkilä ihr Augenmerk darauf, was die vom Continental Congress vorgenommenen Änderungen über die ´gesellschaftlichen und politischen Ängste während der Revolution und der Gründung der USA aussagen; die Passagen, die aus dem Text entfernt wurden, haben letztlich die Krise und die politischen Auseinandersetzung über die Sklaverei so lange hinausgeschoben, bis sie in einen blutigen Bürgerkrieg mündeten.

James Mohr – "The Strange Legal Origins of the American Medical Profession"

28. Juni 2010Mohr Web

Im Rahmen des Baden-Württemberg Seminars des HCA sprach James Mohr, Philip H. Knight Professor an der University of Oregon, über ein Urteil des amerikanischen Verfassungsgerichts, über dessen Bedeutung selbst vielen U.S. Juristen wenig wissen. Dent v. West Virginia (1889) erklärte ein Urteil einer unteren Instanz in West Virginia für verfassungsgemäß. Dieses hatte den Arzt Frank Dent für schuldig befunden, ohne staatliche Lizenz zu praktizieren. Nach einem Gesetz aus dem Jahr 1882 durften in West Virginia nur Ärzte praktizieren, die entweder einen Abschluss einer „renommierten“ Fakultät besaßen, eine Prüfung absolviert hatten oder seit wenigstens zehn Jahren praktizierten.

Die staatliche Gesundheitsbehörde hatte sich geweigert, Dents Ausbildung am American Medical Eclectic College in Cincinnati anzuerkennen, obwohl „Eclectic Medicine“ durchaus konventionelle medizinische Therapien der Zeit akzeptierte und lediglich den exzessiven Einsatz von Blutegeln und zweifelhaften Medikamenten ablehnte. Das Oberste Verfassungsgericht begründete die Rechtmäßigkeit der staatlichen Lizenzierung für Ärzte mit der Notwendigkeit einer gewissenhaften Ausbildung, dem umfangreichen Wissen, das für die Ausübung des Berufs erforderlich ist, und der großen Verantwortung, die Ärzte tragen.

Professor Mohr legte dar, dass diese Entscheidung bahnbrechend für die Entwicklung des Arztberufs in den USA war: Sie legte fest, welche medizinische Richtung in der Zukunft dominant sein würde; sie erklärte die staatliche Lizenzvergabe per se als verfassungsgemäß; und sie ließ eine Auswahl an Kriterien für die Lizenzverteilung zu, die zu einem Mangel an internen Regulierungsmöglichkeiten führen würde. Damit wurde der Arztberuf staatlich sanktioniert was letztlich in einer außergewöhnlich stratifizierten Berufslandschaft resultierte – nicht immer zum Wohle der Patienten.

Jeremi Suri – "The American Nation-Building Creed"

8. Juni 2010Suri2 Web

Das HCA konnte in diesem Frühjahr Jeremi Suri, E. Gordon Fox Professor of History an der University of Wisconsin-Madison, als Gastwissenschaftler willkommen heißen. In seinem öffentlichen Vortrag am 8. Juni gab Professor einen Überblick über die wichtigsten konzeptionellen Ansätze seines neuen Buchs, das unter dem Titel A Nation-Building People: The Past and Future of American Politics im nächsten Jahr bei der Free Press erscheinen wird.

Suris Hauptargument ist, dass amerikanische Bürger und Politiker seit dem 18. Jahrhundert einen bemerkenswert konstanten Ansatz verfolgen, wenn es um die Etablierung politischer oder gesellschaftlicher Ordnungen geht. Danach gehen Amerikaner insbesondere davon aus, dass sich alle Gesellschaften – die eigene und andere – um unabhängige und selbstverwaltete Körperschaften, um eine „Gesellschaft der Staaten,“ herum bilden können und sollen. Jeder Staat hat demnach repräsentative Ansprüche auf ein vereinigtes „Volk“ innerhalb eines festgeschriebenen Territoriums. Umgekehrt gibt die Existenz dieses vereinigten „Volks“ der Staatsführung die notwendige Legitimation. Diese Vision des „nation-state“ spiegelt sich in der Entwicklung der USA wieder, sowohl hinsichtlich ihrer Expansion im Inneren wie auch hinsichtlich ihres außenpolitischen Einflusses, insbesondere im 20. Jahrhundert.

Dieser Ansatz des „nation building“ ist einerseits sehr wirkungsmächtig, andererseits sehr problematisch. Vor allem tendieren Amerikaner dazu,  die Schwierigkeiten des „nation building“ zu unterschätzen; gleichzeitig überschätzen sie ihre Möglichkeiten als Vorbild und „Schirmherr“ für diesen Prozess. Professor Suris Vortrag hielt dem Publikum vor Augen, dass „nation building“ ein integraler Bestandteil amerikanischer Politik ist und gerade deswegen besondere Anforderungen an die sorgfältige und scharfsichtige politische Umsetzung stellt. Die USA können mit ihrer Vormachtstellung positive politische und gesellschaftliche Transformationen anstoßen, aber nicht überall und jederzeit. Ihre politische Führung muss dafür vernünftig und strategisch klug agieren.

Konferenz "Toward an International History of Lynching"

4.-6. Juni 2010Lynching Web

Im Rahmen der Konferenz “Toward an International History of Lynching”, organisiert vom Curt-Engelhorn-Lehrstuhl für Amerikanische Geschichte, der Forschungsgruppe „Radikaler Nationalismus und Geschlecht in den USA, Deutschland und Japan“ (Universität Heidelberg) sowie dem Hamburger Institut für Sozialforschung, kamen in den Räumen des Heidelberg Center for American Studies Forscher aus neun Ländern und verschiedenen Disziplinen wie Soziologie, Anthropologie, Kriminologie, Politik- und Geschichtswissenschaft zusammen. Ziel der Konferenz war es, das Phänomen des Lynching, das bisher meist als Ausdruck eines „negative American exceptionalism“ gedeutet wurde, aus einer vergleichenden, transnationalen Perspektive zu betrachten. Zwei Leitfragen standen dabei im Mittelpunkt: (1) Welche kulturellen, politischen und sozialen Faktoren beeinflussten die Ausbreitung und Eindämmung des Lynching? (2) In welchem Zusammenhang stehen Lynching und der moderne Staat bzw. die Entstehung der modernen Kriminaljustiz? > Konferenzbericht

Judith Wechsler – "Nahum N. Glatzer and the Transmission of German-Jewish Culture"

20. Mai 2010Wechsler Web

Für die dritte Veranstaltung im Frühjahrsprogramm des Baden-Württemberg Seminars konnte das HCA die amerikanische Dokumentarfilmerin und Kunsthistorikerin Judith Wechsler von der Tufts University begrüßen. Judith Wechsler hat zahlreiche Standardwerke der Kunstgeschichte verfasst und ist Regisseurin von mehr als zwanzig Dokumentarfilmen, darunter Monet’s Waterlillies, Rachel de la Comédie Francaise und Jasper Johns: Take an Object. 2007 verlieh ihr die französische Regierung den Chevalier dans l’ordre des arts er des lettres.

Professor Wechsler verbrachte das Frühjahr als Berthold Leibinger Stipendiatin an der American Academy Berlin, wo sie an einem Film über ihren Vater, den jüdischen Gelehrten Nahum N. Glatzer, arbeitet; ihr Vortrag am HCA gab einen Einblick in diese Arbeit und ließ Glatzer selbst in zahlreichen Wort- und Filmdokumenten zu Wort kommen. Nahum Glatzer wurde 1903 in Lemberg geboren und ging 1920 nach Frankfurt am Main, wo er zunächst an der Jeschiwa Breuer, dann an der Frankfurter Universität Orientalistik, Philosophie und Religionsgeschichte studierte. Ab 1923 hielt er Vorlesungen über Midrasch und Bibelexegese am Lehrhaus Frankfurt, dann lehrte er an der Universität Frankfurt jüdische Religionsgeschichte und Ethik in der Nachfolge Martin Bubers. 1932 erfolgte die Promotion zum Dr. phil. Nach seiner Entlassung 1933 floh Glatzer vor den Nationalsozialisten zunächst nach Palästina und emigrierte 1938 in die USA. Glatzer arbeitete als Herausgeber bei Schocken Books, wurde 1950 zum Professor für jüdische Geschichte an die Brandeis-University und 1973 an die Boston University berufen.

Judith Wechslers Vortrag stieß beim Publikum auf sehr großes Interesse und rege Nachfragen. In der anschließenden Diskussion bot sie viele persönliche Einblicke in die Biografie ihres Vaters und vermittelte damit ein umfassendes Bild über Glatzers signifikanten Beitrag zur Wiederbelebung der Judaistik in den USA sowie zur deutsch-jüdischen und amerikanischen Geistesgeschichte im 20. Jahrhundert.

UNESCO History Conference: "UNESCO and the Cold War"

4.-5. März 2010Unesco Web1

Am vierten und fünften März 2010 war das Heidelberg Center for American Studies Gastgeber der dritten und letzten Geschichtskonferenz der UNESCO (Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur). Für das HCA war dies die erste große Konferenz, inklusive englischer und französischer Simultanübersetzung, in seinem neuen Anbau, durch den sich das barocke Stadtpalais in ein kleines Tagungszentrum wandelte.

Auf der zweitägigen Konferenz wurde die oft vernachlässigte Rolle der Organisation im Kalten Krieg untersucht, zu dessen Entschärfung die UNESCO auf kulturellem, bildungspolitischem und wissenschaftlichen Gebiet beitrug. Darüber hinaus leistete die Konferenz einen Beitrag zur Frage, inwieweit die Erforschung der Geschichte zwischenstaatlicher Organisationen das Verständnis transanationaler und transkultureller Geschichte bereichern kann.

Der Eröffnungsrede von Prof. Robert Frank folgten vier Sitzungen zu den Themen “UNESCO and the Member States: In the Turmoil of Cold War Politics", "Engaging the Other Side of the 'Iron Curtain'", "In the Struggle for Peace and Mutual Understanding" und "UNESCO: A Platform for Promoting Culture, Science and Education" sowie eine Abschlussdiskussion. Die Ergebnisse der Konferenz werden auch auf dem International Congress of the Historical Sciences 2010 in Amsterdam präsentiert. > Den gesamten Konferenzreport finden Sie hier...

"The Obama Presidency – One Year On"

19. Januar 2010Obamaoneyear1

Ein Jahr nach Barack Obamas Amtsantritt zog eine Expertenrunde im vollbesetzten neuen Atrium des HCA eine Zwischenbilanz seiner Präsidentschaft. Gründungsdirektor Professor Detlef Junker erinnerte in seinen einführenden Bemerkungen an die Versprechungen, die Obama in seiner Antrittsrede gemacht hatte, und wies darauf hin, dass die augenblicklichen Zustimmungsraten des Präsidenten die niedrigsten seit Einführung der Gallup Meinungsumfragen sind.

Daran anknüpfend führte Dr. Mischa Honeck (HCA) in seinem Kurzvortrag über die umstrittene amerikanische Gesundheitsreform aus, dass die leidenschaftlichen Gegner Obamas vielerorts seinen ebenso leidenschaftlichen Unterstützern aus dem Wahlkampfjahr inzwischen weit überlegen sind. Die sogenannten „Tea Party Brigades“ stellen den Präsidenten abwechselnd als Sozialisten, Faschisten oder Stalinisten dar, sehen sich selbst aber als Vertreter des „einfachen Mannes“ und lehnen liberale Reformvorschläge grundsätzlich ab.

Dr. Martin Thunert (HCA) analysierte in seinem Beitrag die Details des Gesetzgebungsprozesses und der Finanzierung der amerikanischen Gesundheitsreform, wies aber auch darauf hin, dass viele Amerikaner die Wirtschaftskrise und die weiterhin angespannte Situation auf dem Arbeitsmarkt als weitaus drängenderes  Problem sehen.

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Dr. Karen Smith Stegen (Bremer Energie Institut/Jacobs Universität) betonte in ihrem Vortrag, dass der Klimawandel nicht herbeigeführt werden kann, solange sich der Energiekonsum der U.S. Amerikaner nicht wandelt. Ein sinkender Verbrauch und die stärkere Nutzung regenerativer Energien würden die USA zudem weniger abhängig von Energieimporten machen. Obama konnte allerdings in Kopenhagen nur völlig unzureichende Angebote machen, da die entsprechende Gesetzgebung vom Senat noch nicht verabschiedet worden war. 

Dr. John Deni (HCA) wandte sich der Afghanistan- Problematik zu, und erinnerte daran, dass dieser Krieg nach Ernennung eines neuen Oberbefehlshabers und der Truppenaufstockung durch die Obama Administration jetzt als „Obamas Krieg“ wahrgenommen wird. Deni erwartet, dass eine Entscheidung über den Beginn des Truppenabzugs 2011 fallen wird.

Anschließend präsentierte Jeff Jowett (Republicans Abroad) eine sehr kritische Sicht der Amtsführung Obamas, die er als gescheitert ansieht, insbesondere hinsichtlich der Außenpolitik, die die USA geschwächt hätten, und der Gesundheitsreform, die von der Mehrheit der Amerikaner abgelehnt werde. Für die Wahlen im November – und die Nachwahl in Massachussetts, die an diesem Tag stattfand – sagte Jowett deutliche Siege der Republikaner vorher.

Francois Rolland (Democrats Abroad) dagegen betonte, dass Obama auf einem guten Weg sei und bereits ein Viertel seiner Wahlkampfversprechen umgesetzt habe – der Präsident wird bekanntlich auf vier Jahre gewählt. Zudem habe Obama Amerikas Ansehen in der Welt wiederhergestellt.

Die anschließende lebhafte Diskussion drehte sich hauptsächlich um die Gesundheitsreform, die amerikanische Außenpolitik und die Frage, ob ein amerikanischer Präsident jemals die Erwartungen erfüllen könne, die in ihn gesetzt werden.

Daniel Halberstam – "The Constitutional Challenge: Authority and Conflict in Europe and America"

4. November 2009Dscf2057

Am 4. November hielt Prof. Daniel Halberstam im Rahmen des Baden-Württemberg Seminars des HCA einen Vortrag zum Thema “The Constitutional Challenge: Authority and Conflict in Europe and America”, in dem er ein besonderes Augenmerk auf die derzeitige Verfasstheit der Europäischen Union legte. Daniel Halberstam ist Juraprofessor an der University of Michigan Law School. In der Vergangenheit arbeitete er als juristischer Berater für das amerikanische Justizministerium. Er ist außerdem Gründungsdirektor des European Union Center an der University of Michigan. Sein Vortrag fand in Kooperation mit der Deutsch-Amerikanischen Juristen-Vereinigung statt.

Zunächst begrüßte PD Dr. Martin Thunert, Politikwissenschaftler am HCA, sowohl Redner als auch Zuhörer. Er wies dabei darauf hin, welch große Aktualität der Vortrag Halberstams durch die defacto Ratifizierung des Lissabon-Vertrags gewonnen habe. Der tschechische Präsident hatte am Vortag den EU-Reformvertrag unterschrieben und somit sein Inkrafttreten ermöglicht. Auch Dr. Winfried Brugger, Professor für Öffentliches Recht an der Universität Heidelberg, nahm in seiner anschließenden Überleitung zum Vortrag Bezug auf das aktuelle Tagesgeschehen und erinnerte an die kürzlich gehaltene Rede der Bundeskanzlerin vor dem US-Kongress.

In seinem Vortrag verglich Halberstam deutsche und amerikanische Verfassungsstrukturen, insbesondere die Fragmentierung der Regierungsgewalt. Dabei stellte er die Beziehungen der europäischen Mitgliedsstaaten zur EU und die der einzelnen Organe der amerikanischen Staatsgewalt einander gegenüber. Konflikte innerhalb der EU und zwischen dem Obersten Gerichtshof der USA, dem Kongress und dem Präsidenten seien letztlich Auseinandersetzungen über die Frage, wer individuelle Rechte besser schützen könne. Diesen Anspruch versuchten die jeweiligen Konkurrenten dann zu untermauern, indem sie jeweils ihre Mitspracherechte, Kompetenz oder Berechtigung betonten. Halberstam kam daher zu dem Schluss, dass Mitspracherechte, Kompetenz und Berechtigung die grundlegenden Werte des Konstitutionalismus seien. Halberstams Vortrag stieß bei den zahlreichen Zuhörern auf außerordentliches Interesse; davon zeugte die äußerst lebhafte und fruchtbare Diskussion, die auf seine Ausführungen folgte.

Philip D. Zelikow – "America and the World in a Time of Transition"

9. Oktober 2009

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Baden-Württemberg Seminar referierte Philip D. Zelikow am Freitag, dem 9. Oktober 2009, im HCA zum Thema “America and the World in a Time of Transition”. Zelikow ist White Burkett Miller Professor für Geschichte an der Universität von Virginia. Philip Zelikow war Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates der Vereinigten Staaten von Amerika und arbeitete für George W. Bushs Übergangsteam. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde er mit der Ausarbeitung einer neuen nationalen Sicherheitsstrategie betraut. Später wurde er zum Executive Director der 9/11 Kommission berufen. Derzeit ist Zelikow unter anderem Mitglied des Global Development Program Advisory Panel der Bill und Melinda Gates Stiftung.

In seinem Vortrag erläuterte Zelikow die Rolle Amerikas in der Welt aus dem Blickwinkel eines Historikers und stütze sich dabei auf drei Begriffe, die seiner Meinung nach essentiell sind, um Amerika und die Welt in einer Zeit des Übergangs zu verstehen. Als erstes benannte er die „neuen Herausforderungen“: Über Jahrhunderte hinweg habe sich die Welt konstant verändert und ständig sei die Menschheit vor neue Herausforderungen gestellt worden, so Zelikow. Eine der wichtigsten Änderungen, die das Geschehen der Weltgeschichte beeinflussten, sah Zelikow im Fall der Berliner Mauer vor zwanzig Jahren. Als einen weiteren zentralen Begriff nannte Zelikow „stark und schwach“. In der Regel seien die Institutionen eines Landes stark, die Regierung seiner Auffassung nach aber eher schwach.

Am Ende seines Vortrages sprach Zelikow über Amerika und seinen Platz in der Welt. Dabei kam er zu der Erkenntnis, dass die USA seit dem Kalten Krieg kein „Master-Script“ für ihre Außenpolitik mehr hätten. Laut Zelikow seien Masterpläne von enormer Bedeutung für ein Land, da diese eine gemeinsame Richtung sowie Orientierung vorgeben würden. Solange es einen Masterplan gebe, würden beispielsweise Parteien an einem Strang ziehen. In der Vergangenheit sei es so gewesen, dass diese Masterpläne die Amtszeit einer Regierung überdauert hätten und auch bei einem Regierungswechsel weiter verfolgt worden seien. Den Grund für die Tatsache, dass die USA in der Vergangenheit vergleichsweise wenige Masterpläne gehabt hätten, sieht Zelikow vor allem darin, dass die amerikanische Politik eher dazu neige, reaktiv anstatt proaktiv zu handeln. Der letzte Masterplan, den die USA gehabt hätten, sei der Kalte Krieg gewesen. Über vier Jahrzehnte war es das Ziel der USA gewesen, den Einfluss der Sowjetunion durch politische, ökonomische und militärische Anstrengungen einzudämmen bzw. zurückzudrängen. Doch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hätten die USA plötzlich keinen Masterplan mehr gehabt. 2001, nach Jahren ohne „Master-Script“, hätten die Amerikaner geglaubt, endlich wieder einen Masterplan zu haben: Den Krieg gegen den Terrorismus. Doch dies sollte nicht der Fall sein. Die USA hätten  versucht, Bin Laden in die Rolle Stalins - eine Rolle, die sie kannten -  zu zwingen, aber dies sei ihnen misslungen. Heute, im Jahr 2009, hätten die Amerikaner noch immer kein „Master-  Script“ und „sie versuchen weiter, herauszufinden, was ihre Aufgabe in dieser Welt ist“, so Zelikow.

Rick Atkinson – "Bringing Back the Dead: History, Memory, and the U.S. Army in World War II"

24. September 2009

Am 24. September 2009 leitete der Vortrag des mehrfachen Pulitzerpreisträgers Rick Atkinsons das diesjährige Herbstprogramm des Baden-Württemberg Seminars ein. Die langjährige Veranstaltungsreihe wird seit diesem Sommer erstmalig vom Heidelberg Center for American Studies eigenverantwortlich koordiniert. Mit Rick Atkinson konnte für die Auftaktveranstaltung ein ebenso erfolgreicher wie ausgezeichneter Journalist und Historiker gewonnen werden.

Als Experte für Militärgeschichte sprach er in seinem Vortrag „Bringing Back the Dead: History, Memory, and the U.S. Army in World War II“ über die Rolle der US-Armee im Zweiten Weltkrieg. Dabei ging er insbesondere auf die Gefechte in der Mittelmeerregion ein, deren Bedeutung seiner Meinung nach bis heute unterschätzt werde. Atkinson betonte in seinem Vortrag außerdem, wie wichtig die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs für das narrative Schreiben seien; dieser Krieg sei zu einem zentralen Mythos der modernen Literatur geworden.

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Rick Atkinson selbst verbindet in seinen Büchern geschichtswissenschaftliches Sachbuch und historischen Roman. Seine bisherigen Werke versteht er als Anti-Kriegsliteratur, in denen er ohne Glorifizierung das Grauen des Krieges entlarven möchte. Momentan arbeitet er am dritten Band seiner Liberation Trilogy , für deren ersten Band er bereits 2003 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde. Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller hat sich Atkinson aber vor allem als Journalist bei der Kansas City Times und der Washington Post einen Namen gemacht.

Mit seinem Vortrag stieß Atkinson bei den Zuhörern auf sehr großes Interesse. In der anschließenden Diskussion erläuterte er weitere Details der Kriegsstrategie auf Seiten der Alliierten und erörterte seine Sicht auf das heutige Verhältnis zwischen den USA und Deutschland. Abschließend stellte er die Frage, welche Rolle die USA zukünftig im internationalen Staatengefüge einnehmen soll.

Robert Cherny – "The 2008 Election in Historical Context"

25. Juni 2009

Am 26.05.2009 hielt der momentan am HCA lehrende Fulbright Visiting Scholar Professor Robert Cherny einen Vortrag zum Thema „The 2008 Election in Historical Context“. Prof. Cherny hat einen Lehrstuhl in Geschichte an der San Francisco State University. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der Geschichte der USA zwischen 1865 und 1945, Politik, Kalifornien und dem Westen. Prof. Cherny war außerdem Mitarbeiter des National Endowment for the Humanities, Distinguished Fulbright Lecturer an der Staatlichen Universität in Moskau und Gastwissenschaftler an der Universität von Melbourne. Er war Präsident von H-Net und der Society for Historians of the Gilded Age and Progressive Era, Mitglied des Präsidiums der Organization of American Historians und Mitglied der Herausgeberpräsidien des Pacific Historical Review und der California History.

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Prof. Cherny ging in seinem Vortrag auf Verschiebungen in der Parteibindung der amerikanischen Wählerschaft im Laufe der Geschichte ein. Anhand der gebräuchlichen „Epochalisierung“ der amerikanischen Parteienlandschaft in fünf sogenannte Partei-Systeme analysierte Prof. Cherny die Übergänge zwischen den einzelnen Systemen. Diese liminalen Phasen sind durch zwei Schritte geprägt, einer Entfremdung der Wähler von den Parteien und ihren Programmen folgt eine Neu- oder Wiedereinordnung. Diesen Bewegungen in der Parteienlandschaft gehen bestimmte soziale, politische oder wirtschaftliche Ereignisse voraus, die das Wahlverhalten der Bevölkerung nachhaltig verändern.

In Anbetracht des deutlichen Sieges Barack Obamas bei den Präsidentschaftswahlen 2008 ging Prof. Cherny der Frage nach, ob es sich bei diesem deutlichen Sieg der Demokraten ebenfalls um einen Wendepunkt in der Geschichte der amerikanischen Parteienlandschaft gehandelt hat oder nicht. Um diese Frage beantworten zu können, zog Cherny einen Vergleich mit der Wahl Franklin Delano Roosevelts 1932, die den Beginn des fünften Parteiensystems darstellen sollte. Dabei steht Roosevelts Wahlsieg für den Beginn einer Epoche demokratischer Vorherrschaft über das Weiße Haus, die vor allem in der Unfähigkeit der Republikaner im Umgang mit der damaligen Wirtschaftskrise und der Popularität der New Deal Programme begründet liegt. Die Linderung der wirtschaftlichen Probleme durch den New Deal verhalfen den Demokraten dazu, die Nord-Süd Dichotomie, die das vierte Parteiensystem geprägt hatte, hinter sich zu lassen, was durch neue demokratische Mehrheiten in ehemals republikanischen Staaten verdeutlicht wird.

Im Umkehrschluss stellt Prof. Cherny fest, dass die Zugewinne der Demokraten bei den Präsidentschafts- und Kongresswahlen 2008 weit geringer ausfielen, als die Franklin Delano Roosevelts 1932 und dass aufgrund wesentlich schwächerer Parteibindungen der Wählerschaft, selbst eine erfolgreiche Obama-Präsidentschaft keine neue Epoche demokratischer Vorherrschaft hervorbringen wird.

M. Hochgeschwender – "Religious Fundamentalism and Neo-Fundamentalism in Twentieth Century America"

18. Juni 2009

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Harvey C. Mansfield – "How To Understand Politics: Pay Attention To Thumos"

14. Mai 2009

Am 14. Mai 2009 war das Heidelberg Center for American Studies Gastgeber eines Vortrags von Harvey C. Mansfield. Der bekannte Politikprofessor aus Harvard sprach darin über den Begriff des „Thymos“ und dessen Bedeutung für unser Politikverständnis. Die Veranstaltung fand im Rahmen des Baden-Württemberg Seminars der American Academy in Berlin statt.

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Mansfield erläuterte, dass das Konzept des Thymos erstmals in der Philosophie des antiken Griechenlandes auftauchte. Es bezeichnet das menschliche Streben nach Ansehen und den daraus erwachsenden Ehrgeiz. Daneben gilt Thymos als Bindeglied zwischen dem Mensch und dem Göttlichen, weil es einen mit dem „Guten“ verbundenen Teil der Seele darstelle. Laut Mansfield ist daher Thymos für menschliche Größe verantwortlich. Darüber hinaus legte Mansfield dar, dass Thymos maßgeblich die Politik bestimme. Seiner Meinung nach vernachlässige die Politikwissenschaft aber die Bedeutung des Thymos und Ehrgeizes. Mansfield führte diese Missachtung auf einen grundsätzlichen Unterschied zwischen den Natur- und Sozialwissenschaften und den Geisteswissenschaften zurück. Während Natur- und Sozialwissenschaften den großen Fragen menschlicher Existenz aus dem Weg gingen, stellten sich die Geisteswissenschaften diesen. Mansfield zog den Schluss, dass Natur- und Sozialwissenschaften sich für die Erkenntnisse der Geisteswissenschaften öffnen sollten. Daher müsse sich die Politikwissenschaft weit stärker mit dem Streben nach Anerkennung auseinandersetzen.

Harvey C. Mansfields Ausführungen schlossen sich inhaltlich an seinen 2007 gehaltenen Vortrag im Rahmen der Jefferson Lecture in the Humanities an. Mit der Jefferson Lecture in the Humanities wurde Mansfield die höchste Ehre zuteil, mit der die amerikanische Regierung Leistungen im Bereich der Geisteswissenschaften auszeichnet. Außerdem war Mansfield Guggenheim und NEH Fellow und Fellow am National Humanities Center. Seit 1993 ist er Inhaber des William R. Kenan, Jr. Lehrstuhls für Politik an der Harvard-Universität. Des Weiteren hat er Werke Machiavellis und Tocquevilles übersetzt und ist Autor mehrerer Bücher. Eine seiner aktuellsten Veröffentlichungen ist das kontrovers diskutierte Manliness (Yale University Press, 2006).

Zur Seite der National Endowment for the Humanities und Mansfields Jefferson Lecture in the Humanities

"Eine Präsidentschaft des Wandels? Die ersten 100 Tage der Obama-Administration"

29. April 2009

Am 29. April 2009 erreichte Barack Obamas Präsidentschaft die symbolische Marke von 100 Tagen. Seit Franklin D. Roosevelt wird dies traditionell als Anlass gesehen, die bisherigen Entscheidungen des Präsidenten zu bewerten. Aus diesem Grund trafen sich die Heidelberger Experten für US-Politik, Prof. Robert Cherny (HCA), Dr. John R. Deni (IPW) und PD Dr. Martin Thunert (HCA), im HCA, um eine vorläufige Bilanz der Amtsführung Obamas zu ziehen. Die von Dr. Jana Freihöfer moderierte Debatte konzentriert sich dabei auf Obamas Schwierigkeiten, Fehler und Erfolge in innenpolitischen wie außenpolitischen Angelegenheiten.

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US-Präsidentschaftswahl 2008 – Debatte: Demokraten vs. Republikaner

23. Oktober 2008Dscf1665

John McQueen (Democrats Abroad) & Dr. Stefan Prystawik (Republicans Abroad)

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US-Präsidentschaftswahl 2008 – Kamingespräch mit Analysen zur Wahl

5. November 2008

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mit Dr. Robert G. Livingston, Prof. Dr. Manfred Berg, Dr. Wilfried Mausbach & Dr. Martin Thunert

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"The Current Financial Crisis in the US & the Role of the US Government"

27. November 2008Dscf1721

Baden-Württemberg Seminar der American Academy in Berlin
David Abraham (Alexander von Humboldt-Foundation)
Dr. Bernd-A. von Maltzan (Deutsche Bank AG)

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Letzte Änderung: 24.05.2016
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